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Sündenwort - Wortsünden

Ich Ich Ich Ich ist ein anderer NeuGIERIG sein (es verzehren, verschlingen, fressen wollen) – immer mehr und noch mehr; ich denke, also fresse ich Eifersüchtig auf alles und jeden, der wegnimmt, was MIR und nur MIR gehört Strebsam – nein, ehrGEIZIG sich selbst in den Mittelpunkt von allem und jedem setzen und den eigenen Erfolg preisen, als gäbe es nichts anderes auf dem weiten, großen Erdball !!! (Versteh mich, ich meine es ernst, ernst und nochmals ernst) … (Du denkst dir hoffentlich, dass ich mit den drei Punkten, die dem Satz folgten, noch etwas gemeint habe, was du erahnen musst, das ich dir aber nicht sagen werde, denn eigentlich müsstest du es ja selbst wissen, ohne dass ich dich darauf auch nur hinweise…) Worauf mag der AufschNEIDer wohl neidisch sein? Schüchternheit kannst du dir in dieser kalten Welt nicht leisten, mein Junge. Weißt du nicht, dass du den ersten Schritt wagen musst? Wer soll ihn sonst für dich tätigen? Ich hasse , hasse , hasse , hasse arroga...

Wie ein Maschinengewehr

Gedanken zum dritten Album von Portishead Für manche mag es sich angefühlt haben, als wäre diese Band namens Portishead aus dem Nichts gekommen. Als wäre dort etwas, von dem die Feuilletonisten schwärmen und die Musikkritiker eifrig dozieren, das wie ein leichtes Summen aus der Vergangenheit anmutet und seinen Weg unverhoffterweise in die Gegenwart gefunden hat. Es ist spontan von einem Meisterwerk die Rede, das in der vor sich hinkriselnden Musikwelt einen heilsamen Aufschrei auslösen könnte. Oder zumindest das beruhigende Gefühl, dass es sie noch gibt, jene perfektionistischen, einsamen Klangkünstler, denen es nicht um Präsenz und Öffentlichkeit geht – nicht um Zugänglichkeit – sondern gerade um das Gegenteil: einen autarken, eigenständigen Klangkosmos, der versperrt, anstatt einzuladen; einen Musikleerraum, der zu befüllen ist mit der brüchigen Intimität einer vermeintlichen Folksängerin (Gibbons) und den kühlen Instrumentarien zweier Tonexegeten (Barrow/Utley), die ihr Handwerk...

Aufstehen!

Klack, leise, dimmdimmmdimdimdidimmmRegen, höre es genau tropftan die Scheibe, tropf, tropf, tropfMeine Augen am Liebsten schließenaber geht nichtscheißeverdammte – I don’t know what I do without you I can’t see nothing good – Aufstehen odernichtNichtMussaber Mir brennen die Lippen, trocken sind sieIch möchte aber nicht alleine dort sitzen, langweile mich doch dann nurMuss auf die Toilette, dringend – sehe die kleinenTropfen, hasse sie und ihren demütigen Lauf dem Erdboden entgegenKann nicht aufstehen, willMuss liegen bleiben, weiterschlafen – Warum hat sie es nicht anders ausdrücken können, mit diesen blöden WortenHat sie gemeint, dass ich einfach verschwinden sollWeg aus ihrem Leben?Rücken schmerzt furchtbar, noch mehr als gesternKopfschmerzen scheinen aber weg zu seinHoffentlich bleiben sie esSchlaf gut hat sie gesagt und doch eigentlich das Gegenteil gemeint – Was sie wohl jetzt macht?Wahrscheinlich schläft sie nochKopfschmerzen, sind ja doch noch da, bitte verschwinde GeistWo is...

