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Die Unfähigkeit zu trauern

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Am 14. Oktober verschwinden von einem Moment auf den anderen 170 Millionen Menschen. Exakt zwei Prozent der Menschheit. Keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. Niemand weiß eine Antwort darauf, warum es die einen aus der Welt geworfen hat und die anderen nicht. In einigen Städten gibt es nicht eine Person, die vermisst wird, in anderen Orten werden ganze Familien radikal dezimiert. Irgendwann einigen sich die Verbliebenen, die keine plausible Erklärung für das Ereignis finden, von einer plötzlichen Entrückung zu sprechen. Ein Forschungsinstitut wird gegründet, das statistisch erfassen soll, was all die Verschwundenen gemeinsam hatten. Viele wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer. Kommen ihre Lieben, ihre Freunde, ihre Nachbarn wieder zurück? Getrauert werden kann nur um Tote, nicht um Verschwundene… Wie mit den Zweifeln umgehen? Doch der Alltag muss für die Zurückgelassenen weitergehen. Arbeit muss getan werden, Kinder müssen erzogen werden, Einkäufe sollten erledigt werden. Irge...

Keine Angst!

▶︎Fünf Sekunden tief durch die Nase so viel Sauerstoff wie möglich einatmen. Dabei an etwas Schönes, Hoffnungsvolles, Berührendes denken.  ▶︎ Fünf Sekunden den Atem anhalten.  Dabei versuchen, an überhaupt nichts zu denken. ▶︎Fünf Sekunden, oder so lange es möglich ist, durch den Mund ausatmen. Dabei an etwas Schlechtes, Trauriges, Unangenehmes denken. ▶︎ Diese Übung bis zu drei Mal am Tag jeweils zehn Minuten lang praktizieren.

Glaubenssatz

Ich glaube daran, dass man Krisen nicht sofort heilen sollte, dass man Trauer nicht therapieren darf, dass Denken nicht zu Lösungen führen muss und dass Sprache nicht als Reparaturwerkzeug misszuverstehen ist.

Liebe ohne Leid

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Das Kino hat uns die Künstliche Intelligenz schon sehr früh auf den Hals gehetzt. In Stanley Kubricks Sci-Fi-Opus „2001 – Odyssee im Weltraum“ ist es schon zur Jahrtausendwende soweit. Die Raumschiff-KI HAL9000 entpuppt sich hier bekanntlich als Tötungsmaschine, weil sie mit gewissen ambivalenten menschlichen Eigenschaften überfordert ist. In „Terminator 2“ endeten gar schon am 29. August 1997 drei Milliarden Leben, weil die Menschheit einer Superintelligenz lästig geworden ist.  Alles ganz schön pessimistisch. Dieses Urteil verfestigt sich, wenn man nun noch einmal „Her“ von Spike Jonze anschaut. 2013 wirkte die tragikomische RomCom mit Joaquin Phoenix, der sich Hals über Kopf in eine Künstliche Intelligenz namens Samantha (mit der Stimme von Scarlett Johansson) verliebt, wie eine schrullige Prophetie. Nun ist es ein geradezu unheimlicher, weil erschütternd gegenwartsgesättigter Film.  An dem Thema Künstliche Intelligenz kommt man auch in diesem Jahr schwer vorbei. Allein, ...

Beruhigung und Befriedung

Zur Überwindung seelischer Schmerzen wird vor allem ein starker Verstand benötigt. Wer der Quelle seines Leidens geistig nicht näher kommen kann, erreicht höchstens Beruhigung, aber nicht Befriedung.

Der feine Unterschied

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Der Unterschied zwischen Melancholie und Depression, zwischen Trauer ohne Grund und Krankheit, hat die Menschen trotz sich verändernder Genie- und Gesundheitsdiskurse schon immer beschäftigt. Im mal größer, mal kleiner werdenden Spalt zwischen den beiden Polen offenbart sich die Würde, die eine Gesellschaft ihren Außenseitern und Versehrten zugesteht.

