31. Januar 2017

Into The Wild (2)

Und dann liest man die Werbung auf dem Buchrücken und die Rezensionen im Netz und in den Zeitungen zu „H wie Habicht“ und ahnt: Die Flucht in die Einsamkeit, der Rückzug zu einem weidwunden Selbst, wird verkauft als ein absurder joy trip in eine Welt, die man sich in unserer gut genährten Wohlstandsgesellschaft eigentlich nicht mehr erlauben kann. Da hat ein Mensch den Ausstieg geschafft. Wie bewundernswert.

Ich fand diese Buch außerordentlich gut, lehrreich und ich bin fast neidisch auf diese Erlebnisse mit diesem Vogel. Ein ganz besonderes Buch -ich empfehle es allen, die diese Sorte Vögel verehrt und auch die Menschen, die das schaffen. (Amazon-Kritik)

Keine Gedanken mehr über die scharfen Kanten der Depression, den Kampf mit der eigenen (auch sexuellen) Identität. Ja, so hat man einst auch „Walden“ falsch gelesen. Aber versteht man damit diesen introvertierten Text nicht völlig falsch? Die nahezu verzweifelte Disziplin, die nötig ist für das beschriebene „Hobby“ des Habicht-Abtragens - das Gegenteil von Domestizierung -, widerspricht jedem Lifestyle von Entschleunigung und einer falsch verstandenen Selbsteinkehr.



Die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Autoren, die sich ebenfalls auf die Vögel stützten, als wäre es ihre letzte Lebensrettung, ist doch auch keine Wiedergabe von altklugen Ratgebern.

Man muss die Künstler anscheinend wieder vor ihren verblendeten Rezipienten schützen.

30. Januar 2017

Into The Wild

Ich lese zur Zeit „H wie Habicht“ von Helen Macdonald. Ein wunderschönes Buch, in dem die Autorin mit bewundernswertem Feinsinn erzählt, wie sie einst einen Habicht zu zähmen versuchte.

Die Erfüllung dieses Lebenstraums, der viel Disziplin und noch mehr Hingabe verlangte, war auch eine Reaktion auf den Tod ihres geliebten Vaters, einem Fotografen, der ihr als großes Lebensgeschenk jene absolute Beobachtungsgabe vererbte, die einerseits die Detailschärfe ihres Berichts prägt, andererseits aber auch von den beeindruckenden Jagd- und Überlebensfähigkeiten des stolzen Wildtiers gespiegelt wird.

Gedanken über Einsamkeit 


„H wie Habicht“ schildert mit einfachen Worten und großer Konzentration, wie Macdonalds Abrichtung des Greifvogels auch zum ganz und gar persönlichen Zweikampf wird. Die Schriftstellerin reflektiert dazu über jene, die ebenfalls bereits über die schwierige Zähmung eines Habichts geschrieben haben (zum Beispiel T.H. White, der neben seinem berühmten Artusroman „Der König auf Camelot“ mit „The Goshawk“ auch einen schmalen Band über seine Erfahrungen mit dem widerspenstigen, aber stolzen Wildtier verfasst hat).

Dabei wird deutlich, dass diese Weltflucht natürlich vor allem aus psychologischen Gründen gewählt wird.

Macdonald beschreibt die bedrückende Einsamkeit, die sie überfiel, während sie den Habicht abrichtete - eine ganz konkrete Erfahrung mit Wildheit und Selbstentrückung, die sie in dieser Form noch nicht kannte - aber zu der sie sich bereits ein leben lang hingezogen fühlte.

27. Januar 2017

Gefahrenfahrt

Die Taxifahrerin, die seit 35 Jahren täglich durch die Nacht fährt und dabei stets mit einem mulmigen Gefühl in ihren Wagen steigt. Welcher unberechenbare, aggressive Gast könnte als nächstes einsteigen? Wer wird Ärger machen, wer sieht nur danach aus? Resolut sagt sie, dass sie jeden Angreifer gleich mit ins Grab nehmen würde, zur Not mit ihrem Mercedes als rollender Waffe.

Einmal, so erzählt sie, habe sie in den frühen Morgenstunden die Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns chauffiert. Die habe ihr volltrunken auf die Rückbank gepinkelt. Ein Schaden von 500 Euro, der sofort beglichen wurde - nachdem die Polizei kam. Nicht das erste Mal in ihrer Fahrtzeit.

