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Kipppunkte der Geschichte

Viele Gesellschaften haben sich in dem Gefühl einer resoluten, fast unveränderbar erscheinenden Gegenwart eingerichtet, die den Blick in die Zukunft meidet und die Erinnerung an die Vergangenheit als unnütz abtut. Ihnen ist die Vorstellung fremd geworden, dass die Geschichte Kipppunkte kennt. 

It's A Me, Mario!

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Ich hasse Videospiele und Gamer. Der Grund dafür ist, dass für mich bei den meisten Spielen auf jeden schönen Moment mindestens zwei Augenblicke der Frustration folgen und es offenbar einer Menge Spielzeit bedarf, um dieses liederliche Gefühl wegzuzocken. Ich habe mir nie genügend Zeit dafür genommen; nach spätestens drei Stunden setzen bei mir aber auch Kopfschmerzen, wundtrockene Augen und eine allgemeine Bräsigkeit ein. Symptome, die mir unangenehm sind.  Ich habe beim Spielen auch das Gefühl, dass ich anfange zu schwitzen und spüre eine Wut in mir, wenn etwas nicht gelingt, die selbst dann noch nachhallt, wenn der Endgegner oder was auch immer längst besiegt ist. Deswegen verachte ich die Realitätsflüchtlinge mit den flinken Fingern und reaktionsfähigen Gehirnen. Ihnen scheint all das nichts auszumachen. Sie spielen nach ihren Bedingungen. So wirkt es zumindest auf mich.  Es ist wohl wie bei den meisten Dingen, die man zu hassen glaubt: Der Wunsch zurückgeliebt zu werden i...

Warum läuft Tim K. Amok?

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Diesen (nun leicht modifizierten) Text habe ich im Jahr 2009 geschrieben, unmittelbar nach dem Amoklauf von Winnenden. Damals war ich der Überzeugung, dass das Gewaltphänomen der Schulschießereien vielleicht irgendwann vergehen würde. Aber das war ein Irrtum, wie leider erst der Massenmord an einer Oberschule in Graz zeigte. Gründe für diese Wahnsinnstaten zu finden, ist ein schwieriges Unterfangen. Es gibt aber einen Film, der dem Komplex mit unheimlicher Präzision nachspürt.  Die vielleicht ergiebigste Auseinandersetzung mit dem grausig-widersprüchlichen Ereignisfeld Amoklauf an Schulen hat Gus Van Sant mit dem Film „Elephant “ in Anlehnung an das Blutvergießen an der Columbine High School betrieben. In diesem geschichtslosen Drama, in dem die Protagonisten auftauchen und verschwinden bzw. erschossen werden, ohne dass man sie als Personen auch nur annähernd kennenlernen könnte, wird niemals klar, warum oder wieso irgendetwas passiert. Es bleibt unverständlich, warum gerade d...

Handschrift des Unglücks

Frei nach Tolstoi: Alle glücklichen Beziehungen gleichen einander, jede unglückliche Beziehung ist auf ihre eigene Weise unglücklich. 

Gemachtes Glück

Der Blick zurück ist trügerisch. Das, was man gemeinhin für eine glückliche Kindheit hält, ist manchmal nur das positiv gedeutete Bewusstsein, Glück als etwas von anderen gemachtes zu erleben. Es fehlt dann an der Gewissheit, es selbst erzeugen zu müssen. Für sich und für andere. 

Mit schlechtesten Grüßen

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Nichts wird so leichtfertig in die Welt geworfen wie ein Gruß. Jede klitzekleine, bedenkenlos dahingeschriebene Mail enthält einen - und sei es nur aus Gründen der Höflichkeit. Doch warum versehen so viele Menschen inzwischen ihre Gedanken, Forderungen und Fragen mit „besten Grüßen“? Auf den ersten Blick ist an dieser Freundlichkeitsformel nichts auszusetzen. Sie scheint ja nur eine ausdrucksstärkere Variante der „freundlichen Grüße“ zu sein. Supersuperlative machen es im Leben ja stets einfacher. Vielleicht ist die Anwendung dieser neuen Leerformel eine Reaktion darauf, dass die „herzlichen Grüße“ doch etwas zu persönlich geworden sind. Man will ja nicht gleich mit Arial-Buchstaben umarmen. In Netzforen machen sich unzählige Menschen verzweifelt Gedanken darüber, was sie ihrem Chef unter die Dienstmail klemmen, wie der Professor gegrüßt werden sollte oder was der Hausarzt gerade noch ziemlich finden könnte, um beim nächsten Mal vielleicht einen früheren Sprechstundentermin anzub...

Verständnis

Wenn mir die Hoffnung zu entgleiten droht, hilft mir der Gedanke an zwei Dinge: Ein jegliches hat seine Zeit und jeder hat seine Gründe. 

Beim nächsten Mal wird es besser

Wenn man bereits in den Ferien die nächsten Ferien plant. Man glaubt, so könnte man den angenehmen, spannungslosen Zustand der freien Zeit lässig verlängern. Doch eigentlich spricht daraus nur die Erfahrung, dass Erwartungen nicht erfüllt wurden. 