There Will Be Blood

Zu Beginn steht ein Mann, der mit der Spitzhacke massives Gestein bearbeitet. Er sucht etwas. Und er wird es finden. – Öl! There Will Be Blood ist vielleicht das ergreifendste Kinoereignis dieses Jahrzehnts; es ist eine mutige, donnernde, sublime Auseinadersetzung mit dem Schmierstoff des amerikanischen Strebens nach Macht, Geld und Geltung. Vielmehr noch ist dieses gewaltige Porträt zweier Männer – nicht gut und böse, sondern zwei gleichsam der Gier verfallene Getriebene – ein wahngesteuertes Epos, das seinen Platz nur im Kino, auf der großen Leinwand, haben kann. Kein Film in den letzten Jahren besaß den Mut, Amerika, den mythologischen Kern des amerikanischen Kapitalismus, derart zu entblößen und zu reduzieren auf eine Geschichte, deren Figuren – zugleich Archetypen des ewigen Fortschrittsgeistes und des entgegengesetzten und rückwärtsgewandten Strebens nach einem manifesten Glauben – im unendlichen Schlamm der Vergangenheit waten. Unvergessliche, dringliche, dazu physisch sp...

Bekenntnis eines Masochisten

Nein, nicht im Sinne eines darniederliegenden Ohnmächtigen, der um Schmerzen winselt und um Gnade fleht – nicht zu verstehen als verdroschener Lustgeplagter, der sein Heil und seine Befriedigung nur aus der Unterdrückung ziehen kann – auch nicht zu missverstehen als Absage an das Handeln und als blinden Wunsch, geführt zu werden – noch weniger zu begreifen als Wunsch, zu verschwinden, zum Atom unter vielen zu zerbröseln – nein, ganz anders und in Ermanglung eines richtigen Begriffes nur mit dem vieldeutigen Ausdruck Masochist bedruckt (psychoanalytisch gestempelt, sexualpsychologisch gewertet), bekenne ich mich zu einer Form des Schmerzverständnisses, das bar jeder infantilen Strebung nach Lust, entfernt vom permanenten hedonistischen Gipfelsturm, die Tragik des Lebens in sich aufsaugt und hie und da verkleinert oder energisch vergrößert. Mein Masochismus ist kein Katechismus des Leids, sondern das Meditieren eines Schmerzensmannes. Die Sehnsucht dahinter ist der Versuch, in den Ker...

Ritual

Morgens früh aufstehen, pünktlich um fünf, abends ins Bett, immer um elf, samstags was trinken, aber nicht zuviel, immer sonntags ein Ei, dienstags ins Kino (weil’s da billig ist) und mittwochs Fußball – gern auch in der Kneipe, dagegen Entspannung: Sex am frühen Morgen, immer am Samstag (da kann man lang schlafen), montags dann einmal die Woche wenigstens die Zeitung gelesen, bei BILD aber wenigstens jeden Tag auf die Schlagzeile geglotzt, Abendtelenovela ebenso wie Tagesschau (manchmal auch später, dann Caren oder auch Burow), Frühstücksradiogedudel immer mit Joghurt, niemals mit Kaffee, den gibt’s später, wenn auch in Maßen (immer nur zwei, einer dann später), Milch dazu, aber keinen Zucker, abends dann die Beine massieren, ein Glas Wasser (tut’s auch Kakao?) neben das Bett, gleichsam das Kissen geschüttelt, es darf nicht zu hart sein, muss weich sein wie das Sonntagsei oder der Händedruck des Nachbarn, donnerstags spielt man Karten, immer zu viert und dazu gibt’s Bier, täglich a...

PorNo!

Erigierte Geschlechtsteile im Breitbildformat werden hier nicht behandelt werden. Es geht auch nicht um die Frauen verachtende Darstellung kopulierender Klischeemenschen in dümmlichen Reißbrett-Geschichten. Auch Alice Schwarzers Feldzug gegen die von Männern entworfenen Hardcore-Fantasien soll hier keine Betrachtung finden. Vielmehr geht es um eine neue Form der Pornographie, die sich vorwiegend im Fernsehen ausbreitet – unbemerkt von den wortmächtigen Zensoren; erfolgreich im Programm aller größeren Sender dieses Landes. Ich spreche von der Sozialpornographie . Sozialpornographie, das ist die um jeden Preis obszöne Darstellung von Lebenswelten – egal welcher Form. Sozialpornographie ermöglicht die Entblößung der Intimsphäre und entmächtigt Individuen ihres Rechtes am eigenen Bild. Sozialpornographie täuscht ein Bild der Realität vor, das so nicht existieren kann, weil es entweder beschämen, belustigen oder zu einer betroffenen Trauer anregen soll. Wenn ich den Begriff Sozialpornogr...

