18. Juni 2007

Tränend

Klagen, heulen, plärren, jammern, schluchzen, wimmern – einfach weinen. Die Menschheit verlernt das Flennen. Auf Trauer mit Tränen zu reagieren, welch Erleichterung wäre das? Nur noch im Kino entledigen sich die Menschen von ihren angestauten Wassermassen, salzig, düster, gläsern. Nirgends sonst. Im Dunklen, Verborgenen, dort wo das Licht und damit der Blick des Nachbarn keinen Weg in die verdeckte Seele findet, dort ist es möglich sich grämend zu ergeben. Im Lichte sogleich zu weinen ist aber vielmehr Schönheit, gleich Erleichterung und Vollkommenheit, weil Privileg statt gefühlsdiktiertes Gebot. Zu tränen, wenn das Leben mit grüblerischem Glanze Erhabenes präsentiert, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern präsentiert den Mensch als fühlendes Wesen in einer Welt, von dessen Natur er sich zu trennen glaubt. Und doch: Er, der Mensch, ist als einziger dazu begabt, die Tränenkammern mutig zu benutzen. Vor Lachen sich zu krümmen und dabei Bäche in die Welt zu gießen ist nicht nur edel, es ist zugleich auch Bildnis süßsaurer Heiterkeit. Doch trocken bleibt der jämmerliche Humor des Nicht-Sensiblen. Mehr nur ein verschämtes Grinsen. Kontrolle. Kontrolllosigkeit im schwebenden Raum ist Voraussetzung für Tränenbilder. Von Liebe berührt zu werden, sie in sich gleichsam zu fühlen, sie entblättern zu lassen und damit Teil des Lebens zu sein, ist ein Grund – vielleicht gar ein zwingender – Tränchen in den Alltag zu blasen. Selten aber gelingt dieses Kunststück noch. Rührung stirbt genauso aus wie die Heiterkeit. Zwingen soll man sich vorm Grabe zu schluchzen, als würde dies Anteilnahme grob bestätigen. Man erinnere sich an Meursault und vergesse nicht, dass unablässiges Drücken einer strapazierten Tränendrüse zum Krampfe nicht nur im selbigen Säckchen führt, sondern auch zum Krampfe im verlogenen Herzen. Keiner muss auf Todesfeiern weinen, um traurig zu sein. „Hast du geweint?“, fragen sie dich. Und du lügst.

Nein, nein, es gibt keinen Weg zurück zum gediegenen Tränenspiel, tausendtränentief.

Der Schwermütige spürt noch seine Weinanfälle, wenn er sich in der großen Welt verwirrt.

Der Ängstliche erfährt das Keimen hohler Schmerzen im Wimmerkanal der Augenhöhlen.

Das Baby plärrt unablässig und hinter vorgehaltener Hand wird ganz leise und doch deutlich nur gesagt: Es will ja seinen Willen durchsetzen.

Wenn nun der Schöpfer vor seinem geschaffenen Wesen stünde, sich ihm offenbart und beginnt zu lächeln, müssten wir nicht weinen können, um diesen Moment zu verstehen oder gar ergreifen zu können?

Können wir es dann noch?