23. Januar 2017

Weißabgleich

Warum haben Wintersportler eigentlich immer so blendend weiße Zähne?




Vielleicht sind sie das natürlich blühende Äquivalent zu dem Element, über das sie für ihre Zwecke magisch hinweg gleiten.

Möglicherweise spiegeln sie auch das sanguinische Temperament dieser fröhlichen Scheebezwinger - denn wie lässt es sich vorstellen, dass man traurig Abhänge hinunter schwebt?

Eventuell ist es für diese Kältekämpfer aber auch die letzte erogene Zone, die sie in die Kameras halten können, sind sie doch ansonsten - es geht ja gar nicht anders - fast vollständig in wärmenden Stoff eingewickelt.

20. Januar 2017

David Lynch von A-Z: Alphabet

David Lynch ist wohl der größte Sprachkritiker des Gegenwartskinos. Beginnend mit seinem Kurzfilm „The Alphabet“ von 1968 (in dem mit suggestiven Bildern die Qual, lesen und schreiben zu lernen, symbolisiert wird) ist die Unfähigkeit zu sprechen und die Gefahr des geschrieben Wortes in fast allen Filmen Thema.

Es kommt bei Lynch eher darauf an, wie etwas gesagt wird. Dabei geht es vor allem auch um die ganz konkrete Unmöglichkeit, sinnvoll zu kommunizieren. In „Twin Peaks“ bringt der Regisseur dies mit seinem Cameo-Auftritt als schwerhörigem FBI-Agenten absurdkomisch auf den Punkt.

19. Januar 2017

Über dem Nadelöhr

"Die Zeit mit Monika" (Ingmar Bergman), Filmausschnitt

Dein entsetzter Blick, als du sahst, dass dein Pullover längs deiner Schulter einfach so aufgerissen war. Schlechter Stoff, schlecht verarbeitet, dachte ich. 



Doch nachdem du für einen Moment die Beherrschung verlorst (und ich vermutete, dass du das Teil nun in die Ecke pfeffern, es vielleicht sogar direkt in den Mülleimer befördern würdest), schnapptest du dir Nadel und Bindfaden und machtest dich  mit konzentriertem Blick daran zu schaffen. 

Ich setzte mich neben dich und schaute dir, still und beinahe ohne zu atmen, dabei zu, wie du die hauchdünne Schnur in den Fetzen deiner Bluse zum Verschwinden brachtest. Hinein, schnell durchgezogen, festgezurrt, zurück. Noch einmal. Und noch einmal. Bis sich kaum noch sagen ließ, dass dort einmal ein Loch, ein Nichts gewesen ist. 

Die Minuten vergingen und du sagtest kein Wort. Als du dein Werk vollbracht hattest und weniger mit Stolz als vielmehr mit dem Gefühl, das Notwendige getan zu haben, zurück hinein in dein Kostüm schlüpftest, kam ich für mich zu dem Schluss, dass es für diesen einen Moment keine größere Weltbeherrschung geben kann.

16. Januar 2017

Kampf und Kunst

Leben heißt: dunkler Gewalten
Spuk bekämpfen in sich.

Dichten: Gerichtstag halten
Über sein eigenes Ich.

Henrik Ibsen

13. Januar 2017

Kakerlaken glotzen

Eine ganze Nation wärmt sich am Fernsehlagerfeuer, wenn RTL alljährlich "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" präsentiert. Die Sendung ist Reality-TV in Anführungszeichen und echtes Meta-Fernsehen. Dass es sich um einen harmlosen Spaß ohne Folgen handelt, ist allerdings ein gefährlicher Irrtum.




Pfui, jetzt berichten wieder alle über das RTL-Dschungelcamp. Warum nur - gibt es nicht wichtigere Themen, die dieses Land bewegen? Sicher gibt es die. Aber der Erfolg dieses eigenartigen Sendeformats ist es, dass es trotz Mediantamtams massiv unterschätzt wird. Eigentlich sollte man annehmen, dass es sich hier um einen weiteren Tiefpunkt in der nach unten offenen Skala des Selbstentwürdigungstheaters handelt, das die Privaten und besonders RTL seit Jahren kultivieren. Aber das wäre zu einfach.