Schwach-Sinn

Erst im Schwachsein, ob nun selbst herbeigeführt oder dazu genötigt, hat der Mensch Zugang zu seinen inneren Wunden. Das allein ist noch kein Schritt zur Tat, aber mit der Einsicht, dass es schmerzt, nährt sich die Vorstellung oder vielmehr die Gewissheit des eigenen oder fremden Unglücks. Es ist paradox, aber nur so vergrößert sich der Handlungsspielraum des Leidenden. In der Wut meint er, klar zu sehen, doch eigentlich ist alles vernebelt. Verzweiflung hingegen ist nur der emotionale Ausdruck des Willens, nicht schwach sein zu wollen. Nur mit Tränen in den Augen werden neue Welten geboren. 

Camoufliert

Manchmal tarnt sich Traurigkeit als Müdigkeit. 

Erbarmen

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Der Apokalyptiker (1): Fragmentarische Versuchsanordnungen

Michael Haneke ist einer der letzten Vertreter eines aussterbenden europäischen Kinos, das seinen Zuschauern emotional und intellektuell alles abverlangt. Notizen zum Lebenswerk eines radikalen Denkers.  In einem Interview sagte Michael Haneke einmal, dass er sich nicht als glücklichen Menschen bezeichnen würde. Das dürfte die Zuschauer seiner Filme kaum überraschen. Sie haben keine Happy Ends (und trotzdem drehte der in München geborene Österreicher einen Film mit genau diesem Titel). Sie vermitteln vor allem im Frühwerk den Eindruck, kühl inszenierte Versuchsanordnungen zu sein und in der Regel kommen Menschen und Tiere auf grausame Art und Weise zu Schaden.  „Ich tendiere dazu, melancholisch zu sein“, fügte Haneke seiner Feststellung in dem Gespräch an. „Als Melancholiker kann man sich schon recht glücklich fühlen.“ Jene Dialektik, die der Filmemacher für seine eigene Lebensweise behauptet, prägt auch seine durchaus auf mehrere Arten persönlichen Werke, die stark...

Menschen weinen

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Menschen weinen, weil sie verzweifelt sind. Weil sie einen Menschen verloren haben. Weil sie mit ihrem Partner gestritten haben. Weil sie Liebeskummer haben. Weil sie wütend sind. Weil sie enttäuscht sind. Weil sie sich selbst bemitleiden. Weil sie Angst haben. Weil sie Schmerzen spüren. Weil sie gestresst sind. Weil sie erschöpft sind. Weil ihr Haustier Schmerzen hat oder gestorben ist. Weil jemand in Not unerwartet Hilfe bekam. Weil sie Mitgefühl haben. Weil sie erleichtert sind. Weil sie glücklich sind. Weil sie von Musik gerührt sind. Weil sie von einem Film bewegt wurden. Weil ihr Sohn oder ihre Tochter geboren wurde. Weil sie den Sieg oder die Niederlage in einem sportlichen Wettkampf gesehen haben. Weil sie Gründe dafür haben, die nur sie selbst kennen. 

Kriegsschauplatz

Die grausamsten Krieger sind nicht jene, die innerlich verroht sind oder vor den Gefechten schlottern. Es sind die Bornierten, die glauben, ein Schlachtfeld nicht betreten zu müssen. 

