Posts

Also sprach Stanley Kubrick

In einer Fernsehwelt, die sich mit grenzdebilen Reality-Show-Experimenten über Wasser hält, in der Show alles ist und Nachrichten zum Infotainment gewandelt werden, gilt der Film, ja das Kino schlechthin, nicht mehr viel. Hollywood-Blockbuster werden zu Programmhöhepunkten stilisiert, Fernsehfilme vor dem Publikum versteckt. Cineastisches Kleinod wird regelrecht verbannt auf die hintersten Plätze, kurz nach Mitternacht, wo sonst nur noch splitternackte Frauen reichlich dümmliche Quizshows moderieren. Es steht schlecht um den Film im Fernsehen – nicht nur wegen derartiger Trashauswüchse, die an Erbärmlichkeit kaum zu übertreffen sind. Die teuer produzierten TV Serien aus den USA graben dem europäischen Kino- und TV-Film genauso wie den deutschen Serien das Wasser ab, weil sie qualitativ hochwertig sind und zugleich fesselnder. Sie bieten größeren Identifikationsraum und Zerstreuung, da die Konzentration fürs große Kino nicht mehr reicht. Wenn das Arthouse-Kino, europäische Autoren-...

Via regia (?)

Ich hatte einen Traum: Schwerer Regen fällt. Ich fühle mich von jedem Tropfen getroffen, bin durchnässt und laufe ohne Ziel in den Straßen umher. Immer schneller, vorwärts, ich muss ankommen. Mir fällt ein, welches Ziel meine Suche hat. Ich muss in Klausur gehen. Klausur schreiben. Ich weiß, ich komme zu spät. Angst in meiner Brust. Laufen. Der Regen will nicht weichen. Ich trage einen Pullover, keine Jacke. An mir laufen viele Menschen vorbei, sie scheinen mich nicht zu beachten. Ich bin in einem großen Gebäude, wandele dort umher, die Rolltreppe hinauf und suche verzweifelt den Ausgang. An einer Scheibe stehend, das Wetter betrachtend, verweile ich. Nur um dann noch schneller zu laufen, das Kaufhaus zu verlassen, die Rolltreppe hinab. Gitter versperren nach ein paar Metern meinen Weg. Ich finde aber einen Umweg. Durch einen breiten Seitenausgang verlasse ich das Stadiongelände. Ich bin in der Innenstadt. Ich muss den Bus nehmen. An mir rauscht bedächtig, lärmend, eine Straße...

Die Kuschelkrisenkinder

Versuch eines Generationsporträts Ich bin Teil einer Generation, die noch keinen Namen hat. Sie ist deshalb namenlos, weil sie für vieles steht und doch nichts. Meine Generation ist einsam und verloren und doch trägt sie den Impuls einer rastlosen Fröhlichkeit im Herzen. Ich nenne meine Generation die Kuschelkrisenkinder. Wir leben von dem Widerspruch, eine harmoniesüchtige Generation zu sein, die inmitten einer zunehmend aus den Fugen geratenen Weltordnung groß werden muss. Wir – das sind jene, die nur wenige Erinnerungen haben an eine zweigeteilte Welt. Wir, das sind jene, die als ersten politischen Geburtsakt den 11. September erlebten. Wir sind also jene, die live im Fernsehen beobachteten, wie die Weltordnung der letzten 200 Jahre an einem Tag von einer Maschine, die gerade für all das steht, was unsere Gesellschaft verkörpern will (Freiheit und Grenzenlosigkeit), empfindlich erschüttert wurde. Nun sind wir Zeugen einer sich verändernden Welt – aber einer mit Umw...

Tränend

Klagen, heulen, plärren, jammern, schluchzen, wimmern – einfach weinen. Die Menschheit verlernt das Flennen. Auf Trauer mit Tränen zu reagieren, welch Erleichterung wäre das? Nur noch im Kino entledigen sich die Menschen von ihren angestauten Wassermassen, salzig, düster, gläsern. Nirgends sonst. Im Dunklen, Verborgenen, dort wo das Licht und damit der Blick des Nachbarn keinen Weg in die verdeckte Seele findet, dort ist es möglich sich grämend zu ergeben. Im Lichte sogleich zu weinen ist aber vielmehr Schönheit, gleich Erleichterung und Vollkommenheit, weil Privileg statt gefühlsdiktiertes Gebot. Zu tränen, wenn das Leben mit grüblerischem Glanze Erhabenes präsentiert, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern präsentiert den Mensch als fühlendes Wesen in einer Welt, von dessen Natur er sich zu trennen glaubt. Und doch: Er, der Mensch, ist als einziger dazu begabt, die Tränenkammern mutig zu benutzen. Vor Lachen sich zu krümmen und dabei Bäche in die Welt zu gießen ist nicht nur edel, e...

