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Posts mit dem Label "Zeit" werden angezeigt.

Über dem Nadelöhr

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Dein entsetzter Blick, als du sahst, dass dein Pullover längs deiner Schulter einfach so aufgerissen war. Schlechter Stoff, schlecht verarbeitet, dachte ich.  Doch nachdem du für einen Moment die Beherrschung verlorst (und ich vermutete, dass du das Teil nun in die Ecke pfeffern, es vielleicht sogar direkt in den Mülleimer befördern würdest), schnapptest du dir Nadel und Bindfaden und machtest dich mit konzentriertem Blick daran zu schaffen.  Ich setzte mich neben dich und schaute dir, still und beinahe ohne zu atmen, dabei zu, wie du die hauchdünne Schnur in den Fetzen deiner Bluse zum Verschwinden brachtest. Hinein, schnell durchgezogen, festgezurrt, zurück. Noch einmal. Und noch einmal. Bis sich kaum noch sagen ließ, dass dort einmal ein Loch, ein Nichts gewesen ist.  Die Minuten vergingen und du sagtest kein Wort. Als du dein Werk vollbracht hattest und weniger mit Stolz als vielmehr mit dem Gefühl, das Notwendige getan zu haben, zurück hinein in dein ...

Alles im Fluss (Kontemplation)

Melancholie: Die Zeit fühlen, ohne sie beherrschen zu wollen.

Abenteuer in der Welt der Wissenschaft

Als ich noch ein Pimpf war, sammelte ich „Projekt X“-Hefte. „Abenteuer in der Welt der Wissenschaft“ stand auf den Pappschubern, in denen sich neben einigen Sammelblättern für einen Ordner auch Poster, Bastelbögen und so manch andere Gimmicks befanden.  Alle 14 Tage erschien eine neue Ausgabe, immer mit einem anderen Thema. Darunter gab es solch weitläufigen Kategorien wie „Unsere Ozeane“, „Licht“, „Sport und Fitness“, „Wetter“ oder „Kriminalität“. Man fantasierte sich mit dem Heft aber zuweilen auch „Ins Unbekannte“.  Erschienen war die Reihe bei Marshall Cavendish in Hamburg, das in den 90er-Jahren viele großartige Sammelserien herausgab, darunter „Im Reich der Urwesen“ (das mich das erste und möglicherweise letzte Mal dem Fantasy-Genre näher brachte), „Faktor X“ (das meine durch „Akte X“ geweckte Leidenschaft fürs Unerklärliche vorzüglich bediente), sowie „Im Herzen der Klassik“ (das mir zeigte, dass es Gebiete gibt, die möglicherweise im Leben selbst bei besten Ab...

Auschwitz gesehen

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Vor vielen Jahren habe ich Auschwitz gesehen. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt. Erst später habe ich verstanden, dass es eigentlich unmöglich ist, das Lager wieder zu verlassen, wenn man es erst einmal betreten hat. Das Erschreckendste ist die Friedlichkeit, die absolute Ruhe, die sich über das Gelände wie Morgentau auf Gras gelegt hat. Die Natur hat Birkenau, hat Auschwitz zurückerobert. Natürlich war mir das Endzeitlager auch als Kind schon ein abstrakter Begriff. In Klassenzimmer hatten wir darüber gesprochen, Anne Frank behandelt und auch „Schindlers Liste“ gesehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass die klagenden Violinenklänge, die John Williams für den Spielberg-Film komponiert hatte, sofort in meine Gedanken sprangen, als ich über die sorgsam für den Publikumsbesuch hergerichteten Pfade in Auschwitz schlich.  Auch die eine Szene, als die gefangenen Juden in einer schneeverhangenen Winternacht in der Hölle ankamen und mit dem Zug durch die von Aussichtstü...

Vertane Zeit, verlorene Müh'

Jetzt soll's auch bis zum bittren Ende glimmen,  Worte fallen eh nicht auf und Taten eher an.  Ich senke den Spiegel ab und stell' den Pegel ein.  Vertane Zeit, verlor e ne Müh'.  Lieben, einfach so, ganz wahr.

Weggabelungen

Die Zukunft entwickelt sich nicht nur in eine Richtung. 

