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Ich packe meine Bibliothek aus

Ich packe meine Bibliothek aus. Noch sind sie, jeder Ordnung enthoben, in Kisten eingemummt. Wenn ich umziehe, dann schleppe ich vor allem Bücher. Liebgewonnenes, Unverzichtbares, Oftgelesenes, Ungelesenes, Schund und vieles mehr, das ich in all den Jahren angesammelt habe. Es ist viel mehr als ich je lesen könnte, und wenn ich das Sammelsurium an gedruckten Worten in seiner unpersönlichen, fein säuberlich in Kartons verpackten Staffelei betrachte, dann kann ich mir kaum vorstellen, überhaupt so viele Erinnerungen und Bilder daraus entnommen zu haben. Angefangen hat es mit Comic-Heften. Meine Mutter brachte mir stets die Micky Maus mit, deren Inhalt ich regelrecht verschlang. Wenn ich mich so recht zurückerinnere, musste man mir schon ein Buch schenken, damit ich es in die Hand nahm. Kalle Blomquist war dann mein erster Begleiter; zuvor hatte mich aber schon Micky Maus, der nebenberuflich, wie man weiß, Detektiv ist, in das Sujet eingeführt. So bündelte ich also die Disneycomics, sa...

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Eine Philosophie des Bloggens Am 19. Februar 2004 – vor genau 5 Jahren – habe ich diesen Blog mit den Worten begonnen: Das habe ich noch vor Tagen von der Idee geredet, da nimmt sie schon mehr und mehr Gestalt an. Erste Worte sind immer etwas Schreckliches; egal was sie auch immer behauptet haben, sie wirken in der Rückschau immer irgendwie vorausschauend. Nicht nur der Schreibfehler im ersten Wort dieses Blogs weist auf die endgültige Fehlerhaftigkeit des Unternehmens hin. Auch der vermessene Ton des darauf folgenden Artikels: Einen Psychologie-Test wollte ich entwerfen, um für ein Schulfach Psychologie zu werben. Irgendwie erscheint mir die Dialektik des Unterfangens (eine seltsame Ungeheuerlichkeit) heute als Ironie. Mit Trompeten angekündigt, was nicht zu halten sein kann. Hätte es mir nur jemand vorher gesagt. Aber: Ich habe immer an diese großen, wenn auch wirkungslosen Ideen geglaubt – und wie wertvoll sind die vielen Stunden Unterhaltung, um der so brüchigen Idee eine Rea...

Die WELT ganz kompakt

Hey, du! Ja, du!! Komm’ mal her! Hast du Lust auf ein paar News? Nee, schon klar, nicht so was Langweiliges zum Lesen, wo du ewig brauchst! Sieh mal, mit Paris Hilton auf der Titelseite und Grand Theft Auto im Innenteil. Nicht nur Merkel, Barack und Islamabad. Ja, auch, keine Sorge: wenn du dich schnell mal informieren willst, also ganz schnell, so dass du mitreden kannst (gib’s zu: ist besser!), dann bist du hier richtig! Ich bin die kleine sexy Schwester von der Großen. Ja, sie ist ein bisschen muffig, spießig, konservativ und vom Springer. Aber vergiss den alten Sack, der ist eh nicht mehr mein Chef und wir haben sogar ein Youth House – einen eigenen Verlag für dich. Vergiss das aber, du bekommst alles, was du willst bei mir: Politik, Wirtschaft, sogar einen Kulturteil kann ich dir bieten (Keine Angst vor Berichten über Bayreuth oder Rezensionen zur Biennale: Kino, Pop und Feuchtgebiete kann ich dir auch bieten!). Wenn dir das nicht reicht, dann stürze dich aufs Sudoku oder fotogra...

