Im Reich der Urwesen

Es gibt einige Dinge, die etwas zutiefst Infantiles in ein erwachsenes Format überführen. Das kann Jazz sein. Aber auch Fußball. Es ist so mit Kreuzworträtseln und Bergsteigen. Der Witz ist, dass man sich die Gestalt, mit der man seine Kindheit zurückholen möchte, selbst aussuchen kann. Es schließt auch mit ein, dass man andere vollständig ablehnt. Vielleicht, weil man darin das eigene Sosein als reifendes Früchtchen einfach nicht (wieder-)erkennt. 

So ging es mir stets mit Fantasy. Ich habe noch nie eine Runde „Magic: The Gathering“ gespielt oder Rätsel bei „Die Legenden von Andor“ gelöst. Als alle um mich herum „Warcraft“ zockten, flüchtete ich mich in den schrägen Humor von „Dungeon Keeper“. Ich wüsste nicht, was mich dazu bringen sollte, einen Schmöker über Elfen zu lesen – und so viel ich J.R.R. Tolkien und George R.R. Martin literarisch abgewinnen kann, derartige Geschichten fesseln mich einfach nicht. Sie mögen mich unterhalten, aber sie berühren mich nicht. 

Jede Ausgabe ein neues Kapitel

Es gibt aber eine Fantasy-Ausnahme, die mir in Erinnerung bleibt. Um genau zu sein ist es eine „fantastische Geschichte über Magie und Monster“. Bei Marshall Cavendish, das in den 90er-Jahren zahlreiche Sammelserien herausbrachte, erschien ab 1993 „Im Reich der Urwesen“ (im englischen Original: The Ancestral Trail). Alle zwei Wochen ein Heft, das mehr oder minder aus 32 Seiten hochwertiger, sehr farbgesättigter Pappe bestand. Es vereinte all diese genannten Dinge mit überraschender Folgerichtigkeit in einer Reihe von insgesamt 52 Heften, die zunächst für ein Jahr eine durchaus schaurige Welt voller mythischer Kreaturen zeigte, um dann im darauffolgenden in eine etwas formsteife Cyber-Welt hinüberzugleiten. 

Jedes Heft ein Kapitel eines fortlaufenden Buches. Groschenromanlogik. Es gab dazu auch ein paar Gimmicks, aber dazu später mehr. Die Geschichte eines Jungen namens Richard, der in einen seltsamen Strudel gerät und in einer anderen Dimension landet, in der er mit einigen Gefährten (darunter ein Schweinsmensch und ein Zwerg) die Früchte eines Lebensbaums finden muss, um die betretene Welt vor der Unterjochung durch einen Dämon zu bewahren, stammt von Frank Graves. Wenig kann man über den Autor heute noch herausfinden. Er ist nahezu unbekannt. Die Erzählung ist an sich kaum der Rede wert, sie unterscheidet sich grundsätzlich nicht sehr von all den anderen Fantasyunternehmungen, bei denen zumeist ein junger Mann oder ein Knabe durch ein Portal reist, dann zum Helden wird und dabei allerhand Prüfungen bestehen muss. 

Das Visuelle ist für Fantasy verständlicherweise sehr wichtig, man denke nur an Frank Frazetta, Moebius und Boris Vallejo. Und so lebt im „Im Reich der Urwesen“ vor allem von seinen schönen Bildern, die aufgrund der Haptik der Hefte und weil das Geschriebene so sehr in den Malereien aufgeht, viel Raum einnimmt, so dass man es kaum noch Illustration nennen möchte. Eher illustriert der Text die Zeichnungen. 