The Late Greats

The greatest lost track of all time: The Late Greats' "Turpentine" I can't hear it on the radio I don't hear it anywhere I go The best song will never get sung The best life never leaves your lungs So good, you won't ever know I never hear it on the radio Can't hear it on the radio Wilco zu sehen, jene die nun das dritte Meisterwerk, Sky Blue Sky, hintereinander produziert haben, sie vor so wenigen Menschen spielend zu erleben, ihre Songs mit großem Stimmeinsatz zu begleiten, zu tanzen, zu springen, zu klatschen, zu stampfen, also einer Band zuzujubeln, die  in zwei Stunden eine elektrisierend intime Vorstellung geben kann und miteinander harmoniert, dass es eine Freude ist und gleichzeitig Songs vorträgt, die zwischen bedrückend-fragiler Schwermut und pointierter Leichtigkeit hin und her springen, ist – neben der Entdeckung Carla Bozulichs als Vorsängerin – ein unvergessliches Vergnügen. Leise flüstert Jeff Tweedy: Please don’t cry we are de...

Gelbfieber

Eine kritische Betrachtung der Simpsons vor dem Eintritt ins Kino Anschwellende Musik, einige Linien, gelb und rot, eine Stimme, die auf das Rückkehren des größten Helden der amerikanischen Geschichte verweist. Schwenk vom Superman-Dress zu Homer Simpson, der hilflos sagt: „I forgot what I supposed to say!“ Die Simpsons werden es auf die große Leinwand schaffen. Und der erste Trailer, der beinahe beiläufig Aufregung provoziert hat, beweist die große Sprengkraft kulturreflexiver, subversiver Dimension, wenn zunächst auf das Comeback Supermans angespielt wird, die Simpsons ursächlich gemeint sind und deren tragender Held vergisst, was er zu sagen hätte. Matt Groening, der große Schöpfer der noch größeren, wichtigsten Zeichentrickserie aller Zeiten hatte ein halbes Leben lang darauf bestanden, dass ein Kinofilm ein endgültiger Abschluss seiner Serie wäre. Ein Film würde sozusagen das Gesamtwerk abrunden, es veredeln und damit endgültig unsterblich machen. Diese Einstellung stammt a...

Kommentar zum Kommentar

Die unendlich verzweigten Möglichkeiten des Internets ermöglichen globales Kommunizieren und Agieren. Es ist ferner möglich, zu jedem Thema seine Meinung loszuwerden. Ob dies gut ist oder nicht – das bleibt eine Frage, auf die man heute vielleicht noch keine Antwort geben sollte. Zumindest erwirbt das Individuum eine urdemokratische Kraft, die es hoffentlich geschickt zu nutzen weiß. Die Wahrheit sieht aber oftmals anders aus: Spam regiert die Welt . Und wenn es nicht gedankenloser, blödsinniger Datenmüll ist, so wird doch gerne versucht, unter vermeintlicher Anonymität irgendeine Idee loszuwerden, die nur wenig Erbauliches enthält. Sprich: Bullshit. Und wenn Harry Frankfurt nicht schon publikumswirksam alles dazu gesagt hätte, so wäre sicherlich ein netter Text aus der Idee entstanden, einen kläglichen Kommentar zu bewerten. Nein, andersherum geht es besser. Aus jedem Mist kann eine zarte Blume entwachsen und Schönheit beweisen, wo sie gar nicht angenommen wird. Gute Rhethori...

