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Der väterliche Freund

Es gibt im Leben eines heranwachsenden Menschen irgendwann einen Punkt, da reichen die eigenen Erlebnisse und Geistesanstrengungen nicht mehr aus, um ein oder mehrere Probleme zu bewältigen. Eine eigentlich fürs Leben geschlossene Beziehung zerbricht. Die eigenen Eltern wenden sich pikiert oder einfach desinteressiert ab. Das Studium findet kein gescheites Ende. Der Weg zur anständig bezahlten Arbeit, von Traumjob ist gar nicht zu sprechen, erfüllt sich nicht. Die Zahl der möglichen Schwierigkeiten ist Legion. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Menschen, die einem am nächsten stehen, in solchen Problemlagen nicht immer die richtigen Ratgeber sind. Zu sehr mischen sich in ihr Urteil zum Teil unrealistische Erwartungen (Familie), Verblendungen (enge Freunde) oder  sogar Abhängigkeit (Partner). Sollten sich die Schwierigkeiten dann noch mit den Lebenslinien der Liebsten ungünstig verbinden, werden aus Anregungen schnell Drohungen. In solchen Fällen ist oftmals der vä...

Im Reich der Urwesen

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Es gibt Dinge, die etwas zutiefst Infantiles ins Erwachsenenleben hinüberführen. Das kann Jazz sein. Aber auch Fußball. Es ist so mit Kreuzworträtseln und Bergsteigen. Der Witz ist, dass man sich die Übertragung, mit der man seine Kindheit zurückholen möchte, selbst aussuchen kann. Es schließt mit ein, dass man auch welche davon vollständig ablehnt. Vielleicht, weil man darin das eigene Sosein als reifendes Früchtchen einfach nicht (wieder-)erkennt.  So ging es mir stets mit Fantasy. Ich habe noch nie eine Runde „Magic: The Gathering“ gespielt oder Rätsel bei „Die Legenden von Andor“ gelöst. Als alle um mich herum „Warcraft“ zockten, flüchtete ich mich in den schrägen Humor von „Dungeon Keeper“ . Ich wüsste nicht, was mich dazu bringen sollte, einen Schmöker über Elfen zu lesen – und so viel ich J.R.R. Tolkien und George R.R. Martin literarisch abgewinnen kann, derartige Geschichten fesseln mich einfach nicht. Sie mögen mich unterhalten, aber sie berühren mich nicht.  Jede Aus...

Traumstunden in Panama

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Ich hatte Janosch einfach vergessen. Natürlich bemerkte ich hin und wieder seine gepinselte „Wondrak“-Kolumne in der ZEIT . Doch das war für mich irgendwie ein anderer Janosch als jener Wort-Bild-Jongleur aus meinen Kindertagen, der Panama als Sehnsuchtsraum entdeckte und gleichzeitig die Vorzüge gütiger Freundschaften und die Notwendigkeit kleiner Gehässigkeiten im Alltag beschrieb.  Ich fand zu Janosch in der Pandemiezeit zurück. Wie jeder Vater kämpfte ich damit, dass kleine Kinder nun einmal abends oft kein Interesse daran haben, das Entdecken des Lebens für so etwas so Geringwertiges wie Schlaf aufzugeben. Im Bett herrschte damals noch eine Art Pixie-Buch-Diktatur.  Während am helllichten Tag in der Corona-Isolation jeder auch in meinem Heim um sein Recht kämpfte, das zu tun, was getan werden musste, suchte ich nach einem Kinderprogramm fürs Fernsehen, das der animierten Ödnis von „Paw Patrol“ und Konsorten etwas weniger stumpfen Frohsinn entgegenhalten konnte.  Die ...