Jede Ausgabe des ersten Teils der Reihe, also der fantastischen Geschichte von Magie und Monster, stand im Zeichen eines Ungetüms, vom Moosmonster über die Riesenspinne Irg bis hin zu einem furchteinflößenden Riesenmaulwurf namens Hulkan. Getupft wurden die Bilder auf jeder einzelnen Seite, einschließlich Cover, von Julek Heller. Der ließ sich dafür von Darstellungen der Artus-Epik ebenso inspirieren wie von (britischen) Märchenillustration und bekannten Darstellungen von Trollen und Riesen der nordischen und germanischen Mythologie. Insgesamt 500 fast eigenständige Kunstwerke mit enormer Detailtiefe kamen dabei heraus. 

Ein kleiner Spleen des Künstlers wurde zu einem Teil der Freude, die man an „Im Reich der Urwesen“ haben konnte: Heller versteckte in seinen Bildern Andeutungen des Dämons (The Evil One) und in jedem Kapitel das kleine Molchpärchen namens Shoomi und Shoobi. Oft waren sie kaum zu finden. Damals konnte man das Internet noch nicht um Hilfe bitten. 

Die Vorfreude auf jedes einzelne Heft war ein Teil des Genusses, mich auf diese Welt einzulassen. Dazu gab es als Geschenk eine Sammelreihe in der Sammelreihe (Meta-Magie der 90er) – ein Lexikon von Mythen- und Monstergestalten. Hier stammten die Bilder dazu von Adam Heller. Die einzelnen wie Buchseiten gestaltete Karten musste man ebenso wie weitere Spielkarten und später Teile eines ganzen Brettspiels stets ausschneiden. Natürlich war es schwer, all das ohne Abo zu sammeln

Ich habe „Morbans Buch über Magie und Monster“ noch immer, weil es zu den Kärtchen auch eine Vorlage für eine Bucheinbandattrappe gab, die als Sammelordner fungierte. Hier lernte ich erstmals etwas über Cerberus, Baba Yaga, Arachne, Medusa, König Midas und David und Goliath. 

Unterhaltung mit Unbewusstem

Wahrscheinlich sind es am Ende doch die Fabeltiere, die mich am ehesten in die Fantasy-Welten saugen. Aber Fantasy ist eben auch ein großer Kitsch, in dem das Gute und das Böse streng voneinander getrennt sind, auch wenn so getan wird, als würden sie einander dennoch umgarnen und verführen wollen. Immer die gleiche Leier. Eskapismus kann man diesem Genre kaum vorwerfen, zu sehr ist es ja als Projektionsfläche für das menschliche Unbewusste (C.G. Jung) identifizierbar. 

Klar, es geht um psychische Reinigung. Die moderne Welt ist eben eine entzauberte, sie braucht den Plunder. Dazu die Sehnsucht nach ambivalenzbefreiter Moral und einer unbescholtenen Natur. Wohl auch deshalb geht es immerzu um Unschuld, um weise Mentoren und Schattenmänner (selten sind es Schattenfrauen), um die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die sich dann auch auf die lesenden, spielenden Jünger überträgt. Nicht Sport erfand den bedingungslosen Fan und den fast religiös anmutenden Kult um das, was auf dem Spielfeld passiert, es war Fantasy. 

Ich kann mich im Grunde wenig an das erinnern, was in „Im Reich der Urwesen“ passierte und ich glaube auch, dass dies kaum wichtig ist. Hier zählt nur die Gestaltung, die Anmutung. Damals imaginierte ich mir daraus eine TV-Serie (so etwas tat ich häufiger als Kind) und ich wundere mich bis heute, warum HBO hier noch nicht zugeschlagen hat. Man liest, dass eine Entwicklung immer wieder geplant und doch verworfen wurde. Wohl auch, weil der Stoff sich letztlich im Gestrüpp der großen Fantasy-Bombastereien der letzten Jahrzehnte eben doch nicht durchsetzen konnte. 

So bleibt eine kleine Erfolgsgeschichte der fantasiebegabten, abendfüllenden Printproduktion, die keine Nachahmer fand und sich wohl auch deshalb unter Eingeweihten großer Ebay-Beliebtheit erfreut. Man reiche sie als dunklen Schatz weiter wie Märchen von Andersen und Perrault.

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