Also sprach Stanley Kubrick

In einer Fernsehwelt, die sich mit grenzdebilen Reality-Show-Experimenten über Wasser hält, in der Show alles ist und Nachrichten zum Infotainment gewandelt werden, gilt der Film, ja das Kino schlechthin, nicht mehr viel. Hollywood-Blockbuster werden zu Programmhöhepunkten stilisiert, Fernsehfilme vor dem Publikum versteckt. Cineastisches Kleinod wird regelrecht verbannt auf die hintersten Plätze, kurz nach Mitternacht, wo sonst nur noch splitternackte Frauen reichlich dümmliche Quizshows moderieren. Es steht schlecht um den Film im Fernsehen – nicht nur wegen derartiger Trashauswüchse, die an Erbärmlichkeit kaum zu übertreffen sind. Die teuer produzierten TV Serien aus den USA graben dem europäischen Kino- und TV-Film genauso wie den deutschen Serien das Wasser ab, weil sie qualitativ hochwertig sind und zugleich fesselnder. Sie bieten größeren Identifikationsraum und Zerstreuung, da die Konzentration fürs große Kino nicht mehr reicht. Wenn das Arthouse-Kino, europäische Autoren-...

Via regia (?)

Ich hatte einen Traum: Schwerer Regen fällt. Ich fühle mich von jedem Tropfen getroffen, bin durchnässt und laufe ohne Ziel in den Straßen umher. Immer schneller, vorwärts, ich muss ankommen. Mir fällt ein, welches Ziel meine Suche hat. Ich muss in Klausur gehen. Klausur schreiben. Ich weiß, ich komme zu spät. Angst in meiner Brust. Laufen. Der Regen will nicht weichen. Ich trage einen Pullover, keine Jacke. An mir laufen viele Menschen vorbei, sie scheinen mich nicht zu beachten. Ich bin in einem großen Gebäude, wandele dort umher, die Rolltreppe hinauf und suche verzweifelt den Ausgang. An einer Scheibe stehend, das Wetter betrachtend, verweile ich. Nur um dann noch schneller zu laufen, das Kaufhaus zu verlassen, die Rolltreppe hinab. Gitter versperren nach ein paar Metern meinen Weg. Ich finde aber einen Umweg. Durch einen breiten Seitenausgang verlasse ich das Stadiongelände. Ich bin in der Innenstadt. Ich muss den Bus nehmen. An mir rauscht bedächtig, lärmend, eine Straße...

Die Kuschelkrisenkinder

Versuch eines Generationsporträts Ich bin Teil einer Generation, die noch keinen Namen hat. Sie ist deshalb namenlos, weil sie für vieles steht und doch nichts. Meine Generation ist einsam und verloren und doch trägt sie den Impuls einer rastlosen Fröhlichkeit im Herzen. Ich nenne meine Generation die Kuschelkrisenkinder. Wir leben von dem Widerspruch, eine harmoniesüchtige Generation zu sein, die inmitten einer zunehmend aus den Fugen geratenen Weltordnung groß werden muss. Wir – das sind jene, die nur wenige Erinnerungen haben an eine zweigeteilte Welt. Wir, das sind jene, die als ersten politischen Geburtsakt den 11. September erlebten. Wir sind also jene, die live im Fernsehen beobachteten, wie die Weltordnung der letzten 200 Jahre an einem Tag von einer Maschine, die gerade für all das steht, was unsere Gesellschaft verkörpern will (Freiheit und Grenzenlosigkeit), empfindlich erschüttert wurde. Nun sind wir Zeugen einer sich verändernden Welt – aber einer mit Umw...