Der Schlüsselbund

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Vieles, was ich über die Kunst des Schreibens und der guten Rede weiß, habe ich von Herrn Schwandt gelernt. Er war ein Deutschlehrer wie aus einer Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Einer dieser Gelehrten, die wie eine Eule mit dem Augenaufschlag prahlen, wenn sie Worte wie „Philister“ in den Mund nehmen (um zu sagen: „Das Wort kennt ihr wohl nicht, ihr Schlingel, solltet ihr aber!“). Er bekannte sich auch zu seiner Vorliebe für die teuflisch begabten Humoristen dieses Landes, die er gerne einmal zitierte, selbst wenn es gar nicht passte. Am liebsten mochte er Robert Gernhardt.  Über den Schulflur wandelte Schwandt stets wie ein Flaneur , schaute dabei neugierig nach rechts und links. Wenn ich ihm dort begegnete, fragte er oft: „Was macht das Leben?“ Er interessierte sich. Das kleine Gespräch lag ihm genauso wie das große. Unter sprachlich minderbegabten Schülern war er gefürchtet, und wurde zugleich von jenen, die gerne mit Worten und Gedanken jonglieren, verehrt. Im Sommer gesel...

Der melancholische (Alb-)Träumer

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Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als wären R.E.M. für Michael Stipe nur eine biographische Randnotiz gewesen. Ein unerwartet erfolgreiches Projekt, das zu einem für alle Beteiligten friedvollen Ende gebracht wurde . Doch nun sollte die eigentliche künstlerische Karriere folgen. Kein Interview, in dem der Sänger nicht über die Vorzüge des Lebens danach philosophierte.  Natürlich verzog sich Stipe erst einmal aus der Öffentlichkeit. Er legte sich einen Bart zu und einen Piercing, wie Eremiten das manchmal machen. Dann flog er zwischen seinen Wahlheimaten, darunter auch Berlin, hin und her, zeichnete, malte und fotografierte. Inzwischen werden seine Bilder, die ja auch früh zum Teil des visuellen Universums seiner Band geworden sind (das schroffe Wüsten-Cover von „New Adventures In Hi-Fi“ fotografierte Stipe aus dem Tour-Bus), ausgestellt. Mit „Generation X“-Autor Douglas Coupland entwickelte er einen ungewöhnlichen Foto-Band, der den Einfluss des Digitalen auf das Alltagsleb...

Always On My Mind

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Frage nie einen DJ auf Hochzeiten, warum er einen bestimmten Song nicht spielt. Du wirst immer die Antwort bekommen, dass er genau weiß, was er da tut. Und das stimmt auch. Wer einen Playlist-Manager bei solchen Veranstaltungen beobachtet, erkennt, dass sein Wirken im Wesentlichen darin besteht, zu wissen, in welche emotionale Richtung sich die Feiernden gerade bewegen. Wer diese Leistung verkennt, beobachte einmal, was passiert, wenn man im falschen Moment „Dance Me To The End of Love“ spielt. Ein jegliches hat seine Zeit, auch auf Hochzeiten.  Gewünscht hatte ich mir eigentlich einen bestimmten Song der Pet Shop Boys, aber ich bekam ihn nicht. Der Einsatz anderer Songs verfehlte, soweit ich das beurteilen kann, seine Wirkung zwar nicht. Aber ich war dennoch traurig. Ein schöner Moment wird durch die Musik der Pet Shop Boys stets noch etwas schöner.  Seit vielen Jahren begleiten mich Neil Tennant und Chris Lowe durchs Leben wie gute Freunde, die stets da sind. Nicht immer hab...

Umfall

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Winter in Berlin können grimmig sein. Schnee und Kälte sind gar nicht so sehr das Problem, dafür aber Glätte. Vor einiger Zeit wurde sie mir an einem Ort zum Verhängnis, als ich gar nicht damit rechnen konnte, denn es war Winter ohne Schnee, Kälte und Glätte.  Ich war mit Hast zu einem Termin unterwegs und übersah dabei, während ich noch beim schnellen Gehen etwas in meinem Beutel verstaute, dass der Boden mit einer Wasserlache überzogen war, die nicht vom vorherigen Regen stammte. Offenbar war es eine seifige Flüssigkeit, vielleicht um den Belag zu reinigen. Ich verlor den Stand. Nur ein winziger Verrat zwischen Fußsohle und Welt.  Die Beine sprangen auseinander, die Füße kippten. In einem lächerlich kurzen Moment kreisten meine Hände hektisch, griffen ins Nichts. Eine absurde Choreografie. Dann stürzte ich. Der Oberkörper zu spät, ein Sprung nach vorn und zugleich zurück. Der Aufprall zunächst weit entfernt.  Plötzlich drängten sich mir Gedanken auf – in diesem Augenbli...

