Schwindelfrei

Auf dem Spielplatz habe ich es festgestellt: Es geht nicht mehr mit dem Schaukeln. Jedenfalls nicht mehr wie früher. 

Rückblickend fühlt es sich an, als hätte ich fast meine gesamte Kindheit durchgeschaukelt. Welche Freiheit und Ruhe darin steckten, sich auf einen Schaukelstuhl im Grünen zu schwingen, ihn hin und her zu wippen. Der sanfte Wind um die Ohren, die Beine hoch und runter, die Hände fest an den Ketten (im Winter waren sie immer zu kalt, aber das war egal). Es ist pure Physik, und doch fühlte es sich gerade so an, als würde man für einen pendelnden Moment die Schwerkraft aus den Angeln heben. 

Wenn ich einst so hoch wollte, wie es der Balken zuließ, so ist heute früh Schluss. Springe ich ab, ereilt mich ungelogen auf der Stelle ein Schwindel. Der lässt sich auch nicht so leicht abschütteln, ich muss regelrecht Stand suchen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der wippende Spaß, er ist dahin. Das Alter wird mir zentnerschwer bewusst. 

Natürlich gibt es dafür eine ziemlich spaßbefreite Erklärung. Beim Schaukeln und sowieso beim Toben wird vor allem das vestibuläre System im Innenohr beansprucht. Die Empfindlichkeit der Sinneshärchen im Ohr nimmt aber mit der Zeit ab, das Gehirn wird - oh weh! - immer träger bei der kompensierenden Verarbeitung von schunkelnden, schwirrenden, letztlich unkontrollierten Bewegungen. 

Während des Schaukelns wird auch die Flüssigkeit in den Bogengängen im Innenohr bewegt. Während die bei Kindern im Stehen schnell wieder ins Gleichgewicht gerät, rauscht sie bei ihren Eltern immer noch wie ein Wildwasserfall. 

Hinzu kommen noch Verspannungen der Halswirbelsäule, wie sie jeder Büromensch kennt. Eingeschränkte Beweglichkeit trifft auf plötzlich veränderte Durchblutung. Man könnte sagen, dass es ein Teufelskreis ist. Stress und Erschöpfung dürfen auch wieder als Grund herhalten. Man denke auch an die von Bildschirmen überlasteten Augen, deren Aufgabe es nun ist, das ins Ungleichgewicht geratene Gleichgewichtssystem im Blick zu behalten. 

Aber das Gejammer über ein verloren gegangenes Paradies des unbeschwerten Wiegens, das sich nun zu einem gefährlichen Taumeln verzerrt, ergibt keinen Sinn. 

Vielleicht ist da doch nicht nur einfach etwas Körperliches erodiert. Ein wenig zeigt sich hier wohl auch, dass der Zugang zum Kindsein immer mehr verbaut erscheint. Das Vergnügen für die Kleinen am Schaukeln ist ja, dass sie ganz bewusst die eigene Wahrnehmung in Frage stellen, die Sicherheit des aufrechten Gangs. Fliegen, auch wenn es nur ein Hutschen mit Sicherheitsapparat ist. Oder ist es auch ein ins Abenteuerliche hinüber übersetztes Echo des Wiegens in Mamas und Papas Armen? 

Möglicherweise verliert sich der Schwindelanfall, wenn der Gang zur Schaukel, aufs Tanzparkett oder zum Kettenkarussell auch ein Weg zurück zum Leichtherzigen ist. Man probiere es einmal, und lasse sich von der richtigen Person im Schnee zu einem kleinen Tanz im Kreis herausfordern. Dann ist der Schwindel (fast) entschwunden. Anschließend Schneeballschlacht nicht vergessen.

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