Sekundenbruchteile

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Alles, was in 120 Sekunden erledigt werden kann, sollte sofort in Angriff genommen werden (etwa den Abwasch nach einer Mahlzeit). Komplexere Tätigkeiten, die keine Vorbereitung bedürfen und bis zu 300 Sekunden in Anspruch nehmen (etwa ein kurzes Telefonat, das Entfernen von digitalen Nachrichten oder eine Überweisung), sollten ebenfalls sofort absolviert werden, denn sie werden sonst schnell aufgeschoben.  Um von einer konzentrierten Aufgabe zu einer anderen überzugehen, sollten mindestens 600 Sekunden verstreichen, um (etwa bei einer Schreib- oder Denkaufgabe) vollständig bei der Sache zu bleiben und die Aufmerksamkeit zu halten. Das gilt auch für das Anwenden einer Pause.  Wenn ein Kind mit einem Problem nicht zurecht kommt (etwa bei einem Konflikt mit einem anderen Kind auf dem Spielplatz oder im Kindergarten ), sollte 17 Sekunden gewartet werden, ob es die Schwierigkeit selbst lösen kann.  Wer einer anderen Person in die Augen schaut und sie erwidert den Blick , ...

Tempus Fugit II

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Tempus Fugit I

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Wer bringt schon noch die Zeit auf?

Für einen Tag hat sich dieser erschreckend beständige, warme Sommer eine Pause gegönnt. Der morgendliche Regenguss hat sicher auch dem Zeitungsboten nur wenig Freude bereitet. Die ZEIT liegt wohl auch deshalb völlig durchnässt und beklommen neben dem Briefkasten. Sie passt nicht mehr in die Box hinein, weil sie meist etwas zu dick ist. Doch dieses Mal wäre es ohne Probleme möglich gewesen, denn der ZEIT fehlen diesmal aus einem mit nicht ganz nachvollziehbaren Grund mehrere Ressorts. Mir blieben der Politik-Teil, das Dossier und auch der Wirtschaftsbereich. Auf der Titelseite prangt die Aufforderung: „Sei mutig!“ . In der Titelgeschichte, die sich auf mehrere Artikel verteilt, stellt die ZEIT die Frage, was in heutigen Zeiten noch Courage ist. Damit meinen die Blattmacher natürlich: Warum sind die Menschen heute nur so mutlos? Noch eigentlicher fragen sie: Warum gibt es immer weniger Zivilcourage? Vielleicht ist auch implizit damit gemeint, warum das Mitleid mit in Not geratenen,...

Joggen im Winter

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Von Poesie und Schönheit umwölkt

Schon mit dem ersten Disney-Film lernt man im Windelalter: Das Kino lädt zum Lachen ein, rührt zu Tränen, erregt Angst und Schrecken und kennt keinen einzigen Moment der Langeweile. Wenn man nichts falsch macht im Leben, dann macht man diese Erfahrung mit jedem weiteren Film, der einen auf der großen oder kleinen Leinwand für einen Moment aus dem Alltag lockt.   Doch sowie man irgendwann versteht, dass sich hinter den Märchen doch andere Botschaften verbergen, als zunächst auf den ersten Blick deutlich ist, so kann es passieren, dass statt der üblichen Unterhaltungsware plötzlich ein Film über die Mattscheibe flimmert, der durch seine Inszenierung von Zeit, Gesten, Bewegungen und Gedanken zutiefst verstört. (Diese Erkenntnis wird ironischerweise vor allem zunächst im Fernsehen gemacht, also dort, wo solche Streifen eigentlich am schlechtesten aufgehoben sind.) Weil er anders ist. Weil er vor allem den Intellekt herausfordert. Kurz gesagt: eine ungeplante Begegnung mit Ku...