Tränend

Klagen, heulen, plärren, jammern, schluchzen, wimmern – einfach weinen. Die Menschheit verlernt das Flennen. Auf Trauer mit Tränen zu reagieren, welch Erleichterung wäre das? Nur noch im Kino entledigen sich die Menschen von ihren angestauten Wassermassen, salzig, düster, gläsern. Nirgends sonst. Im Dunklen, Verborgenen, dort wo das Licht und damit der Blick des Nachbarn keinen Weg in die verdeckte Seele findet, dort ist es möglich sich grämend zu ergeben. Im Lichte sogleich zu weinen ist aber vielmehr Schönheit, gleich Erleichterung und Vollkommenheit, weil Privileg statt gefühlsdiktiertes Gebot. Zu tränen, wenn das Leben mit grüblerischem Glanze Erhabenes präsentiert, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern präsentiert den Mensch als fühlendes Wesen in einer Welt, von dessen Natur er sich zu trennen glaubt. Und doch: Er, der Mensch, ist als einziger dazu begabt, die Tränenkammern mutig zu benutzen. Vor Lachen sich zu krümmen und dabei Bäche in die Welt zu gießen ist nicht nur edel, e...

The Late Greats

The greatest lost track of all time: The Late Greats' "Turpentine" I can't hear it on the radio I don't hear it anywhere I go The best song will never get sung The best life never leaves your lungs So good, you won't ever know I never hear it on the radio Can't hear it on the radio Wilco zu sehen, jene die nun das dritte Meisterwerk, Sky Blue Sky, hintereinander produziert haben, sie vor so wenigen Menschen spielend zu erleben, ihre Songs mit großem Stimmeinsatz zu begleiten, zu tanzen, zu springen, zu klatschen, zu stampfen, also einer Band zuzujubeln, die  in zwei Stunden eine elektrisierend intime Vorstellung geben kann und miteinander harmoniert, dass es eine Freude ist und gleichzeitig Songs vorträgt, die zwischen bedrückend-fragiler Schwermut und pointierter Leichtigkeit hin und her springen, ist – neben der Entdeckung Carla Bozulichs als Vorsängerin – ein unvergessliches Vergnügen. Leise flüstert Jeff Tweedy: Please don’t cry we are de...

Gelbfieber

Eine kritische Betrachtung der Simpsons vor dem Eintritt ins Kino Anschwellende Musik, einige Linien, gelb und rot, eine Stimme, die auf das Rückkehren des größten Helden der amerikanischen Geschichte verweist. Schwenk vom Superman-Dress zu Homer Simpson, der hilflos sagt: „I forgot what I supposed to say!“ Die Simpsons werden es auf die große Leinwand schaffen. Und der erste Trailer, der beinahe beiläufig Aufregung provoziert hat, beweist die große Sprengkraft kulturreflexiver, subversiver Dimension, wenn zunächst auf das Comeback Supermans angespielt wird, die Simpsons ursächlich gemeint sind und deren tragender Held vergisst, was er zu sagen hätte. Matt Groening, der große Schöpfer der noch größeren, wichtigsten Zeichentrickserie aller Zeiten hatte ein halbes Leben lang darauf bestanden, dass ein Kinofilm ein endgültiger Abschluss seiner Serie wäre. Ein Film würde sozusagen das Gesamtwerk abrunden, es veredeln und damit endgültig unsterblich machen. Diese Einstellung stammt a...