Längst wärmt sich eine ganze Nation an diesem Fernsehlagerfeuer. In der Spitze sehen bis zu 9 Millionen Menschen dem bunten Treiben im australischen Regenwald zu. Oder ist es doch nur ein gigantischer Container in Köln/Hürth? Jedenfalls bescheren die Zuschauer RTL vor allem in der jungen Zielgruppe Marktanteile, die sonst nur Fußballübertragungen erreichen. Das, was „Wetten dass…“ einmal war, nämlich talk of town zu sein, ist inzwischen das Dschungelcamp. In den Kantinen und Büroräumen, in den Schulen und Arztpraxen wird über Ekelprüfungen und den einen oder anderen Seelenstriptease diffuser Halbprominenter intensiv, manchmal vielleicht hinter vorgehaltener Hand („Ich weiß, es ist ja solch ein Quatsch, trotzdem gucke ich es irgendwie ganz gerne.“), aber doch mit fast absurdem Ernst palavert. Die resolute Verweigerungshaltung einer Blondine, die mittels Kakerlakenspeise für das Abendessen ihrer Campkollegen zu sorgen hatte, oder die rührend naiven Ohnmachtsanfälle und Heimwehklagen eines besonders jungen ehemaligen Castingshowkandidaten (der damit die Gunst des Publikums restlos gewinnen konnte) werden diskutiert und voller Inbrunst psychologisch bewertet.

In dieser Castingshow Deluxe ist der Fernsehzuschauer selbst die Jury und wähnt sich mit einem diebischen Lachen im Gesicht in der Rolle des Scharfrichters. Es ist geradezu lächerlich.

Warum also Gedanken verlieren über diesen televisionären Menschenzoo, der doch wohl mit den Mitteln des Trash-TVs niedere voyeuristische Bedürfnisse befriedigen und die Lust an der Entwürdigung anhaltend zelebrieren will?
Längst hat sich auch bei jenen herumgesprochen, die solchen Klimbim im Fernsehen generell verdammen, dass „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ nicht erst auf den zweiten Blick ein mit viel Geschick und einigem Geld produziertes Unterhaltungskabinettstück ist, das zwar mit grenzdebil wirkenden Protagonisten besetzt ist, trotz allem aber von erstklassigen Autoren (die sich eben nicht nur die scharfen Pointen des wie Waldorf und Statler über die Empore des Klamauktheaters gebeugten Moderatorenpärchens ausdenken, sondern den wirren Bildern aus dem Urwald, sicher oft gähnend langweilige Schnipsel von zumeist langweiligen Menschen, eine handfeste Dramaturgie verleihen) geschrieben wird. Der laut ausgesprochene Konsens, der das Camp nicht nur auf die BILD, sondern auch in die ZEIT hievt, ist, dass RTL hier ganz einfach gutes Fernsehen mache: lustig, von allen Beteiligten gewinnbringend genutzt, im Grunde harmlos. Harmlos ist hier allerdings gar nichts.

Mit Buschtrommeln und Trompeten stellt das Privatfernsehen noch einmal die große Frage, was  eigentlich Unterhaltung sein kann. Das Straflager für aus dem Rampenlicht ausgetretene ehemalige Teilnehmer einer kaum mehr zu überblickenden Showkaste, die auf diversen Bühnen ihre Credibility erprobt, will Raum bieten für einen kaum zu bändigenden Humor der Erbärmlichkeit (der hier selbst lustvoll zitiert wird).

Anscheinend ist das Veralbern der offensichtlichen menschlichen Untiefen inzwischen das mehrheitsfähigste Element der (Fernseh-)Komik geworden. Es wird nicht über die Schwächen anderer Menschen gelacht, sondern über ihr Scheitern und ihre generelle Deplatziertheit in einem System, das der Berühmtheit um ihrer Selbstwillen huldigt. 


So viele Narzisse, die im Dschungeltümpel das Bild eines vielleicht durch die Show aufgerüsteten Promistatus‘ erhaschen wollen?

