28. Februar 2017

Die Apokalypse wird nicht eintreffen

Konziser, dringlicher muss es sein. Wenige Zeilen, dafür Bilder. Alle sprechen von Veränderungen, aber vor den Taten stehen immer die Worte. Wo sind die brenzligen Sätze? Weitergehen, oh Leben – heißt Zäune bauen, um den Wohlstand und die Sicherheit vergangener Tage zu retten. Wozu retten, was fault und stinkt? Die Zukunft wartet. Sie ist eigentlich die Gegenwart, die es zu besetzen gilt. Doch stattdessen: kollabieren in die Gegenwart. Ja, das ist es – in die Gegenwart hineinstürzen, ohne Netz und doppelten Boden. Wo sind die Manifeste? Und wenn es sie gibt, warum sind sie so zahm oder bestenfalls Parodien auf die großen Manifeste einer längst verblichenen Epoche?

Überall brennen die Zeichen, nur keiner merkt’s. Die Zeichen sind zur Realität geworden. Die Scheiße fließt ins große Meer – und sie bringt den Tod. Trotzdem: weiter graben, weiter bohren. Schreien, weinen, vielleicht auch beten, damit alle zuhören und endlich die Augen öffnen. Apokalypse, das ist kein Zustand, sondern ein Modell. Für den vom Tod getriebenen ist es eine Utopie. Aber die Apokalypse wird nicht eintreffen. (Die Welt wäre allerdings eine bessere, wenn mehr Menschen apokalyptisch denken würden.)



Alle Begriffe, alle Bilder sind doch da. Man muss sie nur in die Hand nehmen und ordentlich durchkneten. Wo sind die Neologismen, die garantiert kein Wörterbuch aufnimmt? Überschriften, Zitate, auch mal eine Unterschrift setzen, die lesbar ist. Links denken, rechts fühlen: Wo ist das Zentrum unseres Handelns? Es war mal das Herz, nun ist es das Hirn. Aber das Hirn pocht nicht, es ist nicht mechanisch. Es funktioniert elektrisch. Es pulsiert. Es ist ein labyrinthisches System, verworren, komplex, undurchdringbar. Hat schon jemand danach verlangt, das Hirn zu fühlen, das Hirn zu denken?

Stattdessen zurück zum Herzen, aber nicht aus nostalgischen Gründen. Statt traurig und verzweifelt das System zu dechiffrieren, sollten wir uns, um neue Plateaus zu erreichen, an die Ströme koppeln.

27. Februar 2017

Gib's mir, Tor!

Warum wollen eigentlich so viele Schriftsteller über den einfachen Menschen schreiben? Es handelt sich doch um ein Unterfangen, das so regelmäßig scheitert wie das Notieren eines Traums.

23. Februar 2017

David Lynch von A-Z: Bacon

David Lynch begann seine künstlerische Karriere als Maler, studierte an der Pennsylvania Academy of Fine Arts, wo er vor allem düstere Gemälde entwickelte (einige davon wurden in der Wanderausstellung „Dark Splendor“, die im Max-Ernst-Museum in Brühl gezeigt wurde, ausgestellt). Seine Einflüsse hat der Universalkünstler dabei – in Interviews ansonsten eher verschwiegen, was Ursprünge und Bedeutungsebenen seiner Werke angeht – überraschend deutlich offengelegt.

Neben den Filmen von Bergman, Kubrick und Fellini sind als künstlerische Vorbilder wohl Edward Hopper, Henri Rousseau und vor allem Francis Bacon bedeutsam, der mit seiner Darstellung von gequälten und in den erschreckendsten Positionen verrenkten Körpern mit ähnlicher Präzision wie Lynch, vielleicht aber noch eine Spur abstrakter, das Eindringen des Unheimlichen ins für uns alle alltägliche Leben zeigte.

Six Figures Getting Sick


Von Bacon hat Lynch den ambivalenten Zugang zur Reflexion von Gewalt, ganz konkret zu beobachten bei grotesken und aggressiven Figuren wie Frank Booth („Blue Velvet“) und Bobby Peru („Wild At Heart“), deren Gesichter von den Schauspielern Dennis Hopper und Willem Dafoe ganz ähnlich verzerrt werden wie die menschliche Anatomie bei Bacon. In dem frühen minimalistischen Animationsfilm „Six Figures Getting Sick“, eher noch Kunstinstallation als Film, ist der Einfluss des britischen Malers aber (noch) am deutlichsten zu sehen. Ein erschreckendes Frühwerk.