Melancholiemodul

 „You can have my last peso, but you can't have my melancholiemodul.“ (Frei nach Martin Kippenberger)

A Man Called E

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Viele Musikerinnen und Musiker singen über Seelenqualen und Schicksalsschläge, Mark Oliver Everett hat den Scheiß erlebt.  Er verlor innerhalb kürzester Zeit seine komplette Familie. Seinen Vater, ein Physiker, der zu seiner Zeit verlacht wurde, aber die heute anerkannte Viele-Welten-Idee miterdachte, fand er mit 19 Jahren tot im Bett. Sein alter Herr hatte schwere Depressionen. Nancy, die Mutter des Sängers, war familiär ebenfalls mit psychischen Erkrankungen vorbelastet; ihre Mutter Katherine schrieb zwischen ihren Krankenhausaufenthalten Gedichte. Nancy neigte zu hysterischen Heulanfällen und kindlichem Verhalten und überließ die Kinder sich selbst. Sie verstarb an Lungenkrebs. Everetts sechs Jahre ältere Schwester Liz war lange Zeit seine Bastion gegen all den Wahnsinn. Er liebte sie abgöttisch, wie man in der wundervollen Autobiographie „Glückstage in der Hölle“ (treffender im Original: „Things The Grandchildren Should Know“) nachlesen kann. Aber sie erbte auch den Hang zur G...

Die heilende Kraft des Zähneputzens

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Wenn das Leben außer Takt gerät, dann wird oftmals zuerst auf das tägliche Zähneputzen verzichtet. Einmal nicht mit der Bürste hantieren, kann ja nicht so schlimm sein. Ein paar Minuten am Tag. Gespart. Aber warum wird ausgerechnet an der Dentalhygiene geschraubt? Neben den täglichen Dringlichkeitsverrichtungen ist diese Waschung doch von eigentümlicher Geometrie.  In der Dusche oder Wanne gibt es ja stets einen neuen Rhythmus. Der Waschlappen verträgt sich gut mit der Improvisation. Aber das Gebiss wird ab einem bestimmten Alter ganz mechanisch fast immer gleich bearbeitet. Selbst die Menge an Zahnpasta, die auf das analoge oder digitale Borstengestell aufgetragen wird, bleibt fast immer ähnlich, je nach Schaumbedürfnis und Vorliebe für die richtige Zahncreme. Die Minznote ist entscheidend. Manche mögen es scharf, andere akzeptieren es salzig, wenn nur die Inhaltsstoffe stimmen.  Dann rotiert die Bürste. Rechts, links, im Uhrzeigersinn, im 4/4-Takt, mal mit federnder Leichtig...

Trübsal

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Ohne Titel (Studie zur Verzweiflung)

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Burning Down The House

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Depression, das ist, als würde man seinem eigenen Haus dabei zusehen, wie es verbrennt. Die Flammen lodern, vom Wind geleitet. Das Gebälk biegt sich und knackt. Die Luft ist von schweren Rauchschwaden gedrückt. Kein Schritt näher, denn man könnte verbrennen. Aber auch keinen Schritt fort, denn dann ist alles verloren. Es bleibt nur ein Gedanke: Wozu noch Hilfe rufen? Es brennt doch schon lichterloh. 

Die Durchtherapierten

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Blick in den Spiegel: Du bist es wert, dass man dich gut behandelt. Du bist stark. Du hast es verdient, dass die Menschen dir zuhören. Du musst keine Angst haben, es gibt keinen Grund dafür. Jetzt bist du mal dran. Vor langer Zeit war es einmal anders. Da pumpte das Herz, stockten die Grübeleien das Leben aus. Ohne Hilfe wäre es nicht weitergegangen. Gesprächstermine. Es sind eigentlich keine Unterhaltungen auf Augenhöhe, aber es fühlt sich manchmal so an. Sitzungen. Endlich einmal sprechen und einer hört vorbehaltlos zu. Manchmal ist das anstrengend, insgesamt aber löst es den Druck vom Brustkorb. Vielleicht gibt es ein Beruhigungsmittel dazu, es muss nicht einmal hochdosiert sein. Irgendwann ist die Spurensuche nach den Problemen für die seelischen und körperlichen Eruptionen abgeschlossen. Der Diagnose folgt ein Therapieziel. Dem Therapieziel schließt sich eine Prognose an. Ist die Alltagsfähigkeit wiederhergestellt, dann besiegelt ein letzter Handschlag die Festigkeit der mentalen ...

Nachtspaziergang

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