14. Februar 2012

Kleines Walter-Benjamin-Glossar (2)

Moderne ist als Allegorie der zerstörten Antike und zugleich der kommenden Katastrophe zu denken. Allegorie hält immer an den Trümmern fest. Zugleich steht die Moderne im Zeichen des Selbstmords. Selbstmord ist aber nicht Verzicht, sondern heroische Passion. Er ist Antwort auf die Niederlage des Willens 

Der Lumpensammler 
In Anlehnung an Baudelaire sind Lumpensammler und Poet vergleichbar: beide geht der Abfall an. Der moderne Heros arbeitet im Müll als seinem Medium

Der Flaneur 
Er lässt sich durch die Stadt treiben; er ist ein Spurenleser, der keine Spuren hinterlässt und widersetzt sich den administrativen Kontrollprozessen durch Müßiggang 

Über der Stadt liegt immer Drohung (sie steht als surrealistisches Gebilde in der Nachfolge des barocken Bühnenbildes – als metaphysische Landschaft, in der die Menschen eine kurze, schattenähnliche Existenz führen). Deshalb verwandeln sich dem modernen Allegoriker die Bauten zu Trümmern, die Dinge zu Müll und die Menschen zu atomisierter Masse 

Zeit benötigt Umwandlung in Raum. Die Zeitlosigkeit des Paradieses ist den barocken Dichter eine Flucht aus der Geschichte. Geschichte geht aber ein in die Erstarrung. Um etwas zu verstehen, muss man es also in seiner Räumlichkeit begreifen. 

Sammler, Historiker und Flaneure reproduzieren ein Stück Kindheit des Menschen im Modus der Moderne. Sie alle hegen einen produktiven Umgang mit Abfall

Allegorie 
Allegorie ist die Form eines ästhetischen wie reflexiven Wissens. Allegorisches Wissen ist Wissen des Bösen – alles Sein ist Zeichenschrift der Vergängnis. Deshalb muss Philosophie immer den Blick auf die Trümmer der Geschichte richten 

Geschichte ist Leidensgeschichte und die ewige Wiederkehr des Sündenfalls 

Im barocken Trauerspiel sind die Leiche und die Ruine Allegorie, in der Moderne sind es Großstadt, Industrie und die Reproduktionsmedien 

Aura 
Das Spezifische eines Kunstwerkes, an einen Ort gebunden und als Teil der Geschichte zu verstehen, ist die Aura. Sie ist eine einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag. Die auratische Daseinsweise der Kunst ist unlösbar an ihre Ritualfunktion gebunden. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst ist die Aura von dieser Reproduzierbarkeit genauso betroffen wie von einer neuen Betrachtungsweise der Kunst, die in dieser keine Transzendenz mehr ausmachen will. Das Kunstwerk wird aus seinem metaphysischen Rahmen genommen und in einen sozialen gestellt. Damit wird das Kunstwerk politisch. Film wird durch Zerstreuung aufgenommen, die eine kontemplative Versenkung ins Auratische ersetzt