8. März 2008

Bekenntnis eines Masochisten

Nein, nicht im Sinne eines darniederliegenden Ohnmächtigen, der um Schmerzen winselt und um Gnade fleht – nicht zu verstehen als verdroschener Lustgeplagter, der sein Heil und seine Befriedigung nur aus der Unterdrückung ziehen kann – auch nicht zu missverstehen als Absage an das Handeln und als blinden Wunsch, geführt zu werden – noch weniger zu begreifen als Wunsch, zu verschwinden, zum Atom unter vielen zu zerbröseln – nein, ganz anders und in Ermanglung eines richtigen Begriffes nur mit dem vieldeutigen Ausdruck Masochist bedruckt (psychoanalytisch gestempelt, sexualpsychologisch gewertet), bekenne ich mich zu einer Form des Schmerzverständnisses, das bar jeder infantilen Strebung nach Lust, entfernt vom permanenten hedonistischen Gipfelsturm, die Tragik des Lebens in sich aufsaugt und hie und da verkleinert oder energisch vergrößert.

Mein Masochismus ist kein Katechismus des Leids, sondern das Meditieren eines Schmerzenmannes. Die Sehnsucht dahinter ist der Versuch, in den Kern des Lebens, in den Kern der Erde und den Kern der Seele hineinzustoßen. Ich kann nicht anders; es bleibt mir nur dieses Los. Ich will konfrontiert werden mit mir selbst und der sich in mir befindenden Wahrheit – so düster, kärglich und ungenügend sie auch sein sollte. Ich streiche über die mikroskopischgroßen Zahnräder des so feingliedrigen Uhrwerks meiner Seele, immer mit der Gefahr lebend, unwiederbringlich etwas zu zerstören.

Wenn von den großen tragischen Geschichten dieser Welt gesprochen wird, dann werfe ich mich in sie hinein, weil ich darin den Staub des Universums erkenne. Die Tränen der Vergangenheit werden nicht trocknen, sie können nur in mutigen Gemälden vergegenwärtigt werden; von einem allumfassenden Seinsverständnis geprägt, das nicht aussperrt, sondern eröffnet.

Anstatt die Augen weit geschlossen zu halten, öffne ich sie angestrengt – um sie im Schlaf nur umso fester zu verschließen. Ich höre auf den unruhigen Puls meiner Träume und vermute dahinter den Takt meines Lebens. Ich sehe in die Welt hinein und erkenne das Unbewusste, den Mythos, im Alltäglichen – aber es lächelt nicht, liebkost nicht, sondern schweigt beharrlich. Das, was nicht bewusst ist, scheint nur unsichtbar für jene, die (er-) fassen wollen. Die Beobachtenden (und was sind solch Masochisten, Voyeure, Fantasten wie Paranoiker, wenn nicht Beobachtende?) aber erhaschen einen Blick auf das, was sich hinter dem sonst so geschlossenen Fenster verbirgt. Lähmung bleibt ihnen als Lebensgefühl, denn der Drang zu Handeln ist dem Menschen ins Mark gebrannt.

Die maliziöse Gestalt der letzten Erkenntnis ringt jeden Tag um Aufmerksamkeit, denn das verbirgt sich hinter dem Wunsch, zu graben, zu bohren, zu drängen: dem Tode zu entrinnen, wenn man ihn beileibe spürt.

Ich suche nach dem Großen – in allem und jedem – und sammle das Kleine, wie Briefmarken, wie Münzen. In mir brodelt die spirituelle Energie desjenigen, der glaubt, den brennenden Schmerz des Dornes, der so sichtbar im Fleisch verweilt, irgendwann verstehen zu können. Sind es Glückliche, die den Dorn vergessen haben – oder nur Betäubte? Ich bekenne mich hypochondrisch zu gestikulieren, den Schrei zu vollziehen, der mich das Leiden überwinden lassen will. Aber ich scheitere mal um mal. Dieses Scheitern ist Teil meines Lebens.

Wie kommt es, dass die Tränen mein Gesicht bedrücken, obwohl ich das Helle, das Warme, das Bunte und Schnelle – die Weite, das Runde, die Unendlichkeit und Ferne – so sehr liebe?
Was tue ich, wenn ich in jenem Lächeln das Ironische, dort das Sarkastische und woanders das Zynische erblicke, aber in dem einen Lächeln, das ohne Grund ist, die Wahrheit über die Welt entdecke?
Wo befinde ich mich, wenn ich unter Menschen bin, die doch nur zusammen sein wollen – zusammensein – und mir den Atem nehmen, weil sie wie ein Schwarm Bienen nur nach dem nächsten Süßen lechzen – aber doch ein Mensch mir gegenüber die größte Zuversicht schenkt?

Jede Antwort, die ich gebe, ist ein kühler, direkter, unvermittelbarer Dolchstoß in die bereits blutende Wunde. Ich hangle mich voran, krieche über einen staubigen Boden und kann nicht verhehlen, das ich auf der Suche nach dem, was andere übersehen (weil es keine Lust, keinen Spaß, keine Sicherheiten bringt), eine harmonische Freude empfinde, die mich Heiterkeit lehrt und auf Gram verzichtet.

Blicke ich auf die Welt, so blicke ich auf die Erde, den kahlen Boden – oder in den Himmel, ins weite All, wo all die Sterne glitzern und von etwas erzählen, dem ich mir nur nähern kann, wenn ich alle Sicherheiten aufgebe und mich in der Demut eines Sterblichen verliere.

Ich glaube nicht an ein Glück im Ungefähren oder an die Hoffnung im Einfachen. Ich sehe die Schönheit nur im Unsichtbaren, die Wahrheit nur im Unbewussten und das Leben nur als Konsequenz.

Möchte ich mich selbst erfahren, dann muss ich den Schmerz des Seinwollens ergründen; so muss ich verstehen lernen, zuhören können (und mich selbst dabei zurücknehmen), geduldig sein, lernen wollen, fallen und scheitern, aufstehen und wieder fallen; ich kann nur auf das vertrauen, was in mir leise – manchmal zu leise – flüstert; will ich mir nahe sein – dann muss ich glauben. Glauben.

All dies sind schmerzhafte Prozesse, mit denen ich leben will.
Deshalb bekenne ich mich dazu, Masochist zu sein.

Weil das Bekenntnis zum Erleiden des Übels und des Bösen, des Abgrundes und der Möglichkeit des Scheiterns heute nur noch den wenigsten Menschen über die Lippen kommen will.