David Lynch von A-Z: Zauberer von Oz

An diesem uramerikanischen Stoff von Frank L. Baum, 1939 von Victor Fleming mit großem Aufwand verfilmt, arbeitete sich Lynch Zeit seines Künstlerlebens ab. Die roten Schuhe, sie kehren nicht nur in „Wild At Heart“ wieder (ebenso wie die gute Fee und die böse Hexe). Natürlich heißt Isabella Rossellini in „Blue Velvet“ Dorothy. Lynch: „Der Zauberer von Oz hat etwas von einem Traum und übt eine enorme emotionale Kraft aus.“ >>> Alle Artikel zu David Lynch von A-Z

David Lynch von A-Z: Wahnsinn

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Henry Spencer wird in „Eraserhead“, alleingelassen mit einem Monster von einem Säugling, verrückt. John Merrick, der „Elefantenmensch“, leidet weniger an seinem grotesken Äußeren als vielmehr an seiner Schwermut. Frank Booth erstickt in “Blue Velvet” fast an seinen sexuellen Aggressionen („Ich ficke alles, was sich bewegt“), Laura Palmers Mörder in „Twin Peaks“ ist vielleicht Produkt einer gefährlichen Schizophrenie, an der wohl auch Fred Madison in „Lost Highway“ leiden könnte. In „Wild At Heart“ ist nicht nur Finsterling Bobby Peru, sondern sogar die Liebe, die letzte Gewissheit, auf die sich die aus den Fugen geratene Welt noch einigen kann, irrsinnig. In Lynchs Filmen, Malereien, Fotos, Musikstücken, ja selbst in seinen Installationen und Kunstobjekten herrscht der Wahnsinn, der an Logik und Sinn wie ein schädliches Insekt nagt. Auch hier folgt der Regisseur konsequent dem Programm der Surrealisten, die sich am Kranken und Wirren labten wie der Barock am Tod.  

Fast wie neu

Dinge gehen kaputt. Die meisten können repariert werden. 

Sublimation II

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Sublimation I

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Hauptsache…ja, was eigentlich?!

Was der eine als Loyalität adelt, bespöttelt der andere als Veränderungsunwilligkeit. 

Neugier

Wissenschaft enthüllt, was wir noch nicht wissen. Sie hat nicht die Aufgabe festzustellen, was wir wissen sollen. 

Stillseinkönnen

Erst wer Schweigen lernt, findet in der Stille Ruhe.

Auf dem Boden der Tatsachen

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Fernab der Revolte

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Ein pragmatisches Leben ist aufs Ende hin ausgerichtet. Es folgt festen, oft nur unter Mühe veränderbaren Zielen. Irgendwann wird Bilanz gezogen; nicht nach dem Weg, sondern dem Ertrag. Der Weg mag von Wünschen gesäumt sein, der Prozess zu ihrer Erfüllung zählt aber nicht in der großen Abrechnung. Der Zweck heiligt buchstäblich die Mittel. Effizienz geht auf Kosten der Tiefe, schenkt aber Sicherheit. Umwege führen nur dann zu Glück, wenn sie erlauben, längere geplante Strecken abzukürzen.  Ein sachlich geführtes Leben kennt kein Flanieren. Keine Kontemplation ohne Richtung, kein Träumen ohne Deutung. Es bevorzugt das Werk, nicht die Skizze. Beobachtet wird, um zu verstehen. Der Blick schweift nicht in den Himmel, sondern kontrolliert den Stand der eigenen Füße.  Doch wer misst, was verloren geht, wenn die Wolken ungezählt bleiben?

Spurlos verschwunden

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Die meisten meiner Phantasmen neigen sich dem Unheimlichen zu: aus großer Höhe fallen (oder flügellos fliegen können), von einem Unbekannten verfolgt werden (und, erst einmal geschnappt, im Nahkampf kein Gefühl in den Knochen zu haben, während ich zurückschlage) oder plötzlich zu verschwinden.  Erzählungen über Menschen, die von einem Moment auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt erscheinen, berühren mich. Wurden sie entführt, gar getötet? Hatten sie einen Unfall - etwa der Fall in ein tiefes Loch während eines Waldspaziergangs? Haben sie ein neues Leben unter anderer Identität begonnen? Melden sie sich eines Tages vielleicht wieder; ein Anruf mitten in der Nacht? Warum hinterlassen sie keine Botschaft, wieso gibt es nicht einmal einen Hinweis auf ihren Weg hinfort?  Manchmal versteckt sich darin die Vorstellung von der Flucht aus einer Welt, die nicht mehr zu ertragen ist. Natürlich: auch eine Metapher für den letzten Handgriff.  Auszuschließen ist nicht, dass böse...

David Lynch von A-Z: Voyeurismus

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Auch hier wieder: „Blue Velvet“. Jeffrey Beaumont, auf der Suche nach einem echten Abenteuer und eingestiegen in das Apartment von Dorothy Vallens, kann gerade noch in den Kleiderschrank flüchten, als das Ziel seines Begehrens unerwartet früh nachhause zurückkehrt. Und nun muss der Jüngling, erst entdeckt, dann wieder versteckt, etwas beobachten, das ihn wie auch den Zuschauer wohl gleichsam abstößt wie eigenartig erregt. Auf jeden Fall sorgt diese Variation der Ur-Szene (Kind beobachtet Mutter und Vater beim Sex) dafür, dass Jeffrey der geheimnisvollen Brünetten vollkommen verfällt. Er hat Paradies und Hölle gleichzeitig gesehen. Die Filme von Lynch sind geprägt von einem Voyeurismus, der für die Zuschauer oft zur Tortur wird. Zu sehen ist, wovor man sonst die Augen verschließen würde. Ein allgegenwärtiges Prinzip, das sich längst nicht nur auf die spätestens seit Freund unter dem Begriff versammelten Leidenschaften bezieht. Natürlich trauern die Figuren in „Twin Peaks“ um Laura ...