Progressiv, transzendental, poetisch

Antony And The Johnsons: The Crying Light Antony und seine Johnsons sind gefährlich. Antony ist Romantiker im Geiste und Naturphilosoph im Herzen. Und er ist der wohl auffallendste Künstler unserer Tage. Mit I Am A Bird Now thematisierte er meisterlich und vor allem ganz körperlich, von seiner grandiosen Stimme getragen, den Konflikt zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, der sich ihm schon von Geburt an stellt. Today I’am a boy, today I’am a girl , sang dieser androgyne Weltgeist und formulierte so die drängenden Identitätsfragen einer Welt, der gerade alle Wahrheiten über das Sosein der Geschlechter abhanden gekommen sind. Alles ist intersexuell. Mit einer niemals aufdringlichen Ehrlichkeit erzählt er von der tiefen aber zugleich grundehrlichen Traurigkeit seiner Existenz. Die eigentliche Besonderheit ist aber nicht Antony, obwohl er in der über alles Persönliche oftmals hyperventilierenden Pop-Presse allein durch seine Extravaganz im Lichte der Aufmerksamkeit stehen müsste...

Lesen - eine Odyssee

Wer dies liest, der liest etwas über das Lesen. Das mag merkwürdig sein, denn was hieße es schon, etwas über das Sehen zu sehen oder etwas über das Hören zu hören? Eigentlich scheint es unmöglich, über einen solchen Vorgang zu schreiben, der, nachdem er erlernt ist, eine Selbstverständlichkeit besitzt, die auch der Teufel nicht mehr austreiben könnte. Man mag mir jetzt erwidern, dass ich doch Äpfel mit Birnen vergliche. Sehen können wir von Geburt an. Genauso verhält es sich mit dem Hören, Schmecken, Fühlen etc. Das Lesen muss doch erlernt werden. Das ist richtig. Aber ich will noch weiter gehen. Das Lesen als Leseprozess muss nicht nur erlernt werden, es handelt sich hier vielmehr auch um einen Begriff, dessen Bedeutung viel umfassender ist, als man allgemein glaubt. Wer lesen gelernt hat, das Alphabet beherrscht, Buchstaben aussprechen kann, Wörter, Sätze verstehen kann, der ist noch nicht in der Lage zu lesen. Warum? Ich will noch weiter gehen. Wer hört, wer riecht, sieht, schmeckt...

Worte eines Jahres

Adieu, Tempelhof Inzest-Monster Postdemokratie Finanzkrise Autokrise Kreditkrise Bankenkrise Lehman-Brothers Raucher-Club Feuchtgebiete Überwachungskonzern TSG 1899 Hoffenheim Märtyrerin des modernen Pakistan Bayreuth-Seifenoper Links-Block verhindern! Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen! Free Tibet Drive-by-Mitleid Die Wohlgesinnten Yes, we can! Nokia-Rückzug Steuer-Affäre Liechtenstein Gaza Mumbai Südossetien Müll-Krieg von Neapel Gomorra Ein Castro geht, ein anderer kommt Der Präsident und das Model Emma Nargiz 7. 8 auf der Richterskala Milchrebellen Diäten-Diät 9.69 8x Gold Störung- Die Leitungen aus Basel sind unterbrochen Spanair Mugabe Karadzic Nein! 1,8 Promille Bahn-Bashing Ich nehme diesen Preis nicht an! Kabelbrand Flughafenbesetzung Piraten Derrick ist tot CSU: 43% Abgang vom Schwielowsee Third Amazon Kindle I kissed a girl and I liked it Ein Quantum Trost Guitar-Hero CERN There will be blood Weltpräsident Kunstmarkt Rendite Es wird keine ...

Der musikfreie Tag

Alles still. Kein Radio. Keine Instrumente. Keine Pfiffe. Kein Summen. Kein Fingerschnippen. Keine Musik im Ohr! Für einen Tag soll alles schweigen . Damit wir uns besinnen auf die Kraft und die Magie der Musik. Denn diese scheint uns immer mehr verloren zu gehen. Wir vertreiben sie mit dem maßlosen Einsatz von Musik in jeder Lebens- und Gemütslage. Kein Medium, das Musik einsetzen kann, verzichtet mehr darauf, sie schamlos zu missbrauchen. Gefühlsmanagement nennt man so etwas: Sollten die Bilder nicht passen – die Musik macht sie passend. Wer sich traurig fühlt, hört traurige Musik. Oder er hört fröhliche Musik, damit er oder sie alsbald wieder fröhlich wird. Das ist eigentlich nicht problematisch. Das Problem aber beginnt dort, wo man sich daran gewöhnt, die Musik einzusetzen, als wäre sie kunst-, macht- und damit wertlos. Gedenktage gibt es für alles und jeden.  Es gibt den Tag des deutschen Bieres, den Tag des Friedhofs, den Tag des Baumes, den Tag des Butterbrotes – auch ...