22. Februar 2017

Wunschmachine

„Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.“

Walter Benjamin

20. Februar 2017

Abenteuer in der Welt der Wissenschaft

Als ich noch ein Pimpf war, sammelte ich „Projekt X“-Hefte. „Abenteuer in der Welt der Wissenschaft“ stand auf den Pappschubern, in denen sich neben einigen Sammelblättern für einen Ordner auch Poster, Bastelbögen und so manch andere Gimmicks befanden. 

Alle 14 Tage erschien eine neue Ausgabe, immer mit einem anderen Thema. Darunter gab es solch weitläufigen Kategorien wie „Unsere Ozeane“, „Licht“, „Sport und Fitness“, „Wetter“ oder „Kriminalität“. Man fantasierte sich mit dem Heft aber zuweilen auch „Ins Unbekannte“. 

Erschienen war die Reihe bei Marshall Cavendish in Hamburg, das in den 90er-Jahren viele großartige Sammelserien herausgab, darunter „Im Reich der Urwesen“ (das mich das erste und möglicherweise letzte Mal dem Fantasy-Genre näher brachte), „Faktor X“ (das meine durch „Akte X“ geweckte Leidenschaft fürs Unerklärliche vorzüglich bediente), sowie „Im Herzen der Klassik“ (das mir zeigte, dass es Gebiete gibt, die möglicherweise im Leben selbst bei besten Absichten nicht hinlänglich erforscht werden können). 

Ich habe in jungen Jahren immer vergeblich gesammelt. Irgendwann verlor ich nämlich die Lust. 

Keiner dieser Reihen, von denen auch heute noch Jahr für Jahr welche erscheinen (allerdings aus anderen Verlagen und oftmals eher an bestimmte Käufertypen gerichtet), ist nämlich vorangestellt, wann sie enden werden. Das hat mich immerzu gequält. Als würde man ein Buch lesen, von dem man nicht weiß, wie viele Seiten es tatsächlich besitzt. Kein produktiver Umgang mit Abfall.

Obwohl ich einige Jahre später mit „Faszination Wissen“ einer weiteren Enzyklopädie für Jugendliche vergeblich hinterher sammelte, trauerte ich, dass es mir nicht gelang, das „Projekt X“ zusammen zu halten. Erst hatte mir meine Mutter verboten, eine Ausgabe der Reihe zu kaufen. Das Thema war „Waffen“ - und sie wollte einfach nicht verstehen, warum ein Kind darüber Bescheid wissen müsse. Dann hatte ich auf ein Heft mit dem Thema „Bautechnik“ verzichtet, weil mir selbst nicht einleuchtete, was daran interessant sein könnte. Stattdessen kaufte ich mir lieber ein Yps-Heft, in dem sich als Beigabe Püree mit Knusperstücken befand.

17. Februar 2017

Nackte Menschen

Die Welt teilt sich in zwei ungleiche Hälften: Jene, die noch nie etwas von Mike Leigh gehört haben und solche, die seine Filme gesehen haben und so einem großen Genie näher gekommen sind.

16. Februar 2017

Viel Lärmen um nichts

Das Musical ist eine parasitäre Kunstform. Es wirft sich gierig auf die großen und kleinen Stoffe der Populärkultur, um ihnen ihre Aura auszusaugen. 

Mit jeder Vorführung beklatschen die Zuschauer, ohne es zu ahnen, die längst verdauten Ideen der nach diesem merkantilen Recycling-Prozess nur umso stärker verblassenden Vergangenheit. 


Die genialen Momente des Musicals, die es natürlich auch gibt, sind insofern nichts anderes als kunstgewordene Flatulenzen.

Und das Musical selbst ist - das macht es nun einmal zum Erfolgsgaranten - glasklare Anti-Kunst, vielleicht nicht ganz im susansontagschen Sinne, aber doch ganz konkret und logisch, weil es Komplexität auf ein Minimum reduziert, Chiffren statt Charaktere anstellt und Klischees hagiographisiert. 

9. Februar 2017

Competition

Bei „Germany's Next Topmodel“ geht es nicht darum schön oder begehrenswert zu sein. Vielmehr gewinnen die Kandidatinnen, die ohne nachzudenken und vor allem ohne sich zu beschweren das tun, was man (oder: Heidi Klum) ihnen sagt. 

8. Februar 2017

Passion

Du bist ein Arschloch! 
Du unterbrichst mich ständig! 
Du redest zu viel! 
Du hörst mir nie zu! 
Du brauchst eine Therapie! 
Du bist wie deine Mutter/dein Vater! 
Du hast dich so sehr verändert!
 
Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du… 
Das habe ich dir schon tausendmal gesagt! 
Warum kann nicht alles wieder wie früher sein? 
Dir kann man auch nie etwas recht machen! 
Kannst du auch einmal etwas für mich tun? 
Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte! 
Du musst endlich was gegen das verdammte Schnarchen machen!

7. Februar 2017

Die Falte

Football ist ein so anschaulicher wie unberechenbarer Sport. Athletisch, taktisch anspruchsvoll, rasant. Für all diejenigen, die nur einmal im Jahr den Super Bowl sehen, ist es eine perfekte Show von Gladiatoren, die testosteronbetäubt aufeinander zustürmen. Doch die Schönheit und Dynamik dieses virilen Kampfspiels resultiert aus absoluter Imperfektion. Es kann alles passieren. Ein Quaterback wie Tom Brady, der nun mit den New England Patriots fünfmal die Endspielschlacht siegreich überstanden hat, liest die Fehler seiner Gegner und findet erst so die Räume, um die Partie mit Geschick an sich zu reißen. Dass ihm das in einem einzigen Quarter gelang, bei einem geradezu irrealen Rückstand, bleibt eine Sensation, die aus der Stärke des Gewinners resultiert und nicht aus der Schwäche des Kontrahenten, der unterlegenen Atlanta Falcons.

Ganz anders verhält es sich mit der Halbzeitshow, in der seit Jahrzehnten die bekanntesten Stars der Musikwelt für gerade einmal 13 Minuten unter Einsatz von Licht und Feuer ihre größten Hits zelebrieren. Ein Festival der Makellosigkeit, des technischen Brimboriums. Perfektion in Vollendung. Am vergangenen Sonntag war Lady Gaga an der Reihe. Sie sprang vom Bühnendach (okay, das war nur eine Illusion - aber das gehört ja zum Spiel dazu), sie hetzte über die Bühne, tanzte, verbog sich, schmetterte „Poker Face“ und all die anderen Hits, die in den vergangenen Jahren stets belangloser geworden waren. Ein gelungener Auftritt, ganz ohne Nippel, auch ohne angekündigte politische Botschaft in Richtung Donald Trump.
Aber dann sah man sie, die sich selbst in ihren Choreographien und Videos zur beliebig beschreibbaren Menschmaschine verwandelt, ihr Kostüm wechseln - und unter ihrem hautengen Top zeichnete sich so etwas wie eine Bauchfalte ab. Kein Bauchfett, eher ein Fetzchen Haut, das sich leicht um ihre sichtbar definierten Bauchmuskeln schmiegte. Ein Überbleibsel. Etwas, das die Sängerin nicht verschwinden lassen konnte. 

Und ich denke mir in diesem Moment, dass nun vor dem Bildschirm Millionen von Menschen sitzen werden, die den Blick längst von der aufreizenden Performance auf dieses sich immer noch formvollendet wölbende Körperteil richten würden, um dann nur Sekunden später in den sozialen Netzwerken davon zu berichten, als hätten sie auf einem Gemälde einen Fleck Tinte entdeckt. Beschämendes Body Shaming. Ich frage mich, ob es einen längst konditionierten Blick für solche Schönheitsfehler gibt, ein Bildrauschen, das in unserer Hochauflösungswelt zum Störfaktor wird.

Dabei gibt es kein Leben ohne Falte. 

2. Februar 2017

… denn sie wissen nicht, was sie tun

Putin, Trump, vielleicht bald LePen: Wir nähern uns einem neuen Zeitalter der Kakistokratie, der Herrschaft der Schlimmsten.



Was all die Politiker dieses Herrschaftstyps über ihre unterschiedlichen Charaktere hinaus eint, ist die Verachtung jeglicher Intellektualität (also des Zweifelns und Nachdenkens), die Zerstörung jeder Form des öffentlichen Diskurses (Zorn auf Journalisten, Wissenschaftler, Künstler), die Abscheu vor all jenen, die keine Macht haben (also Außenseiter, Kranke, Zurückgewiesene) und das vollständige Desinteresse an Moral und Anstand (mit dem Credo: Was möglich ist, kann auch gemacht werden).

1. Februar 2017

Falsch verstandenes Feingefühl

Viele sensible Menschen behandeln andere Menschen ausgesprochen unsensibel. Vielleicht wird ihnen deshalb regelmäßig jedes Feingefühl abgesprochen.