Der Schlüsselbund
Vieles, was ich über die Kunst des Schreibens und die gute Rede weiß, habe ich von Herrn Schwandt gelernt. Er war ein Deutschlehrer wie aus einer Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Einer dieser Gelehrten, die wie eine Eule mit dem Augenaufschlag prahlen, wenn sie Worte wie „Philister“ in den Mund nehmen (um zu sagen: „Das Wort kennt ihr wohl nicht, ihr Schlingel, solltet ihr aber!“). Er bekannte sich auch zu seiner Vorliebe für die teuflisch begabten Humoristen dieses Landes, die er gerne einmal zitierte, selbst wenn es gar nicht passte. Am liebsten mochte er Robert Gernhardt.
Über den Schulflur wandelte Schwandt stets wie ein Flaneur, schaute dabei neugierig nach rechts und links. Wenn ich ihm dort begegnete, fragte er oft: „Was macht das Leben?“ Er interessierte sich. Das kleine Gespräch lag ihm genauso wie das große. Unter sprachlich minderbegabten Schülern war er gefürchtet, und wurde zugleich von jenen, die gerne mit Worten und Gedanken jonglieren, verehrt. Im Sommer gesellte er sich manchmal zu den Rauchern unter den Schülern.
Schwandt, so glaube ich, genoss dieses Spiel, das man gemeinhin Lehrersein nennt und das meist dann besonders wirkungsvoll ist, wenn es eine Balance zwischen Nähe und Distanz findet.
Das gilt für die Lernenden ebenso wie für die Kollegen. Er schrieb zwei Bücher darüber. In einem beklagte er das Greisentum unter der Lehrerschaft, das andere nannte er gleich polemisch „Lehrer sind faule Säcke“. Als Fachbereichsleiter – ein Wort, das ihm gewiss selbst ein Graus gewesen ist – wachte Schwandt über die Anwendung der deutschen Sprache in seiner Schule und sah es auch als seine Aufgabe an, die offenbar auf wackeligen Füßen stehenden Rechtschreib- und Grammatikkentnisse seiner Kollegen, vor allem auch aus anderen Wissensfeldern, vor versammelter Schülerschaft als verbesserungsbedürftig zu skizzieren.
Eine Frage des Stils
Ich kann nicht beurteilen, wie fair er bewertete, dafür habe ich zu wenig Zeit in seinem Unterricht verbracht. Ich habe allerdings keinen Pauker erlebt, der seine Benotung so umfassend begründen konnte. Es war ihm ein Anliegen, Worte für Zensuren zu finden. Stil war Herrn Schwandt nicht nur in modischen Dingen wichtig – er trug stets karierte Hosen, meist weiße, immer aufgeknöpfte Hemden und nie, wirklich niemals eine Jeans –, jede Auseinandersetzung begriff er als Möglichkeit, die eigene Fähigkeit zur gelungenen Ansprache einer erneuten Prüfung zu unterziehen.
Wenn er seine Zöglinge aufforderte zu schreiben, wollte er nicht unbeschäftigt bleiben. Einmal spießte er die Heidi-Klum-Komödie in „Germany's Next Topmodel“ auf, nur um dann, fast ohne Übergang, das große Drama eines Champions-League-Abends auszubreiten. Widersprüche liebte Schwandt, vielleicht setzte er sie auch ironisch ein. Haltung hieß für ihn, sich nicht in einer Tour angreifbar zu machen, wie es manche Lehrer eben tun, weil sie ihren Beruf zu ernst nehmen. Es ging das Gerücht um, dass er mit einem anderen Lehrer die Ehefrau getauscht hätte. Vielleicht hatte Schwandt aber auch nur seinen Gernhardt zitiert und ein dösender Zuhörer hatte da etwas falsch verstanden. In Erfahrung bringen konnte man es nicht, solche Fragen hätte er abgelehnt wie ungenutzte Vertretungsstunden.
Aber es gab da auch noch etwas anderes, das Schwandt stilvoll tat – und es wirkte eher wie aus dem Handlungskabinett eines Proleten entlehnt. Immer wenn er eine Schulstunde begann, warf er einen Schlüsselbund auf den Tisch. Daran hingen nicht nur ein Wohnungs- und ein Briefkastenschlüssel. Nein, es war ein mächtiger Bund mit vielen Schlüsseln. Entsprechend laut war die Kakophonie, die das Teil erzeugte, als es ohne Widerspruch auf dem Holztisch landete. Wohl wollte er aufmerksam darauf machen, wer nun das Sagen hat, wollte in einem mit notorisch schwatzenden Schülern gefüllten Raum augenblicklich für Ruhe sorgen. Es war seine eigene Schulglocke.
So ein gut gefüllter Schlüsselbund ist aber auch ein mächtiges Zeichen: Hier hat einer Zugang zu vielen Türen.
Unterrichtsgespräche mit ihm liefen oft so ab, dass er seine Eleven munter sinnieren ließ, um ihnen dann nach der (oft verfehlten) Geistesanstrengung fast mühelos eine umfassende Lösung zu präsentieren. Als hätte er einfach den passenden Schlüssel für ein Problem parat. Autorität nennt man das wohl, auch wenn ich glaube, dass Koryphäe oder Kapazität eher Begriffe wären, die dieses Beherrschen der Form korrekt auszudrücken vermögen.