Trimm dich!

5, 6, 7, 8, 9, 10. Ausatmen. Während ich auf die nächsten Züge warte, meine angestrengten Muskeln entspanne und die bleischweren Plastikstäbe der Menschenschindunsmaschine freiwillig loslasse, denke ich nach über die seltsame Welt, in der ich mich befinde. Körperfabrik. Unzählige Körper wuseln vor meinen Augen über Bänder, treten gegen Plastik, beugen, dehnen, schmerzen sich, bis ihre Augen blutunterlaufen sind. Für den Leib tun sie es. Um fit zu sein, um einfach gut auszusehen. Jeder, so sagte es mir der nette Trainingsmeister bei den ersten chaotischen Übungseinheiten, hätte ja sein eigenes ästhetisches Ziel. Er seufzte diese Worte in die schweißgedehnte Luft der Lagerhalle, die früher vielleicht einmal Waffen für die Wehrmacht beheimatete. Wer weiß das schon genau. Manche schwitzen, andere nicht. Einige schwabbeln, andere sind überspannte Muskelmassen, hinter denen so etwas wie ein Gesicht noch mitleidig strahlt. Auf den Fahrrädern keuchen die einen, auf fremdartigen, außerird...

Der Extrovertierte

Eine Polemik Er lächelt, lächelt, lächelt. Man kann ihn nicht kennenlernen, denn er hat einen schon längst kennengelernt. Was er einem erzählt, ist nicht wichtig. Er meint es sowieso nicht ernst – obwohl er schon alles aus seinem Leben erzählt hat, während man noch seine Gedanken sortiert. Die Rede ist vom Extrovertierten. Aber damit meine ich nicht den spontanen, ohne Nachdenken handelnden, risikobereiten, geselligen, lebhaften, selbstbewussten extrovertierten Menschen. Nein, nicht um das Temperament, um einen Typus geht es, den unsere Gesellschaft mutwillig erst erschafft. Man muss sich den Extrovertierten als einen unglücklichen Menschen vorstellen. Sein gesamtes Leben ist darauf ausgerichtet, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Seine Meinung ist die erste, die bedeutendste – und seine Stimme lodert stets am lautesten. Stille würde dieses arme Würstchen, das sich nur in der Masse wohlfühlt, überfordern, ja vielleicht sogar umbringen. Der Extrovertierte tritt in verschiedenen V...

Sündenwort - Wortsünden

Ich Ich Ich Ich ist ein anderer NeuGIERIG sein (es verzehren, verschlingen, fressen wollen) – immer mehr und noch mehr; ich denke, also fresse ich Eifersüchtig auf alles und jeden, der wegnimmt, was MIR und nur MIR gehört Strebsam – nein, ehrGEIZIG sich selbst in den Mittelpunkt von allem und jedem setzen und den eigenen Erfolg preisen, als gäbe es nichts anderes auf dem weiten, großen Erdball !!! (Versteh mich, ich meine es ernst, ernst und nochmals ernst) … (Du denkst dir hoffentlich, dass ich mit den drei Punkten, die dem Satz folgten, noch etwas gemeint habe, was du erahnen musst, das ich dir aber nicht sagen werde, denn eigentlich müsstest du es ja selbst wissen, ohne dass ich dich darauf auch nur hinweise…) Worauf mag der AufschNEIDer wohl neidisch sein? Schüchternheit kannst du dir in dieser kalten Welt nicht leisten, mein Junge. Weißt du nicht, dass du den ersten Schritt wagen musst? Wer soll ihn sonst für dich tätigen? Ich hasse , hasse , hasse , hasse arroga...

