13. Dezember 2006

Triptychon der Un-Fähigkeiten

Lebensunfähigkeit

Manchmal, so denke ich mir, wenn ich vor mir die vielen Menschen sehe, die ihr Leben versuchen mit der größten Präzision und Kontrolle zu gestalten, ist es doch so, dass ich lebensunfähig bin. Welch hartes Urteil das doch ist. Aber es ist so. Und doch entspringt dieses Gefühl einer inneren Regung, die es erst einmal zu erklären gilt, wenn man zumindest verstehen will, was es bedeutet, lebensunfähig zu sein.
Lebensunfähigkeit ist nicht Todsein. Lebensunfähigkeit ist nicht das Nichts.

Lebensunfähigkeit meint das Verharren in einer Innerlichkeit, die es unmöglich macht zu handeln und damit das Herz beschwert mit einer Melancholie, die das ganze Leben lang tief verborgen, aber doch fühlbar schwelt– wie ein Engel, der schweigsam über einem schwebt. Das Praktische ist nicht Heimat des Lebensunfähigen; das Theoretische lässt ihn das gesamte Leben in einer Welt übernächtigen, die mehr Exil ist als sie von einem Zuhause versprechen könnte. Niemand hat den Lebensunfähigen auf der Rechnung. Der Lebensunfähige scheint aber gerade dann zu erleuchten und zu glühen, wenn er in der Zweisamkeit sich wieder findet. Gerade hier überkommt ihn das mentale Rauschen, er darf sein, wie er ist. Der Lebensunfähige will sein, nicht haben, und er sieht als erster, dass ihm das nicht gelingen kann. Dies macht ihn traurig. Während der Lebensfähige handelt, aber nicht fühlt , fühlt der Lebensunfähige, ohne handeln zu können. Tragik des Seins.

Der Lebensunfähige will, aber er kann nicht. Das lässt ihn Dinge erkennen, die anderen verschlossen bleiben. Die Kunst, das Leid sehen zu können, es verständlich zu machen (niemand will es hören) und damit andere Menschen von sich zu überzeugen, machen den Lebensunfähigen paradoxerweise zu einem Lebenskünstler. Dann springen dem Lebensunfähigen Menschen ins Gesicht, um zu sagen: Du bist ja so lebendig, dein Lächeln ist so frisch. Hinter jedem blitzenden Lächeln steckt ein tiefverwurzelter Schmerz. Das zu verstehen ist schwer – dem Lebensfähigen gar unmöglich. Und so leben beide nebeneinander her ohne den anderen zu verstehen.

Liebesunfähigkeit

Wenn Liebe die größte Fähigkeit des Menschen ist, die ihn einmütig vom Tiere unterscheidet, ist es dann nicht eine unvorstellbare Last, zu wissen, dass man nicht zu ihr in der Lage ist?

Ich weiß nicht, ob ich zur Liebe nicht fähig bin. Mir wird es niemand bestätigen können – das ist eine zynische Hoffnung. Denn wie jedes Leid kann es gelindert werden, wenn es nur ein wenig verstanden wird. Was heißt Liebesunfähigkeit? Bedeutet es, nicht mit einem Wesen auszukommen, das man begehrt? Lieben ist eine Fähigkeit, die aus dem Innersten des Menschen kommt – also eine produktive Kraft – und somit die größte Herausforderung des narzisstisch Geborenen, der erst lernen muss, Liebe zu empfinden (ohne sie unentwegt zu verlangen oder einzufordern). Lernt er es nie, wird er nie lieben können. Dies zu verstehen, war einer der Wendepunkte meines Lebens, wenngleich dies nicht bedeutet, dass es mich zu einem Liebesfähigen gemacht hätte.

– Jeden Tag versuche ich ein bisschen mehr Liebe zu geben, Liebe zu geben, Liebe zu GEBEN... Wer nicht geliebt wird, hat es schwer zu lieben. Aber wer nicht lieben kann, wird schwerlich geliebt werden können. Aus mir spricht nicht nur die Liebe zu den Ideen Erich Fromms, wenn ich behaupte, dass eine adäquate Antwort auf das Problem der Liebesunfähigkeit des modernen Menschen (und damit des zivilisierten Menschen an sich) auch eine Antwort auf das Leid des Menschen in einer nahezu unverständlichen Welt ist.

Studierunfähigkeit

Ich weiß nicht, wann genau ich bemerkte, dass Schule nichts für mich war. Es muss irgendwann in der Grundschule gewesen sein. Heute stehe ich vor der Universität und will ehrfürchtig zittern. Doch es geht nicht. Ich habe alle Angst vor dem Lernen in der Schule aufgebraucht.

Menschen, die Angst haben, dem Leistungsmonopol nicht zu genügen, versuchen ihr Leben dadurch in die Hand zu nehmen, dass sie akzeptieren, was ihnen ein minderbemittelter Lehrkörper versucht einzutrichtern. Was lernen wir denn nun? Gar nichts. Die einzige Lehre, die ich gezogen habe, ist, dass ich mir nicht gefallen lasse, einfach nur stillzusitzen und zu akzeptieren. Nun aber ist dort die Universität, die ja so gar nicht schulmeisterlich daher kommen will, die sich rühmt, ein Hort der Freiheit und des liberalen Gedankens zu sein. Sie ist es nicht. Und auch wenn hier warme Worte beschwichtigen wollen, dass es doch bald wird, dass es gerade darum geht, nicht zu verzagen und abzuwarten, ist doch schon am ersten Tage klar, welche Energie gezogen werden kann aus den veralteten Gemäuern, die mehr eine tonnenschwere Last der Erwartung tragen als eine (letztlich wieder allegorische) Baufälligkeit zu symbolisieren.

Vielleicht ging ich mit zu hohen, übertrieben Erwartungen an das Studium heran. Ist das ein Fehler? Nein!
Wer den Anspruch Humboldts vertreten will, darf nicht kapitulieren vor der Kleingeistigkeit einer inzwischen allzu ängstlichen Elite, die längst ihre intellektuellen Ursprünge zugunsten einer marktkompatiblen Zielorientierung verkauft hat. Hier mag der engstirnige revolutionäre Geist vergangener Zeiten hervorpreschen, aber schon alleine aus Rücksicht auf die Tradition einer vorzüglichen Geistesgeschichte dieses Landes ist es verdammenswert, dass das die Idee einer Universität, eines Mikrokosmos des Geistes, nur noch ein blasser Witz ist. Bemitleidenswert. Vergessenswert. Ohne Wert!

Ich sitze in den Seminaren und verbringe meine Zeit mit Träumen und Sinnieren. Ich glaube daran, dass es richtig ist, sich mit Kultur und Kunst zu beschäftigen (weil ich den Naturwissenschaften nicht traue, weil ich den Pragmatikern misstraue und weil ich Vernunft aus dem Glauben an die Menschlichkeit ableite) und sich eine friedfertige Welt nur dann verwirklichen lassen wird, wenn es Menschen gibt, die lieben, was sie arbeiten, die an das glauben, was sie denken und tun (und die an das glauben, was sie träumen!) und die das Risiko eingehen, zu leben. Ich bin in dieser Welt, die all diese Dinge nicht verwirklicht sehen will, fehl am Platze.
Ich bin in dieser Universitätswelt studierunfähig.