Umfall

Winter in Berlin können grimmig sein. Schnee und Kälte sind gar nicht so sehr das Problem, dafür aber Glätte. Vor einiger Zeit wurde sie mir an einem Ort zum Verhängnis, als ich gar nicht damit rechnen konnte, denn es war Winter ohne Schnee, Kälte und Glätte. 

Ich war mit Hast zu einem Termin unterwegs und übersah dabei, während ich noch beim schnellen Gehen etwas in meinem Beutel verstaute, dass der Boden mit einer Wasserlache überzogen war, die nicht vom vorherigen Regen stammte. Offenbar war es eine seifige Flüssigkeit, vielleicht um den Belag zu reinigen. Ich verlor den Stand. Nur ein winziger Verrat zwischen Fußsohle und Welt. 

Die Beine sprangen auseinander, die Füße kippten. In einem lächerlich kurzen Moment kreisten meine Hände hektisch, griffen ins Nichts. Eine absurde Choreografie. Dann stürzte ich. Der Oberkörper zu spät, ein Sprung nach vorn und zugleich zurück. Der Aufprall zunächst weit entfernt. 

Plötzlich drängten sich mir Gedanken auf – in diesem Augenblick, der nicht einmal eine Sekunde trug –, die ich in dieser Form noch nie hatte. Ich fiel und ich dachte: Das musste so kommen, das ist nun auch eine Lektion. Warum so gehetzt unterwegs? Auf dem heimischen Sofa wäre das nicht passiert. 

Drängender aber war der Blick auf mich selbst im Fallen. Mein Verstand beobachtete mich in dieser beleidigenden Aufhebung der physikalischen Ordnung. Er lachte höhnisch. Es fühlte sich an wie ein Cartoon. Aber er legte auch einen dumpfen Schmerz frei, der sich schon seit langer Zeit angebahnt hatte. 

Ein Leiden, das man zwar wahrnimmt und das einem bei Tage Taten austreibt. Aber auch ein Leiden, das immer noch eingezäunt erscheint, damit es nicht vollends zur Erstarrung des Willens beiträgt. Nun war es frei – und hielt mir, während ich mit dem Becken hart auf das Pflaster aufprallte, den Spiegel für all das vor, was ich lange eingehegt, vielleicht sogar verdrängt hatte. 

Gesammeltes aus meinem Beutel verteilte sich sprunghaft über den Boden. Ich sah alles aus der Perspektive eines ins Unheil gewendeten Käfers und klammerte mich an den erschrockenen Blick einer Zeugin meines Umfalls. 

Es war befreiend. Ich setzte auf die Vorstellung, dass nun alles endlich zu einer Änderung führen musste, weil der Körper aus dem Spiel genommen wurde. Ich bangte um meine Knochen, vermutete blaue Flecken. Das Rauschen um mich herum (der endlose Verkehr, die schwatzenden Menschen, das Summen des Universums) verstummte. 

Ich sah mich schon in einem Krankenhaus liegen. Aber ich fühlte auch eine klammheimliche Freude darüber, so einmal nicht dorthin zurückkehren zu müssen, wo ich losgegangen war, wo man mich zurückhaben wollte und von mir stets etwas erwartete. 

Kann es eine Sehnsucht nach dem Absturz geben? 

Ich wartete auf den Schmerz, der sich aber nicht so schnell einstellen wollte. Stattdessen klopfte wie selbstverständlich die Scham wieder an. Donnerwetter, wie kann man nur an dieser Stelle das Gleichgewicht verlieren und wie ein nasser Sack zu Boden plumpsen? Und dann noch dieses Imaginationstheater, diese unverfrorene Auflösung der Ratlosigkeit hin zu einem Wunsch nach einem Bruch. Brüche sind etwas für Mathematiker. Das Über-Ich kennt nur schlechte Witze. Im Idealzustand gibt es nichts zu lachen. 

Ich ergriff die Hand der herbeieilenden Hilfe und brummte etwas, das mir dann später wieder entfiel. Es war alles nicht so schlimm. Prellungen, vom Arzt später noch einmal begutachtet. Aber ich war, als ich so dahinglitt, geweckt worden. 

Viele Menschen beschreiben schwere Krankheit oder erlittene Katastrophen als Einschnitt in ihrem Dasein, der es ihnen ermöglichte, eine andere Perspektive einzunehmen. Allein das bringt ihnen, selbst in der Gewissheit des baldigen Todes, Hoffnung. 

Während ich die Kälte des Bodens noch Tage später spürte, gewann ich nach diesem nur Sekunden währenden Ausblick auf Beschädigung eine Ahnung davon, wie viel seltsamer Trost in einem Fall stecken kann.

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