Kakerlaken glotzen

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Eine ganze Nation wärmt sich am Fernsehlagerfeuer, wenn RTL alljährlich „Ich bin ein Star - holt mich hier raus!“ sendet. Dass es sich um einen harmlosen Spaß ohne Folgen handelt, ist allerdings ein gefährlicher Irrtum. Warum nur berichten so viele geradezu ekstatisch vom RTL-Dschungelcamp - gibt es nicht wichtigere Themen, die dieses Land bewegen? Sicher gibt es die. Aber der Erfolg dieses eigenartigen Sendeformats ist, dass es trotz Medientamtams massiv unterschätzt wird. Eigentlich sollte man annehmen, dass es sich hier um einen weiteren Tiefpunkt in der nach unten offenen Skala des Selbstentwürdigungstheaters handelt, das die Privaten und besonders RTL seit Jahren kultivieren. Aber das wäre zu einfach. Längst wärmt sich eine ganze Nation an diesem Fernsehlagerfeuer. In der Spitze sehen bis zu 9 Millionen Menschen dem bunten Treiben im australischen Regenwald zu. Oder ist es doch nur ein gigantischer Container in Köln/Hürth? Jedenfalls bescheren die Zuschauer RTL vor a...

Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen

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Gerade einmal 428 Tage liegen zwischen der Erstausstrahlung des Pilotfilms von „Twin Peaks“ und der letzten Folge der (zunächst finalen) zweiten Staffel. Dann war 1991 auch schon Schluss, nach nicht einmal 30 Episoden.   Zwischen der tot in Plastikfolie eingewickelten Laura Palmer und FBI-Agent Cooper, dem im Spiegel das absolut Böse (BOB) entgegenlacht, schrieben David Lynch und Mark Frost Fernsehgeschichte. Die Serie wurde zum popkulturellen Phänomen, das selbst Queen Elizabeth II. brennend interessierte. Aber sie war dem ausstrahlenden Sender ABC nicht geheuer. Erst pochte man auf eine schnelle Auflösung, wer die Schulschönheit ermordet hat, schließlich empfand man die Mischung aus absurdem Drama und Kirschkuchen-Kitsch als zu ausufernd, um fortgesetzt zu werden.  Doch auch wenn „Twin Peaks“ vom Schirm verschwand, die Anhänger wollten nicht loslassen. Sie hielten das fiktive Städtchen mit angeblich 51.201 Bewohnern, deren faszinierendste Vertreter man einige Stunden la...

Schwindelfrei

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Auf dem Spielplatz habe ich es festgestellt: Es geht nicht mehr mit dem Schaukeln. Jedenfalls nicht mehr wie früher.  Rückblickend fühlt es sich an, als hätte ich fast meine gesamte Kindheit durchgeschaukelt. Welche Freiheit und Ruhe darin steckten, sich auf einen Schaukelstuhl im Grünen zu schwingen, ihn hin und her zu wippen. Der sanfte Wind um die Ohren, die Beine hoch und runter, die Hände fest an den Ketten (im Winter waren sie immer zu kalt, aber das war egal). Es ist pure Physik, und doch fühlte es sich gerade so an, als würde man für einen pendelnden Moment die Schwerkraft aus den Angeln heben.  Wenn ich einst so hoch wollte, wie es der Balken zuließ, so ist heute früh Schluss. Springe ich ab, ereilt mich ungelogen auf der Stelle ein Schwindel. Der lässt sich auch nicht so leicht abschütteln, ich muss regelrecht Stand suchen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der wippende Spaß, er ist dahin. Das Alter wird mir zentnerschwer bewusst.  Natürlich gibt ...