Im Dschungel müssen an jedem Baum Spiegel angebracht sein: "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" ist, und das mag allen Beteiligten erst nach einigen Sendestaffeln aufgegangen sein, echtes Meta-Fernsehen. Hier spiegelt sich das Fernsehen selbst, hier spiegelt sich die Fernsehshow mit ihrer Besetzung von definitiv durchschaubaren role-models als Kandidaten (die dann doch, that’s life!, lustvoll gegen ihre offensichtliche Besetzung anspielen), hier spiegeln die Kandidaten ihren eigenen Status als Medienkretins, hier spiegeln sich die Gastgeber lustvoll als Knallchargen eines im Reich des Sinn- und Würdelosen angekommenen Privatfernsehsenders – und letztlich spiegeln sich die Zuschauer auch selbst, wenn ihnen auf schmerzhaft symbolische Weise klar gemacht wird, dass eigentlich sie es sind, die genüsslich in eine Kakerlake beißen, wenn sie sich diesen Bildern aussetzen.

Das Privatfernsehen verdient sein Geld immer noch mit Werbung. Doch welche Werbekunden wollen sich auf diese Schlammschlacht im Urwald Australiens einlassen? Immer wieder betonen die Produzenten der Sendung, dass sie damit kaum  Geld verdienen würden, aber die süße Verlockung eines mit Werbeumsätzen kaum zu beziffernden Prestiges, ein spitzfindiges Medium im Medium geschaffen zu haben, das sich längst vom billig produzierten Show- und Reality-TV-Einerlei verabschiedet hat, kann sehr wohl darüber hinwegtrösten.

Das Dschungelcamp ist Reality-TV in Anführungszeichen: Ein Kandidatenkreis (von der Sorte „einmal bekannt gewesen“, „leidlich bekannt“ und „eigentlich nur einem Kreis von Hardcorefernsehzuschauern bekannt“) wird aus dem Alltag eines Lebens gerissen, das irgendwann  aus den Fugen geraten sein muss – jedenfalls fehlt jetzt das Geld für was auch immer, so dass zwei Wochen im Busch als für die versprochenen Moneten locker zu nehmende Hürde erscheinen. Die Aufgabe lautet: Ungeschminkt und wohl auch vom Wunsch besessen, sich mit allen Mitteln beim Publikum anzubiedern, allerhand Ekelprüfungen zu bestehen, wovon die größte wohl sein mag, mit einem Haufen von absolut Gleichgesinnten vierzehn Tage auf engstem Raum dahinvegetieren zu müssen.

Und wie schön sehen manche ehemals von zentimeterdicker Schminke verunstaltete Zicken aus, wenn sie von der Regenwaldfeuchtigkeit aufgedunsen und vom Koffein- und Tabakentzug aufgefrischt werden.


Nachdem das Fernsehen immer aufwändiger und hochauflösender geworden ist, finden Menschen ohne Maske und ungetuscht darin keinen Platz mehr. Im Dschungelcamp aber gibt es keine Maskerade – auf jeden Fall nicht für die unter den Witterungsbedingungen sichtbar reagierenden Körper, angeblich auch nicht für den Seelenapparat. Ist das nicht die ursprüngliche, lebensnahe Schönheit des Menschen in natura, nach der sich die Darstellungskünste verzehren? Eigentlich eine Wellnessfarm, dieses Camp – wenn die Kandidaten es nicht so entsetzlich ernst nehmen würden. 

Aber es ist nicht der ironisch verzerrte Kampf ums tatsächliche Überleben, der hier abendfüllend erzählt wird (auch wenn die Kandidaten gerne von den Grenzen sprechen, die sie hier tatgtäglich überwinden müssen), sondern hier meint survival of the fittest, dass sich ein Glückspilz mit Krone und Zepter schmücken darf, weil er irgendetwas anzubieten hatte, das den vielen Menschen auf ihren Fernsehsofas imponieren konnte.

Meistens sind die Gewinnertypen für ihre augenscheinliche Authentizität zum Sieger erklärt worden. Sie haben Emotionen gezeigt, wo andere schwiegen oder der Performance der Kollegen nur mit giftigen Worten begegnen konnten. Sie haben sich gegen einen Mitkandidaten gestellt, wenn dieser der Gruppe Schaden zufügen wollte. Oder sie haben ihren Markenkern besonders gut herausstellen können.

Aber wen interessiert schon der Gewinner in einer Sendung, die vom Verlieren erzählt: Spannend sind die Lagerfeuergeschichten der Gescheiterten, wenn sich also die offensichtliche Feier der Gehässigkeit für einige Momente zur rührenden Beichtstunde wandelt. 