Don’t Look Now

Eric Harris, Dylan Klebold, Robert Steinhäuser, Bastian B., Cho Seung-hui. Es sind die immer gleichen Bilder, die immer öfter uns bedrängen und ins weite Feld des Unbewussten verdrängt werden müssen: Jene von jungen Menschen, die martialisch mit der Waffe prahlen, die von ihr Gebrauch machen, als wäre das Leben ein Videospiel – die töten, ohne Sinn und Verstand. Die Bilder verlieren ihre Intensität, denn sie gleichen sich auf das Deutlichste. Was aber kann es Schrecklicheres geben, als dass sich Ereignisse wie diese, die den Menschen doch aufs Tiefste erschüttern müssen ob ihrer Grausamkeit und Sinnlosigkeit, in eine Welt einbrennen, die diese Bilder in alle Haushalte dieser Welt überträgt und ihre Zuschauer damit alleine lässt? Die Schockwirkung verflüchtigt sich, das Grauen verkommt zum schweigenden Starren auf den Bildschirm. Die Erwartungen, wer sich hinter den Mordtaten verbergen könnte, verkümmern zur vorbewussten Erkenntnis: Außenseiter, einsam und abgeschottet in einer Wel...
Nachtmusik, eine kleine Die Lichter gelöscht, die Gedanken bedeckt, den Körper in wohlige Wärme gehüllt, entfliehe ich der Welt in Träumen und sanften oder auch aufgeregten Schlaf. Doch es gibt etwas, das meinem Tage – so spannend und langweilig er auch gewesen sein mag – eine sich dehnende Note von Ausklang schenken kann und das ist die mäandernde Kraft der Nachtmusik. Ich schließe meine Augen, verabschiede mich vom Tag und habe dabei meine Ohren mit zwei kleinen Stöpseln versehen, die, mit einem Kabel verbunden, zu dieser magischen Box führen, aus der sogleich, ohne großartigen Aufwand, ein Universum über meine Hörmuschel in die Seele getragen wird. Bilder verschlingen sich in meiner rigiden Gedankenwelt mit dem pochenden Rhythmus meines im Klang der Musik badenden Herzens. Das Schlagzeug klopft, die Gitarre zerrt, dunkel und tief formt sich der Bass. Wabernde Gesangkaskaden schlagen sich mutig durch das Gestrüpp meines Gefühlsdschungels. Da kann das Moll leise und geduckt verweilen ...
Ich greife in den Regen und sehe Bilder , die mich schreien lassen vor Schmerzen und Verzückung. Tränen rinnen mir über die Nase. Musik erklingt aus meinem Herzen, weckt die schlafenden Vögel auf dem kahlen Ast. Ein sanfter Windstoß umfließt das Kuckucksküken auf dem Baum, der dorrt und leise knarrzt. Wundersam ist das Pfeifen in meinen Ohren, da ich auf den schweren Boden starre, der sich leblos nicht bewegt. Verwirrt, entstellt und beinahe lieblich setzt ein Kätzchen seinen Weg fort in einer Welt, die es nicht versteht. Wohin, fragt sich der alte Mann, der auf der alten Bank am Teich sitzt und der seine Gedanken kaum mehr kontrollieren kann. Das Mädchen, das den Enten Brotkrummen zuwirft, ist erstaunt über das funkelnde Lächeln des Alten und schließt berückt die Augen. So gelangt ein Schwanenjunges auf das feste Land, wandelt unbeholfen hin und her. Mit kreischverzerrtem Gesicht beachtet es ein kleines Kind aus seinem Wägelchen, findet dann zu einem Blinzeln und schweigt für nur weni...
Jahrmarkt der neuen Eitelkeit Deutschland hat ein neues Magazin. So springen einem die weißen Lettern auf schwarzem Grund in die Augen. Der Preis verzückt (1 Euro), die goldene Gravur verrät Luxuriöses: Vanity Fair hat Einzug erhalten. Vanity Fair ist nicht nur ein Projekt, es scheint eine Mission zu sein. Es rumorte schon Monate vor Veröffentlichung dieser mammutähnlichen Super-Ausgabe in den Blätterwäldern, was denn dort auf Deutschland zukommen könnte. Die Redaktion brüstete sich, etwas Intellektuelles, Besonderes, Richtungsweisendes zu schaffen, das Woche für Woche die Leser auf höchstem Niveau beeindrucken und fesseln soll. Die Aufregung ist schlicht erklärbar – sie entsteht aus der Tatsache heraus, dass sich all die großen Wochenblätter seit mehr als 10 Jahren konkurrenzlos fühlen dürfen und im Grunde inhaltlich und ideologisch an Rennomé verloren haben. So war alleine schon die großspurige Ankündigung eines neuen Magazins, das wöchentlich erscheinen wird und dann auch noch den...
