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Es werden Posts vom Dezember, 2020 angezeigt.

Prinzip Hoffnung

Mit dem Fortschritt kann es jeder halten, wie er will, ausgenommen der Künstler. Das Prinzip Hoffnung mag ein Weltprinzip sein oder auch keines; jedenfalls ist es ein Kunstprinzip. Indem einer Kunst macht, verrät er, dass er mit dem Weltende nicht rechnet. Er gibt sich nicht die ganze Mühe, um einen befristeten Stoff für einen befristeten Verbraucher herzurichten. Würde er mit dem Weltende rechnen, würde er die Sache lassen. Peter Hacks

Lektionen der Liebe

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Als ich jungen Jahren nicht weiter wusste, schenkte mir mein Großvater ein Buch von Erich Fromm : „Die Kunst des Liebens“ . In meinen Träumen hatte sich ein bleichzartes Mädchen um meinen Hals geschlungen und wollte sich auch nicht mehr aus den Schattenspielen der Nacht vertreiben lassen. Meine erste bittersüße Lektion der Liebe: Die Idee von Amor mit den Pfeilen ist kein schlechter Witz. Der Wundschmerz resultiert aber daraus, dass man keinen blassen Schimmer hat, warum das Herz eben genau für jene eine zu pochen beginnt. Und dann will diese Pfeilnarbe auch ein Leben lang nicht mehr heilen. Wenn das Unbewusste rebelliert: Szene aus „Vergiss mein nicht“ Die nächste Lektion kam von Psychoanalytiker Fromm. Ich habe sie - genau wie die erste - nie wieder vergessen. Schon mit den ersten Zeilen seines berühmtesten Buchs, „Die Kunst des Liebens“, legte er mir einen Gedanken nahe, der mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Albtraum gekommen war: Menschen können unfähig zur

Trennung mit Kind

Wählen Sie zwischen permanenter Stressbelastung mit fast täglicher Überforderung oder  Einsamkeit mit unstillbarer Sehnsucht. 

2 oder 3 Dinge, die ich von K. weiß

„Niemand wird lesen, was ich hier schreibe“, notierte Franz Kafka 1917 in eines seiner Oktavhefte – und er hatte Unrecht. Kafka ist ein Symbol, eine literarische Instanz, unumgänglich und monolithisch-dominant. In jedem ungeraden Satz lugt er hervor, und es vollführen darin seine überpräzisen Sprachvolten noch einmal Kunststücke. Das Kafka-Zitat ist unvermeidbar, das Kafkaeske ist ein feststehender, gern genutzter Füllungsbegriff für unbeschreibbare Momente, die sich ans Unheimliche klammern. Trotz allem, dieser Prophet des Zauderns muss immer wieder erarbeitet, sogar erkämpft werden. Sich in Kafka zu vertiefen scheint unmöglich; sein Universum ist ein hermetisch abgeriegeltes Labyrinth, in dessen Zentrum ein weit geöffneter Käfig steht. Vielleicht saß darin einst ein Hungerkünstler. Heute sitzt darin der gierige Leser. Ein Fresskünstler. Kafka näher zu kommen ist mir eine Aufgabe, die keinen Zeitraum besetzen kann. Prinzipiell ist es eine unendliche Suche nach dem Kern – der doch

Lebensstufen

In jungen Jahren teilt sich die Welt, grob gesprochen, in Menschen, die schon Sex hatten, und solche, die noch keinen hatten. Später dann in Menschen, die Liebe erlebt haben, und solche, die das noch nicht haben. Noch später - jedenfalls dann, wenn wir Glück haben (oder auch nicht) - teilt sich die Welt in Menschen, die Leid erfahren haben, und solche, die das nicht haben. Diese Einteilungen sind absolut; es sind Wendekreise, die wir überschreiten.  Julian Barnes - "Lebensstufen"

Rabengrau

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Nicht dass ihr noch glücklich seid…

Manchmal ist Sprache eben doch entlarvend. Das deutsche Wort „Kindergarten“ existiert in unterschiedlichen Ausführungen in mehr als 30 Sprachen. Es ist, vereinfacht gesagt, einer der erfolgreichsten Exportartikel der deutschen Sprache. Das ist verständlich. Was verbinden sich nicht alles für tiefgreifende Assoziationen mit dem Kindergarten: eine Krabbelstube, in der die Kleinsten geschützt vor den Wirbelstürmen des Gesellschafts- und Privatlebens laufen, sprechen, Kindsein lernen dürfen; ein Hort des ersten gemeinsamen Beschnupperns und Verstehens; ein gut gehegtes Paradies, das Zwergen Zeit schenkt zu wachsen. Würde die Erinnerung die Sprösslinge nicht so sehr an der Nase herumführen (tragischerweise hat man später kaum Anhaltspunkte über die vielleicht unbeschwerteste Zeit seines Lebens, erst die Angst beginnt Erfahrungen in Stein zu meißeln), der Kindergarten wäre auf ewig eine Utopie des gelungenen, von allen Sorgen befreiten Zusammenlebens. Aber was machen die techno