Das ist sogar noch wesentlich spannender als die langweiligen Dschungelprüfungen oder die zur Schau gestellten Körper einiger Kandidatinnen, die damit einst oder immer noch ihr Geld verdien(t)en. Vielleicht ist auch das nur eine weitere Lehre dieses Meta-Fernsehens, das unaufhörlich unsere Medienwelt aufs Korn nimmt: Es gibt keine Schönheit, nichts Wahres und schon gar nichts Gutes, ohne dass zuvor durch Schlamm gewatet werden muss.

Erst kommen stundenlang die Ekelbilder und dann, vielleicht für einen kurzen Augenblick, ein erhabener Moment. Im Lager werden Schicksale verhandelt und ergriffen kommentiert. Hier begegnen wir Menschen, die unter der Dschungelhitze gar nicht anders können, als ihre Maske abzulegen, um ihr wahres Gesicht zu zeigen. Oder doch nicht? Werden elende Charaktere, die unterm Blitzlichtgewitter kaum zu ertragen sind, unter Giftschlangen und Spinnengetier zu edlen Charakteren?

Das Spiel mit der Realität wird im Dschungelcamp mit beeindruckender Konsequenz von Seiten der Kandidaten, aber auch vom Autorenschreibtisch aus, so geschickt betrieben, dass für den Fernsehzuschauer kaum eine andere Wahl bleibt, als sich selbst entscheiden zu müssen, ob er all das Gezeigte nur für eine gewiefte Illusion hält oder ob er dahinter doch Momente ergreifender Ehrlichkeit vermuten darf. Ist das Performance-Kunst? Können Schauspieler gar nicht anders als auch unter diesen Bedingungen weiter zu schauspielern? Was ist eigentlich Schauspielerei und wie viel ist sie wert, wenn die Regie für die Protagonisten nicht sicht- und hörbar ist, also niemals klar wird, ob der Shakespeare-Monolog auch mitgeschnitten wird? Die Wahrheit wird man nie erfahren.

Das musste die Feuilletonisten und intellektuellen Moralapostel doch auch ein wenig in die Irre führen.

Was ist, wenn dies also doch nicht nur ein zynisches Schauspiel ist, sondern hochreflexives, mit Ironie angetriebenes absurdes Theater, das den Zuschauer auf eine Weise herausfordert, mit der er – längst dressiert, sich am gescripteten Realismus zu ergötzen – einfach nicht rechnen konnte?

Vielleicht sogar unfreiwilliges, aber nichtsdestotrotz hochwirkungsvolles theatro mundi für die Massenmediengeneration? Und eine fantasievolle Meditation über Licht- und Schattenseite des Berühmtseins, also dem Götzen unserer Zeit? RTL delektiert sich längst an der überraschend zugeschobenen Intellektuellenpose. Eine landesweit geschaltete Werbekampagne für eine vergangene  Sendestaffel des Dschungelcamps zeigte allerhand ehemalige Teilnehmer der Sendung, die noch einmal einige Zoten von sich gaben, längst dauerhaft von den Moderatoren zitiert. Passend dazu der Slogan: „Deutschland – Ein Land von Dichtern und Campern“. Vor einiger Zeit hatte es die Sendung sogar in die Grimme-Preis-Nominierungsliste geschafft.

Hat sich RTL dieses Image mit den gewitzt-zynischen Moderatorenkommentaren – einer geschickten Variation und Repetition von Sprachhülsen, die ihrerseits auch wieder nur die chronische Logorrhoe des Fernsehens reflektieren – verdient oder ist es tatsächlich so, dass sich nach zwei Wochen unterhaltsamen Ekelk(r)ampfs Wahrheiten über Individuum und Gesellschaft herausgeschält haben, wie sie eben in keiner Talkshow und schon gar nicht mehr in irgendwelchen anderen verquasten Informationsformaten in der Glotze gewonnen werden?

Passt es da nicht, dass diese Show (Reis und Spiele!) im Urwald ausgetragen wird, dort wo, wie wir wissen, das grauenhafte Unbewusste der Menschen, aber anscheinend auch die von Menschenhand betriebene Wunschmaschine Fernsehen wartet? Wäre Klaus Kinski nicht ein sicherer Kandidat, wenn er noch leben würde?