Wie ein Maschinengewehr

Gedanken zum dritten Album von Portishead Für manche mag es sich angefühlt haben, als wäre diese Band namens Portishead aus dem Nichts gekommen. Als wäre dort etwas, von dem die Feuilletonisten schwärmen und die Musikkritiker eifrig dozieren, das wie ein leichtes Summen aus der Vergangenheit anmutet und seinen Weg unverhoffterweise in die Gegenwart gefunden hat. Es ist spontan von einem Meisterwerk die Rede, das in der vor sich hinkriselnden Musikwelt einen heilsamen Aufschrei auslösen könnte. Oder zumindest das beruhigende Gefühl, dass es sie noch gibt, jene perfektionistischen, einsamen Klangkünstler, denen es nicht um Präsenz und Öffentlichkeit geht – nicht um Zugänglichkeit – sondern gerade um das Gegenteil: einen autarken, eigenständigen Klangkosmos, der versperrt, anstatt einzuladen; einen Musikleerraum, der zu befüllen ist mit der brüchigen Intimität einer vermeintlichen Folksängerin (Gibbons) und den kühlen Instrumentarien zweier Tonexegeten (Barrow/Utley), die ihr Handwerk...

Aufstehen!

Klack, leise, dimmdimmmdimdimdidimmmRegen, höre es genau tropftan die Scheibe, tropf, tropf, tropfMeine Augen am Liebsten schließenaber geht nichtscheißeverdammte – I don’t know what I do without you I can’t see nothing good – Aufstehen odernichtNichtMussaber Mir brennen die Lippen, trocken sind sieIch möchte aber nicht alleine dort sitzen, langweile mich doch dann nurMuss auf die Toilette, dringend – sehe die kleinenTropfen, hasse sie und ihren demütigen Lauf dem Erdboden entgegenKann nicht aufstehen, willMuss liegen bleiben, weiterschlafen – Warum hat sie es nicht anders ausdrücken können, mit diesen blöden WortenHat sie gemeint, dass ich einfach verschwinden sollWeg aus ihrem Leben?Rücken schmerzt furchtbar, noch mehr als gesternKopfschmerzen scheinen aber weg zu seinHoffentlich bleiben sie esSchlaf gut hat sie gesagt und doch eigentlich das Gegenteil gemeint – Was sie wohl jetzt macht?Wahrscheinlich schläft sie nochKopfschmerzen, sind ja doch noch da, bitte verschwinde GeistWo is...

There Will Be Blood

Zu Beginn steht ein Mann, der mit der Spitzhacke massives Gestein bearbeitet. Er sucht etwas. Und er wird es finden. – Öl! There Will Be Blood ist vielleicht das ergreifendste Kinoereignis dieses Jahrzehnts; es ist eine mutige, donnernde, sublime Auseinadersetzung mit dem Schmierstoff des amerikanischen Strebens nach Macht, Geld und Geltung. Vielmehr noch ist dieses gewaltige Porträt zweier Männer – nicht gut und böse, sondern zwei gleichsam der Gier verfallene Getriebene – ein wahngesteuertes Epos, das seinen Platz nur im Kino, auf der großen Leinwand, haben kann. Kein Film in den letzten Jahren besaß den Mut, Amerika, den mythologischen Kern des amerikanischen Kapitalismus, derart zu entblößen und zu reduzieren auf eine Geschichte, deren Figuren – zugleich Archetypen des ewigen Fortschrittsgeistes und des entgegengesetzten und rückwärtsgewandten Strebens nach einem manifesten Glauben – im unendlichen Schlamm der Vergangenheit waten. Unvergessliche, dringliche, dazu physisch sp...

Bekenntnis eines Masochisten

Nein, nicht im Sinne eines darniederliegenden Ohnmächtigen, der um Schmerzen winselt und um Gnade fleht – nicht zu verstehen als verdroschener Lustgeplagter, der sein Heil und seine Befriedigung nur aus der Unterdrückung ziehen kann – auch nicht zu missverstehen als Absage an das Handeln und als blinden Wunsch, geführt zu werden – noch weniger zu begreifen als Wunsch, zu verschwinden, zum Atom unter vielen zu zerbröseln – nein, ganz anders und in Ermanglung eines richtigen Begriffes nur mit dem vieldeutigen Ausdruck Masochist bedruckt (psychoanalytisch gestempelt, sexualpsychologisch gewertet), bekenne ich mich zu einer Form des Schmerzverständnisses, das bar jeder infantilen Strebung nach Lust, entfernt vom permanenten hedonistischen Gipfelsturm, die Tragik des Lebens in sich aufsaugt und hie und da verkleinert oder energisch vergrößert. Mein Masochismus ist kein Katechismus des Leids, sondern das Meditieren eines Schmerzensmannes. Die Sehnsucht dahinter ist der Versuch, in den Ker...