Kommentar zum Kommentar

Die unendlich verzweigten Möglichkeiten des Internets ermöglichen globales Kommunizieren und Agieren. Es ist ferner möglich, zu jedem Thema seine Meinung loszuwerden. Ob dies gut ist oder nicht – das bleibt eine Frage, auf die man heute vielleicht noch keine Antwort geben sollte. Zumindest erwirbt das Individuum eine urdemokratische Kraft, die es hoffentlich geschickt zu nutzen weiß. Die Wahrheit sieht aber oftmals anders aus: Spam regiert die Welt . Und wenn es nicht gedankenloser, blödsinniger Datenmüll ist, so wird doch gerne versucht, unter vermeintlicher Anonymität irgendeine Idee loszuwerden, die nur wenig Erbauliches enthält. Sprich: Bullshit. Und wenn Harry Frankfurt nicht schon publikumswirksam alles dazu gesagt hätte, so wäre sicherlich ein netter Text aus der Idee entstanden, einen kläglichen Kommentar zu bewerten. Nein, andersherum geht es besser. Aus jedem Mist kann eine zarte Blume entwachsen und Schönheit beweisen, wo sie gar nicht angenommen wird. Gute Rhethori...

Don’t Look Now

Eric Harris, Dylan Klebold, Robert Steinhäuser, Bastian B., Cho Seung-hui. Es sind die immer gleichen Bilder, die immer öfter uns bedrängen und ins weite Feld des Unbewussten verdrängt werden müssen: Jene von jungen Menschen, die martialisch mit der Waffe prahlen, die von ihr Gebrauch machen, als wäre das Leben ein Videospiel – die töten, ohne Sinn und Verstand. Die Bilder verlieren ihre Intensität, denn sie gleichen sich auf das Deutlichste. Was aber kann es Schrecklicheres geben, als dass sich Ereignisse wie diese, die den Menschen doch aufs Tiefste erschüttern müssen ob ihrer Grausamkeit und Sinnlosigkeit, in eine Welt einbrennen, die diese Bilder in alle Haushalte dieser Welt überträgt und ihre Zuschauer damit alleine lässt? Die Schockwirkung verflüchtigt sich, das Grauen verkommt zum schweigenden Starren auf den Bildschirm. Die Erwartungen, wer sich hinter den Mordtaten verbergen könnte, verkümmern zur vorbewussten Erkenntnis: Außenseiter, einsam und abgeschottet in einer Wel...
Nachtmusik, eine kleine Die Lichter gelöscht, die Gedanken bedeckt, den Körper in wohlige Wärme gehüllt, entfliehe ich der Welt in Träumen und sanften oder auch aufgeregten Schlaf. Doch es gibt etwas, das meinem Tage – so spannend und langweilig er auch gewesen sein mag – eine sich dehnende Note von Ausklang schenken kann und das ist die mäandernde Kraft der Nachtmusik. Ich schließe meine Augen, verabschiede mich vom Tag und habe dabei meine Ohren mit zwei kleinen Stöpseln versehen, die, mit einem Kabel verbunden, zu dieser magischen Box führen, aus der sogleich, ohne großartigen Aufwand, ein Universum über meine Hörmuschel in die Seele getragen wird. Bilder verschlingen sich in meiner rigiden Gedankenwelt mit dem pochenden Rhythmus meines im Klang der Musik badenden Herzens. Das Schlagzeug klopft, die Gitarre zerrt, dunkel und tief formt sich der Bass. Wabernde Gesangkaskaden schlagen sich mutig durch das Gestrüpp meines Gefühlsdschungels. Da kann das Moll leise und geduckt verweilen ...
