Patti Smith und „Horses“

Es ist nicht verbrieft, ob sich Patti Smith für ihr Debütalbum die Nächte über die Reihenfolge der Songs um die Ohren schlug. John Cale hatte „Horses“ ja bewusst stümperhaft produziert, um einen Klang zu bekommen, der die rohe Energie dieser jungen, ungestümen Künstlerin und ihrer fantastischen Band konservierte. 

Aber was für ein Glücksfall ist es, dass ausgerechnet „Gloria: In Excelsis Deo“ in den Kosmos dieser demütigen Dichterin einführt, die durch magische Zufallsbegegnungen in einem New York zur Musik gelangte, dessen Ungeheuerlichkeit sie just genau zu der Zeit beschwor, als es langsam zu zerfallen begann. 

„Jesus died for somebody’s sins but not mine“, sprechsingt Smith, und wie könnte eine Platte mit einem stärkeren Leitspruch beginnen? 

Alles ist in dieser zwanglosen Van-Morrison-Neubearbeitung schon da: das Wilde, das Lebensbejahende, die lyrische Hingabe, die Verneigung vor den literarischen und musikalischen Helden. Smith bereitete die Welt auf das vor, was dann irgendwann Punk hieß. Sie misst sich furchtlos mit Bob Dylan, sie hypnotisiert sich selbst („Free Money“), sie faucht wie Lou Reed und kräht wie William S. Burroughs, sie hat die schwebenden, epischen Kompositionen („Birdland“, „Land“), sie kniet sich tief in ihre eigenen unruhigen Gefühle („Kimberly“), und wo ihre Kraft nicht mehr reicht, reibt sich Lenny Kaye mit seiner ungestümen Gitarre für sie auf („Break It Up“). 

Patti Smith musste den Namen ihres schriftstellerischen Helden Rimbaud nicht erwähnen, um ihre Ambitionen zu veräußern, „Horses“ musste nicht darauf aufmerksam machen, dass es ein Kunstwerk eigenen Ranges war. 

Smiths Lebensmensch Robert Mapplethorpe kleidete dieses Geschenk für eine unruhige Generation, deren Götter bald verglüht sein sollten, mit einem Coverfoto ein, das in seiner Androgynität eines der aussagekräftigsten und persönlichsten in der Geschichte der Rockmusik sein dürfte.

Dieser Text erschien zuerst in der ROLLING-STONE-Liste der 500 besten Alben aller Zeiten (Platz 9)

Ich entdeckte Patti Smith für mich in meinem ersten Studienjahr. Das war 30 Jahre, nachdem „Horses“ erstmals erschien. Inzwischen ist das Album ein halbes Jahrhundert alt und begleitet mich seit mehr als 20 Jahren. Als ich es das erste Mal hörte, trafen mich die Songs wie ein Donnerschlag. Ich hatte angefangen, mich durch die Klassiker der Rockmusik zu hören, der ROLLING STONE zwang mich mit seiner damaligen Sammlung der 500 besten Platten (in der Fassung mit „Blonde On Blonde“ von Bob Dylan auf Rang eins – viele Jahre später in einer neuen Aufzählung abgelöst vom Bananenalbum von Velvet Underground) dazu. Ich verstand nicht viel von Dylan, Springsteen, Mitchell, nicht einmal von den Beach Boys oder Nirvana. Noch weniger ergab Punk für mich einen Sinn. Aber als Patti Smith loslegte, verstand ich plötzlich etwas von dem (inneren, später auch äußeren) Aufruhr, den diese Musik auszulösen in der Lage ist. Die poetische, wilde, sprunghafte Vermittlung dieses Kindes absoluter Freiheit und buchstäblich unstillbarer Neugier erschloss es mir. In den 70ern führte für Patti Smith kein Weg vorbei an einer Bühne. Sie hätte vieles anderes werden können als Musikerin. Eigentlich war sie auch nie nur das, sondern sie wurde auch Malerin, Lyrikerin, Fotografin, Schauspielerin, Dramatikerin, Aktivistin, Nobelpreisrednerin für Bob Dylan und die einzige gescheite Instagram-Influencerin. Sie hat sogar die Gabe, ihr eigenes Leben zu erklären. „Just Kids“ ist eine famose Rockbiographie – und wen „Horses“ nicht so trifft und erleuchtet wie mich, der wird in dieser Geschichte einer Künstlerinnenwerdung, die zugleich auch eine über eine nie mehr wiederkehrende Zeit und eine tiefe Freundschaft ist, erfüllt werden. Es ist kein Geheimnis, dass echte Künstlerinnen und Künstler keine Verehrung nötig haben. Sie machen ihre Sache nicht wegen des Applauses, auch wenn ein bisschen mehr davon nicht schadet, sondern weil sie es müssen. Dennoch: Ich bewundere Patti Smith für ihre Kompromisslosigkeit und ihren tiefen Idealismus. Ich bewundere sie für ihre unbändige Vielseitigkeit und noch mehr für ihren Mut zur Verletzlichkeit. Und nicht zuletzt bewundere ich sie für ihre Demut vor anderen Geistern der Künste, denen sie immerzu ihre Liebe erklärte. Wer Patti Smith hört, versteht, was Aufmerksamkeit für den Anderen ist und kann an Rimbaud, Baudelaire, Hendrix, Morrison, Ginsberg und Callas nicht vorbei. 

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