Ritual

Morgens früh aufstehen, pünktlich um fünf, abends ins Bett, immer um elf, samstags was trinken, aber nicht zuviel, immer sonntags ein Ei, dienstags ins Kino (weil’s da billig ist) und mittwochs Fußball – gern auch in der Kneipe, dagegen Entspannung: Sex am frühen Morgen, immer am Samstag (da kann man lang schlafen), montags dann einmal die Woche wenigstens die Zeitung gelesen, bei BILD aber wenigstens jeden Tag auf die Schlagzeile geglotzt, Abendtelenovela ebenso wie Tagesschau (manchmal auch später, dann Caren oder auch Burow), Frühstücksradiogedudel immer mit Joghurt, niemals mit Kaffee, den gibt’s später, wenn auch in Maßen (immer nur zwei, einer dann später), Milch dazu, aber keinen Zucker, abends dann die Beine massieren, ein Glas Wasser (tut’s auch Kakao?) neben das Bett, gleichsam das Kissen geschüttelt, es darf nicht zu hart sein, muss weich sein wie das Sonntagsei oder der Händedruck des Nachbarn, donnerstags spielt man Karten, immer zu viert und dazu gibt’s Bier, täglich a...

PorNo!

Erigierte Geschlechtsteile im Breitbildformat werden hier nicht behandelt werden. Es geht auch nicht um die Frauen verachtende Darstellung kopulierender Klischeemenschen in dümmlichen Reißbrett-Geschichten. Auch Alice Schwarzers Feldzug gegen die von Männern entworfenen Hardcore-Fantasien soll hier keine Betrachtung finden. Vielmehr geht es um eine neue Form der Pornographie, die sich vorwiegend im Fernsehen ausbreitet – unbemerkt von den wortmächtigen Zensoren; erfolgreich im Programm aller größeren Sender dieses Landes. Ich spreche von der Sozialpornographie . Sozialpornographie, das ist die um jeden Preis obszöne Darstellung von Lebenswelten – egal welcher Form. Sozialpornographie ermöglicht die Entblößung der Intimsphäre und entmächtigt Individuen ihres Rechtes am eigenen Bild. Sozialpornographie täuscht ein Bild der Realität vor, das so nicht existieren kann, weil es entweder beschämen, belustigen oder zu einer betroffenen Trauer anregen soll. Wenn ich den Begriff Sozialpornogr...

Also sprach Stanley Kubrick

In einer Fernsehwelt, die sich mit grenzdebilen Reality-Show-Experimenten über Wasser hält, in der Show alles ist und Nachrichten zum Infotainment gewandelt werden, gilt der Film, ja das Kino schlechthin, nicht mehr viel. Hollywood-Blockbuster werden zu Programmhöhepunkten stilisiert, Fernsehfilme vor dem Publikum versteckt. Cineastisches Kleinod wird regelrecht verbannt auf die hintersten Plätze, kurz nach Mitternacht, wo sonst nur noch splitternackte Frauen reichlich dümmliche Quizshows moderieren. Es steht schlecht um den Film im Fernsehen – nicht nur wegen derartiger Trashauswüchse, die an Erbärmlichkeit kaum zu übertreffen sind. Die teuer produzierten TV Serien aus den USA graben dem europäischen Kino- und TV-Film genauso wie den deutschen Serien das Wasser ab, weil sie qualitativ hochwertig sind und zugleich fesselnder. Sie bieten größeren Identifikationsraum und Zerstreuung, da die Konzentration fürs große Kino nicht mehr reicht. Wenn das Arthouse-Kino, europäische Autoren-...