25. April 2017

Von Poesie und Schönheit umwölkt

Schon mit dem ersten Disney-Film lernt man im Windelalter: Das Kino lädt zum Lachen ein, rührt zu Tränen, erregt Angst und Schrecken und kennt keinen einzigen Moment der Langeweile. Wenn man nichts falsch macht im Leben, dann macht man diese Erfahrung mit jedem weiteren Film, der einen auf der großen oder kleinen Leinwand für einen Moment aus dem Alltag lockt.


 
Doch sowie man irgendwann versteht, dass sich hinter den Märchen doch andere Botschaften verbergen, als zunächst auf den ersten Blick deutlich ist, so kann es passieren, dass statt der üblichen Unterhaltungsware plötzlich ein Film über die Mattscheibe flimmert, der durch seine Inszenierung von Zeit, Gesten, Bewegungen und Gedanken zutiefst verstört. (Diese Erkenntnis wird ironischerweise vor allem zunächst im Fernsehen gemacht, also dort, wo solche Streifen eigentlich am schlechtesten aufgehoben sind.) Weil er anders ist. Weil er vor allem den Intellekt herausfordert.

Kurz gesagt: eine ungeplante Begegnung mit Kunst


Für mich war eine dieser ersten „magischen“ Momente „Die zwei Leben der Veronika“ von Krzysztof Kieślowski. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich dieses poetische Vexierspiel zum ersten Mal sah. Allerdings weiß ich noch, dass ich mich nach den doch etwas frühen Konfrontationen mit „Uhrwerk Orange“ von Stanley Kubrick, „Zeugin der Anklage“ von Billy Wilder und einer erstaunlichen Menge von Hitchcock-Schockern aus irgendeinem Grund herausgefordert fühlte, den erstbesten Film anzusehen, zu dem in der Programmzeitschrift (damals noch „Hörzu“, damals noch ernst zu nehmen) das Etikett „anspruchsvoll“ angeheftet war. Und ich weiß noch, dass ich „Die zwei Leben der Veronika“ nicht zu Ende gesehen habe.

Zu wenig verstand ich, was die in zartes, schummriges Grün getauchten Bilder zu bedeuten haben. Zu sehr missfiel mir, dass es eigentlich keine Geschichte gab, die erzählt wurde, sondern dass es „lediglich“ um die Befindlichkeiten zweier Frauen ging, die doch eines sind oder zumindest so vieles gemeinsam haben, dass man sie getrost als Doppelgängerinnen bezeichnen kann. Zu wenig begriff ich, dass es sich hier um eine transzendente Welt drehte, möglicherweise eine ausgedehnte Tagtraumfantasie, die nach dem Alice-im-Wunderland-Prinzip sofort in Deckung geht, sobald man einer Deutung näher kommen will.


 
Man kann „Die zwei Leben der Veronika“ philosophisch nennen (Kieslowski, der Theaterwissenschaften und Film studiert und auch einige Zeit als Kostümschneider gearbeitet hatte, hätte diese Sichtweise wohl pikiert abgelehnt, zu sehr verstand er sich als fleißiger Handwerker und Bildfinder). Oder esoterisch (schließlich handelt er offenbar von einer Seelenwanderung). Oder prätentiös (mit Blick auf die „Drei Farben“-Trilogie lässt sich auch dieser Film als eine politische Allegorie lesen, in dem das Schicksal von Veronika/Véronique auch mit dem der Länder Polen/Frankreich verglichen werden kann).

Zärtlicher Blick


Vor allem aber ist dieses melancholische, umständliche, in sich gekehrte Mysterienspiel eine Liebeserklärung an die großartige Irène Jacob, die den Spagat zwischen diesen beiden Frauenfiguren atemberaubend subtil meistert. Dass ein Film sich so sehr in seine Protagonisten einfühlen kann, dass jedes Stilmittel, von der Kameraführung, über den Schnitt bis hin zur poetischen Kammermusik von Zbigniew Preisner, ganz und gar nur noch sie, also Veronika und Veronique, umschmeichelt, habe ich vor so vielen Jahren, als sich das Kino mir noch wie ein dunkler Kontinent zum Entdecken ausstreckte, nicht begriffen.

Nun, da ich „Die zwei Leben der Veronika“, den ersten Film DIESER ART in meinem Leben, noch einmal gesehen habe, verstand ich. Oder glaube es zumindest.