Noch viel grausamer als der Schock, dass diese Sendung möglicherweise eines Tages den Grimme-Preis bekommen könnte, wäre es wohl, einer anderen Tatsache ins Auge zu blicken, die sich nach mehrmaliger vergnügter Sichtung des Dschungelcamps ergibt:

Dieses Format ist deshalb so erfolgreich bei Jung und Alt, Dick und Dünn, Klug und Blöd, weil es einer dionysischen Feier der Populärkultur gleichkommt, die ihren großen Sieg über die einstmals deutungsstärkere bürgerliche Kultur zelebriert.


Mit einem Grinsen in den Augen blickt uns der Dschungel an und verrät uns, dass in den abgekämpften Gesichtern unsicherer Prominenter, die vom allesfressenden Medienuniversum längst geschluckt worden sind und sich nun von Bohnen ernähren, sich erbrechen, wenn es nur zum fermentierten Ei  reicht (eine Delikatesse!), möglicherweise eine größere Wahrhaftigkeit zu finden ist als in den großspurigsten Inszenierungen auf den Bühnenbrettern dieser Welt.

Diese Oper der Scheußlichkeiten bedeutet den Menschen vielleicht nicht nur als Unterhaltungseskapade etwas, sondern sie vermuten gerade hier – ganz  unten, im Höllenschlund der Glitzerwelt – Erkenntnisse, wie sie sie gerade aus den Werken der Kunst oder der Literatur nicht mehr erhalten. Ja, im Urwald geht es noch moralisch zu. Jeder Fehler wird vom Kollektiv bestraft, jede Verhaltensauffälligkeit als deutliches Zeichen einer erschummelten Persona enttarnt, jede Sünde gnadenlos in der Gruppentherapie am Lagerfeuer besprochen. Was ist hier noch Inszenierung? Die Fernsehzuschauer identifizieren sich mit diesen geschundenen Gestalten – und wer weiß, vielleicht lachen sie am Ende auch noch über sich selbst, dass sie all diesen Quatsch mit großer Ernsthaftigkeit zelebrieren.

Wäre das nicht der Gipfelpunkt der Unterhaltungskunst?

12. Januar 2017

Vater und Sohn

Zwei Generationen: Olaf und Jack Frost


11. Januar 2017

Sehnsucht nach Weisheit

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Es lässt sich keine Selbstbeobachtung vorstellen, die weiser sein könnte.

Das liegt daran, dass diese Vorstellung von jeglicher Form des Narzissmus befreit ist.

Sie ist nicht nur von der Einsicht getragen, dass man in dem Moment des Erkennens weiß, im Grunde nichts zu wissen - sondern auch, dass dies in Zukunft nicht möglich sein wird.

Das Gefühl, das mit dieser Erkenntnis verbunden ist, kann man Demut nennen.

Oder Melancholie.

10. Januar 2017

Der Verwandlungskünstler

Das größte Geschenk, das David Bowie den Menschen gemacht hat, ist die Vorstellung, dass es im Leben nicht darauf ankommt, wie man geboren wurde. Vielmehr zeigte der vielleicht wandlungsfähigste Künstler seiner Zeit, dass es eben möglich ist, viele Rollen spielen zu können - dass es überhaupt erst so etwas wie Identität gibt, wenn man sich nicht auf ein starres Sosein zurückzieht. Ich verändere mich, also bin ich.

Anders als Andy Warhol, der jedem Menschenkind 15 Minuten Ruhm versprach und damit das erschreckende Verlangen nach besinnungsloser Berühmtheit ins Leben rief, ging es Bowie mit seinen vielen Metamorphosen - von Ziggy Stardust über den Thin White Duke bis hin zum unnahbaren Außerirdischen - nicht darum, seine Berühmtheit zu verwalten oder sich neu zu erfinden.

Dieser Musiker war eben kein Poser oder Performancekünstler.

Die Wesen, die David Bowie aus der Flasche ließ, waren vielleicht Zerrbilder seines Kampfes mit den eigenen Dämonen - aber sie waren vor allem auch das Gebären von Kunstfiguren, die für sich ein Eigenleben jenseits der Wirklichkeit beanspruchen konnten. Dieser Sänger hatte das Spiel verstanden wie kein anderer.



