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Es werden Posts vom Januar, 2011 angezeigt.

Das Gesetz der Begierde (2)

Das Sexuelle giert nach Details. Es fokussiert sich auf Augen, Füße, Haare, Bauchnäbel, Flüssigkeiten, Wunden, Kleidungsstoffe. Kurzum: Das Sexuelle sucht im Fetisch nach dem Höhepunkt. Aber noch einmal: ob es Mutters Brüste, Vaters Worte, die nackten Füße des Kindermädchens an Sommertagen oder die Gelüste am eigenen Stuhlgang sind – die Herkunft der Begierde verharrt im Nebulösen. Dieses Geheimnis ist die Stärke des Sexuellen.

Seine Stärke markiert aber auch die Schwäche ihres Trägers. Das Sexuelle will gleichzeitig verwirklicht und abgetötet werden. Warum? Es entspinnt verführerisch einen Leitfaden für die perfekte sexuelle Choreographie. Zugleich will es aber inszeniert werden, immer und immer wieder! Wird seine Traumdramaturgie auch nur ansatzweise erfüllt, zeigt sich, dass der Idee nur ein schwächliches Szenario folgen kann. Post coitum omne animal triste est. Das Verlangte zeigt keine Wirkung. Und wenn es Wirkung zeigt, dann will es sofort wiederholt werden. Aber je öfter die …

Das Gesetz der Begierde

Das Sexuelle ist Schicksal. Es bestimmt die Sehnsüchte. Es koordiniert Freud und Leid der eigenen Lust. Es meint nicht Erotik. Das wäre nur das Verlangen nach dem Verlangen nach Sex. Es ist auch nicht zu verwechseln mit dem Akt selbst. Der Akt ist nur die Aufführung des Sexuellen, die, meist misslungen, Lust spendet, vielleicht sogar Befriedigung, in den seltensten Fällen aber Befriedung des Sexuellen ist.

Das Sexuelle ist eine Wunschmaschine. Erst einmal in Betrieb genommen, lässt es sich nicht mehr abschütteln. Deshalb ist es auch gefährlich. Schon in früher Kindheit organisiert es sich, wird gefüttert von unzähligen Reizen. Nichts wird vergessen, alles bleibt abgespeichert. Viele Farben mischen sich über die Jahre zu einem einzigartigen grellen Farbton zusammen, der weitaus prägender ist als der eigene Name.

Das Sexuelle ist das Vorspiel. Es ist der Kinofilm, der das große Spiel am Laufen hält: ein buntes Mosaik, das die Leidenschaft entzünden lässt. Aber es bleibt ein Rätsel, war…

OK Computer

The Bends, OK Computer oder Kid A? Das ist eine der wichtigsten Fragen für Musikliebhaber. Ein Triumvirat großer Popmusik, eindeutig. Nur den allerwenigsten Bands gelingt es, drei Meisterstücke hintereinander abzuliefern. Radiohead ist es gelungen. Sie sind deshalb inzwischen zurecht eine legendäre Band. Meine Antwort auf die Gretchenfrage: OK Computer! Schon allein wegen Paranoid Android. Mit keiner Platte dieser Welt kann man sich die Erfahrung kaufen, die man allein mit diesem Song macht. Es gibt keinen bekannten Popsong auf diesem Planeten, der so herrlich düster ausfranst. Der Wall-Of-Sound des Albums hat sich in nachdenklicher Verzweiflung eingerichtet, bearbeitet den Schmerz der Welt als wäre er Stoff für eine kakophonische Filmoper. Und wie alles verfugt ist. Man beachte die subtilen Übergänge zwischen den Songs. Von Karma Police zur Beschwörung von Fitter Happier und dann zu Electioneering. Das süßlich-zarte No Suprises, das wie ein Schlaflied für Kinder beginnt, um dann unen…

Glücksspiel (2)

Das Glück ist das regelmäßige Ausleben selbst geschaffener Euphoriepotentiale.

Express in die Hölle von Andrej Konchalovsky

Wie John Voight, nachdem er aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Alaska geflohen und auf einen aus 4 Lokomotiven bestehenden Zugkomplex gelangt ist, der bald führerlos durch die Schneemassen pflügt und nach einer Entscheidung der Bahnaufsicht in einen Graben dirigiert werden soll, auf der Lokomotive thront und die endgültige Freiheit gewinnt, weil er den ihn verbissen verfolgenden Gefängnisdirektor in der Lokomotive angekettet festhält und nun mit ihm zusammen ins weiße Nichts fährt. Dazu im Abspann Shakespeare, Richard III: „Selbst das wildeste Tier kennt doch des Mitleids Regung.“ „Ich kenne keins und bin deshalb kein Tier.“

Glücksspiel

Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.
Voltaire

Er

Er ist auch schlecht rasiert. Sein Rucksack unterscheidet sich nicht von denen, über die er herrscht. Auch er muss mit dem Bus fahren – und findet keinen Sitzplatz. Er wünscht keinen guten Morgen, sondern wiederholt nur kurz den Tageszeitzustand. Er versucht sich zaghaft an einem Lächeln. Dann dreht er sich weg, um das Gleichgewicht zu bewahren, denn der Busfahrer kennt keine Rücksicht. Beinahe wäre er gestürzt.