Hier/Dort Ich sitze im Zug, der immer schneller wird und überlege, während Musik mein Ohr beschallt, die Menschen um mich herum zu einem Rauschen verschwinden und fremde Landschaften an mir vorbei rasen, wer ich eigentlich bin, was ich eigentlich will und wo ich mich gerade befinde. Ich lag, meine Liebste, vor Stunden noch neben dir und während du süßlich atmetest und sanft schliefst, waren meine Augen starr und weit geöffnet. Schwermut hatte mich längst ergriffen, als ich zu weinen begann und wusste, dass ich dich bald verlassen würde. Wieder einmal weg. Ich werde bald den prasselnden Regen und die dunklen Wolken erahnen, die auf mich warten. Ich werde einsam auf dem Sofa sitzen, die flammenden Bilder des Fernsehers werden meine Gedanken und meine stille Trauer verdrängen und dann werde ich mich sobald ich kann ins Bett begeben um zu schlafen. Ich werde es nicht können – und wenn doch, dann wird es ein traumloser Schlaf sein. Ich bin im Hier, das ein Nirgendwo ist und überlege, wo sic...
Triptychon der Un-Fähigkeiten Lebensunfähigkeit Manchmal, so denke ich mir, wenn ich vor mir die vielen Menschen sehe, die ihr Leben versuchen mit der größten Präzision und Kontrolle zu gestalten, ist es doch so, dass ich lebensunfähig bin. Welch hartes Urteil das doch ist. Aber es ist so. Und doch entspringt dieses Gefühl einer inneren Regung, die es erst einmal zu erklären gilt, wenn man zumindest verstehen will, was es bedeutet, lebensunfähig zu sein. Lebensunfähigkeit ist nicht Todsein. Lebensunfähigkeit ist nicht das Nichts. Lebensunfähigkeit meint das Verharren in einer Innerlichkeit, die es unmöglich macht zu handeln und damit das Herz beschwert mit einer Melancholie, die das ganze Leben lang tief verborgen, aber doch fühlbar schwelt– wie ein Engel, der schweigsam über einem schwebt. Das Praktische ist nicht Heimat des Lebensunfähigen; das Theoretische lässt ihn das gesamte Leben in einer Welt übernächtigen, die mehr Exil ist als sie von einem Zuhause versprechen könnte. Niemand...
Inspiration Es fällt so leicht von Ängsten, Schrecken, Trauer, Freuden und Schönheit zu erzählen – die Künste der Menschen legen beeindruckend Zeugnis davon ab. Ich aber will fragen, warum es so schwer ist von Inspiration zu reden, warum es so unbegreiflich schwierig ist, auszudrücken, warum man so geworden ist, wie man ist. Allerlei Motivationen werden in biographischen Rückblicken erfunden für die unterschiedlichsten Menschen. Jeder kann für sich selber behaupten, er wäre so oder so. Und einige besonders edle Geschöpfe führen dann noch einen Grund an, warum sie so handeln. Ein spezielles Erweckungserlebnis, das quasireligiös von der Größe eines Sinneswandels zu sprechen versucht, der zumeist an einem, in einem oder mit einem passiert ist. Ich will mich gar nicht davon frei machen, dass es mir da ähnlich geht. Ich möchte aber behaupten, dass ein solches Erlebnis, wenn es denn wirklich in einem solchen Maße von Bedeutung wäre, eine intensive Intimität hätte, die es verbieten würde, vo...
November Eine freie Assoziation November du bist dunkel, kahl und kühl, gesichtslos gar, manchmal so traurig, dass ich dich kaum verstehen kann. Deine Stimme verzagt im Dunst des Regens. Du spielst den kargen Blues eines alternden Mannes, der den nahen Tod achso schrecklich spürt. Du riechst, wie furchtbar es ist zu verwesen. Und doch besitzt du eine wunderbare Magie – eine, die mit einfachen Worten nicht zu umschreiben ist, denn sie ist eine bitterliche. Melancholie ist dir ferner als du glaubst, als du es wolltest. Das sagst nicht du, das sage ich, denn ich bewohne dich. Keine Angst will ich vor dir haben, doch habe ich sie trotzdem, denn deine manischen Klauen haben mich schon erfasst. Ich weiß nicht, wie ich mit dir umgehen soll, du bist so rätselhaft. Ja, was gibt mir das Recht, dich anzusprechen, wo du doch nur Schrecken schenkst. Viele kennen dich nicht. Diese Mutigen – es sind doch nur wenige – erleben ihre verschenkten Tage nicht mit dir und doch mit anderen Musen. Du bist mir...