Zeiten, die uns Aufmerksamkeit lehren

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Vom Leben eines Esels (6)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson Temps Mort . Die unerträgliche Zwangsläufigkeit der ablaufenden Zeit, die ein „Leben“ zu einem Schicksal macht. Mit Balthazar beobachten wir diese Zwangsläufigkeit.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Man ist sich der eigenen Rückständigkeit ja durchaus bewusst. Wir leben wohl in Zeiten, die es kaum verzeihen, wenn nicht ständig alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, jeder Winkel vermessen und zudem noch jeder Gedanke über die Schmerzgrenze hinaus zu einem Ende gedacht worden ist. Wie schön wäre es also, mehr, deutlicher, tiefgreifender zu schreiben und den eigenen Ideen nachforschen zu können. Aber mir gelingt das zu selten. Vieles bleibt brach liegen. Manches darf sich an der klammen Hoffnung erfreuen, in Notizbüchlein für eine unbekannte Zukunft hinterlegt zu werden. Vielleicht wäre es besser, dass man sich nicht über das definierte, was man tut, hofft, glaubt und was auch immer, sondern was man tun wollte, hoffen würde, glauben könnte. Und so sind vielleicht die verschütteten Werke, die wir nicht sehen können - aber manchmal zu erahnen glauben - bedeutsamer, als zunächst geglaubt. Vieles wollte ich in der letzten Zeit auf Papier niederschreiben, aber ich habe nicht die Z...

Donnerstag, der 23.5.2013

Unglaublich, welche Mengen an Informationen, Daten, Diskursen, Bildern jeden Tag auf uns zugeschossen kommen. Je nach Interesselage werden diese gebündelt und weiterverfolgt. Gerade die Online- und Zeitungslektüre wühlt, ernsthaft betrieben, mächtig auf. Was ist das Lesen wert, welche Überschrift wird weiterverfolgt, welche will überflogen werden? Jeder Mensch selektiert anders, hat unterschiedliche Interessen, lässt sich verschiedene Vorurteile gerne widerlegen oder andere bestätigen. Wenn dann auch noch das Radio läuft und neben Gedudel und Gedödel Nachrichtenbröckchen in die Welt schallt, fällt es schon schwer, diese noch einmal zu rekapitulieren. Was nehmen wir auf, wenn wir Nachrichten lesen, hören oder sehen? Was lehnen wir ab – und wie können wir uns gegenüber den Relevanzmaschinen, die für uns sortieren und Meinungen mal unschuldig, mal mit voller Absicht zur Quoten- oder Auflagensteigerung produzieren, verteidigen?  Der Versuch, an einem willkürlichen Datum eine (per...

Ich ist ein anderer

Ich unter der Familie  (Ich unter Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Onkel, Tante, Neffe, Nichte, Cousin, Cousine, Großvater, Großmutter) Ich als Familie Ich unter Geliebten  (Ich im Bett, Ich vor dem Altar) Ich mit Geliebter Ich unter Freunden Ich mit Freunden Ich mit Freundinnen Ich unter Bekannten  Ich unter Kollegen, Ärzten, Priestern, Lehrern Ich unter Fremden  (Ich allein unter Fremden,  Ich mit Bekannten unter Fremden,  Ich mit Freunden unter Fremden) Ich am Arbeitsplatz Ich im Auto Ich im Stadion Ich im Fitnessstudio Ich in der Kirche Ich im Kino Ich im Puff Ich im Supermarkt Ich im Gerichtssaal Ich allein  (Ich geschrieben, Ich beschrieben, Ich fotografiert, Ich fotografierend, Ich im Selbstgespräch, Ich im Tagebuch, Ich im Gebet, Ich vor Gott)

Kleines Walter-Benjamin-Glossar (2)

Moderne ist als Allegorie der zerstörten Antike und zugleich der kommenden Katastrophe zu denken. Allegorie hält immer an den Trümmern fest. Zugleich steht die Moderne im Zeichen des Selbstmords. Selbstmord ist aber nicht Verzicht, sondern heroische Passion. Er ist Antwort auf die Niederlage des Willens  Der Lumpensammler   In Anlehnung an Baudelaire sind Lumpensammler und Poet vergleichbar: beide geht der Abfall an. Der moderne Heros arbeitet im Müll als seinem Medium Der Flaneur  Er lässt sich durch die Stadt treiben; er ist ein Spurenleser, der keine Spuren hinterlässt und widersetzt sich den administrativen Kontrollprozessen durch Müßiggang  Über der Stadt liegt immer Drohung (sie steht als surrealistisches Gebilde in der Nachfolge des barocken Bühnenbildes – als metaphysische Landschaft, in der die Menschen eine kurze, schattenähnliche Existenz führen). Deshalb verwandeln sich dem modernen Allegoriker die Bauten zu Trümmern, die Dinge zu Müll un...

Winterreise

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Ende der Herrenjahre

It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)