Ich greife in den Regen und sehe Bilder , die mich schreien lassen vor Schmerzen und Verzückung. Tränen rinnen mir über die Nase. Musik erklingt aus meinem Herzen, weckt die schlafenden Vögel auf dem kahlen Ast. Ein sanfter Windstoß umfließt das Kuckucksküken auf dem Baum, der dorrt und leise knarrzt. Wundersam ist das Pfeifen in meinen Ohren, da ich auf den schweren Boden starre, der sich leblos nicht bewegt. Verwirrt, entstellt und beinahe lieblich setzt ein Kätzchen seinen Weg fort in einer Welt, die es nicht versteht. Wohin, fragt sich der alte Mann, der auf der alten Bank am Teich sitzt und der seine Gedanken kaum mehr kontrollieren kann. Das Mädchen, das den Enten Brotkrummen zuwirft, ist erstaunt über das funkelnde Lächeln des Alten und schließt berückt die Augen. So gelangt ein Schwanenjunges auf das feste Land, wandelt unbeholfen hin und her. Mit kreischverzerrtem Gesicht beachtet es ein kleines Kind aus seinem Wägelchen, findet dann zu einem Blinzeln und schweigt für nur weni...
Jahrmarkt der neuen Eitelkeit Deutschland hat ein neues Magazin. So springen einem die weißen Lettern auf schwarzem Grund in die Augen. Der Preis verzückt (1 Euro), die goldene Gravur verrät Luxuriöses: Vanity Fair hat Einzug erhalten. Vanity Fair ist nicht nur ein Projekt, es scheint eine Mission zu sein. Es rumorte schon Monate vor Veröffentlichung dieser mammutähnlichen Super-Ausgabe in den Blätterwäldern, was denn dort auf Deutschland zukommen könnte. Die Redaktion brüstete sich, etwas Intellektuelles, Besonderes, Richtungsweisendes zu schaffen, das Woche für Woche die Leser auf höchstem Niveau beeindrucken und fesseln soll. Die Aufregung ist schlicht erklärbar – sie entsteht aus der Tatsache heraus, dass sich all die großen Wochenblätter seit mehr als 10 Jahren konkurrenzlos fühlen dürfen und im Grunde inhaltlich und ideologisch an Rennomé verloren haben. So war alleine schon die großspurige Ankündigung eines neuen Magazins, das wöchentlich erscheinen wird und dann auch noch den...
Hier/Dort Ich sitze im Zug, der immer schneller wird und überlege, während Musik mein Ohr beschallt, die Menschen um mich herum zu einem Rauschen verschwinden und fremde Landschaften an mir vorbei rasen, wer ich eigentlich bin, was ich eigentlich will und wo ich mich gerade befinde. Ich lag, meine Liebste, vor Stunden noch neben dir und während du süßlich atmetest und sanft schliefst, waren meine Augen starr und weit geöffnet. Schwermut hatte mich längst ergriffen, als ich zu weinen begann und wusste, dass ich dich bald verlassen würde. Wieder einmal weg. Ich werde bald den prasselnden Regen und die dunklen Wolken erahnen, die auf mich warten. Ich werde einsam auf dem Sofa sitzen, die flammenden Bilder des Fernsehers werden meine Gedanken und meine stille Trauer verdrängen und dann werde ich mich sobald ich kann ins Bett begeben um zu schlafen. Ich werde es nicht können – und wenn doch, dann wird es ein traumloser Schlaf sein. Ich bin im Hier, das ein Nirgendwo ist und überlege, wo sic...
Triptychon der Un-Fähigkeiten Lebensunfähigkeit Manchmal, so denke ich mir, wenn ich vor mir die vielen Menschen sehe, die ihr Leben versuchen mit der größten Präzision und Kontrolle zu gestalten, ist es doch so, dass ich lebensunfähig bin. Welch hartes Urteil das doch ist. Aber es ist so. Und doch entspringt dieses Gefühl einer inneren Regung, die es erst einmal zu erklären gilt, wenn man zumindest verstehen will, was es bedeutet, lebensunfähig zu sein. Lebensunfähigkeit ist nicht Todsein. Lebensunfähigkeit ist nicht das Nichts. Lebensunfähigkeit meint das Verharren in einer Innerlichkeit, die es unmöglich macht zu handeln und damit das Herz beschwert mit einer Melancholie, die das ganze Leben lang tief verborgen, aber doch fühlbar schwelt– wie ein Engel, der schweigsam über einem schwebt. Das Praktische ist nicht Heimat des Lebensunfähigen; das Theoretische lässt ihn das gesamte Leben in einer Welt übernächtigen, die mehr Exil ist als sie von einem Zuhause versprechen könnte. Niemand...