Ode an den Menschen, den man nur zu kennen glaubt Da steht sie dir gegenüber und du starrst ihr direkt in ihr Gesicht. Schweigen. Was soll gesagt werden, was bleibt nicht in den Windungen des brütenden Hirns? Keine Kommunikation. Oder dort steht er und du weißt, dass Verlegenheit dein Antlitz ziert, deine Hände manisch sich falten. Schweigen. Auf ein Wort…doch keines kommt. Dort neben dir liegt das prosaisch-hübsche Wesen, still atmend, zärtlich blinzelnd. Kein Ton, keine Silbe – Ruhe ohne zu verstehen. Nebst all den Menschen, die du liebst, steh er und nennt sich auch dein Freund. Kenne ich ihn? Nein, im Grunde weiß ich ja gar nichts über ihn. Jahre neben mir, bei mir, über mir, unter mir kann sie sein; kenne ich sie? Wie oft nur sage ich Hallo und meine Erzähl mir von dir. Immer seltener entspringt aus deinem Mund ein Wort, das mir signalisiert, dass du mehr bist als ein Nebenrauschen, das man nicht abstellen kann und das nur verzweifelt hypnotisch wirkt. Wäre es weg, ja wärst du weg...
American Beauty gesehen. Geweint. "It was one of those days when it's a minute away from snowing and there's this electricity in the air, you can almost hear it. And this bag was, like, dancing with me. Like a little kid begging me to play with it. For fifteen minutes. And that's the day I knew there was this entire life behind things, and... this incredibly benevolent force, that wanted me to know there was no reason to be afraid, ever. Video's a poor excuse, I know. But it helps me remember... and I need to remember... Sometimes there's so much beauty in the world I feel like I can't take it, like my heart's going to cave in."
Requiem Oh welch garstiger Anblick. Vor meinem erschrockenen Auge liegt ein toter Vogelkörper. Vermutlich eine Amsel. Die kleinen Äuglein geschlossen, die Flügel schlaff, die Zehen sich windend verzweigt. Ich hielt mit all der Kraft meines Herzens inne. Es scheint, so oft man sich auch des Blickes auf ein totes Lebewesen gewahr wird, immer wieder eine so unendlich schmerzliche Situation zu sein, zu begreifen, welches Leid, welche Macht hinter diesem Prozess liegen muss, dessen Essenz wir nur hinter der allumfassenden Angst vor dem Tod erahnen können. Ich nahm ein Taschentuch, das Tier in die Hand, um es zu beerdigen. Jedes Lebewesen hat es verdient mit Würde behandelt zu werden. Ein Gebet beschloss den Akt des Abschiednehmens. Nur Minuten später: Ich höre das vollständige Requiem Mozarts. Bedächtigkeit.
Versunkene Schätze Regen tüpfelt sanft über die Fensterscheibe und wird vom stetigen Wind in unzählige Richtungen verbannt. Äste wiegen sich im asynchronen Takt eines elektrisch aufgeladenen Nachmittages und Musik kommt aus den geduldigen Lautsprechern des CD-Players: Spätestens jetzt weiß ich, dass November eben auch ein metaphysischer Zustand ist; kaum gebunden an ein Datum, nicht getarnt durch Temperaturen. Die Augen geschlossen denke ich an einen Ort, der vermutlich nur meine Träume erhellt und frage mich, wann sich denn diejenige meldet, der ich just eine kleine Nachricht zukommen ließ. Tränen würden meine Augen beschweren, wenn ich nicht wüsste, dass alles gut wäre, alles soweit okay. Und doch quellen winzige Tröpflein parallel zu den argen Regentropfen aus meiner Schwermutsdrüse. Alles für einen Moment vergessen und einem Song lauschen, der zum Augen schließen anregt, einen Tee trinken und die Wärme und den Geruch genießen, bevor sich das heiße Gut in die Kehle ergießt. Einfach ...
9/11 I Es war bedrohliche Stille, die sich in diesem Moment über das Geschehene legte. Einfach nur Stille. Dann erklommen entsetzliche Schreie, wütende Sirenen und Angst die Situation, die wir heute als Start- und Fixpunkt mit dem 11. September und 8:46 Uhr beschreiben können. Die Welt war von diesem Zeitpunkt eine andere. Der 11. September 2001 hat zwei Zeitgebilde. Abstrakte Welten, die getrennt voneinander existieren. Hier ist das Geschehen, das sich als Realität – unfassbare Realität – in unsere Seelen bohrt. Live im Fernsehen gesendet und damit bedrohlich zugleich, erscheint das Gesehene irreal und überreal zugleich. Dann ist dort diese zweite, eigentümliche Zeitebene, die nicht zu trennen ist von dem, was 3000 Menschen das Leben kostete: Milliarden Menschen, die wissen, was sie an jenem Tag getan und gedacht haben. Menschen, die jede Träne ins Gedächtnis zurückrufen können, die sie vergossen haben und jede Sekunde dieses Tages noch lebhaft in Erinnerung zurückrufen können. Diese ...