Dass dieser kunstsinnige Freigeist zugleich auch ein überlebensgroßer Popstar wurde, ist ein glücklicher Zufall der Musikgeschichte. Bowie, der Ironiker, hätte möglicherweise von einem Unfall gesprochen. 

9. Januar 2017

Generation iPhone

Wir wissen so viel voneinander wie nie zuvor. Aber weil wir immer weniger miteinander sprechen (und stattdessen chatten, mailen, Smileys schicken), kennen wir uns möglicherweise auch immer schlechter.

- Heute vor 10 Jahren präsentierte Apple-Chef Steve Jobs das erste iPhone -

6. Januar 2017

5. Januar 2017

Zwei Arten: Erkältete

Von einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet gibt es nur zwei verschiedene Arten von Erkälteten.

Der eine weiß, dass für ihn nun einmal wieder die Welt untergeht. Er zieht sich still in sein Kämmerlein zurück und fürchtet, dass sich aus dem Hüsteln recht schnell eine Lungenentzündung entwickeln könnte. Wenn er sich einmal aus seiner selbst geschaffenen Höhle aus Papiertaschentüchern und Medikamentenfläschchen befreit, teilt er jedem Menschen, der sich in seine Nähe traut, sofort mit, dass er höchstwahrscheinlich die nächsten Tage nicht überleben wird.

Der andere ist eigentlich gar nicht krank, zumindest behauptet er es mit triefender Nase und heiserer Stimme. Am Arbeitsplatz, der natürlich keinen einzigen Tag verlassen wird (um freigiebig auch andere Menschen mit Bazillen zu beglücken), findet sich allerdings eine kleine Apotheke - vornehmlich um zu zeigen, dass man die lästige, aber vollkommen bedeutungslose Erkrankung natürlich im Griff hat.

4. Januar 2017

Im Kino gewesen. Gelächelt.

Eigentlich gibt es für Männer nur einen Grund, ins Kino zu gehen: Frauen zu beobachten, um sie dann stillschweigend anzubeten.

Die Welt ist eine andere, seit die Menschen nicht mehr oft ins Lichtspielhaus gehen.

3. Januar 2017

Wenn …

Wenn die gerechte Sache unterliegt, wenn die Mutigen erniedrigt werden, wenn in Stollen und Schacht erprobte Männer wie der letzte Dreck behandelt werden, wenn auf Hochherzigkeit geschissen wird und die Richter Lügen glauben und Verleumder fürs Verleumden mit Gehältern bezahlt werden, von denen die Familien eines ganzen Dutzends streikender Bergarbeiter ihr Leben fristen könnten, wenn der Goliath der Polizeimacht mit den blutigen Gummiknüppeln sich nicht auf der Anklagebank, sondern auf der Ehrenliste findet, wenn unsere Vergangenheit entehrt wird und man ihre Verheißungen und Opfer mit ignorantem und bösem Lächeln achselzuckend abtut, wenn in ganzen Familien der Argwohn aufkommt, daß jene, die die Macht ausüben, der Vernunft und jeglichem Appell gegenüber taub sind und daß es keine Instanz gibt, an die man sich wenden kann, wenn dir allmählich klar wird, daß, was immer es an Wörtern im Lexikon geben mag, was immer die Königin sagt oder Parlamentskorrespondenten berichten, welche Bezeichnung das System sich selber auch immer gibt, um seine Schamlosigkeit und seinen Egoismus zu maskieren, wenn dir allmählich klar wird, daß SIE darauf aus sind, dich zu brechen, darauf aus sind, alles zu zerbrechen, dein Ererbtes, deine Fähigkeiten, deine Gemeinden, deine Dichtung, deine Klubs, dein Heim und, wo immer möglich, auch deine Knochen, wenn das den Leuten endlich klar wird, dann hören sie vielleicht auch in ihrem Kopf die Stunde der Attentate schlagen, der gerechtfertigten Vergeltung. 

John Berger: Begegnungen und Abschiede - über Bilder und Menschen. Fischer,  Frankfurt am Main 2000.

(Der Kunstkritiker und Schriftsteller John Berger hat auch meinen Blick auf die Kunst verändert. Der stets politisch hellwache Brite ist nun im Alter von 90 Jahren gestorben. Seine Gedanken bleiben.) 

1. Januar 2017

Start

Der erste Tag des Jahres ist kein Tag, sondern ein Zustand.