9/11 I Es war bedrohliche Stille, die sich in diesem Moment über das Geschehene legte. Einfach nur Stille. Dann erklommen entsetzliche Schreie, wütende Sirenen und Angst die Situation, die wir heute als Start- und Fixpunkt mit dem 11. September und 8:46 Uhr beschreiben können. Die Welt war von diesem Zeitpunkt eine andere. Der 11. September 2001 hat zwei Zeitgebilde. Abstrakte Welten, die getrennt voneinander existieren. Hier ist das Geschehen, das sich als Realität – unfassbare Realität – in unsere Seelen bohrt. Live im Fernsehen gesendet und damit bedrohlich zugleich, erscheint das Gesehene irreal und überreal zugleich. Dann ist dort diese zweite, eigentümliche Zeitebene, die nicht zu trennen ist von dem, was 3000 Menschen das Leben kostete: Milliarden Menschen, die wissen, was sie an jenem Tag getan und gedacht haben. Menschen, die jede Träne ins Gedächtnis zurückrufen können, die sie vergossen haben und jede Sekunde dieses Tages noch lebhaft in Erinnerung zurückrufen können. Diese ...
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Liebe Natascha! Vielleicht wunderst du dich, dass ein Mensch, den du nicht im entferntesten Sinne kennen kannst, einen Brief an dich richtet. Und doch tue ich dies, weil dein Schicksal mich berührt und deine Person, ich hoffe du erlaubst mir dies, mich fasziniert. Es ist schwer von dir zu reden, ohne dich von dem auszugrenzen, was man ansonsten menschlichen Umgang nennen würde. Denn deine Welt, sie ist zu einem Faszinosum für Millionen geworden. Und nun lässt du die Menschen um dich herum begreifen, dass all ihre Vorstellungen, genährt von Fernsehen, Zeitung und was auch immer, ins Leere greifen. Du zeigst, dafür bewundere ich dich, obwohl es dein tragisches Leid ist, Mut über alle Maßen. Deine eigenen Eltern glauben, du würdest die klugen Zeilen, die du an die vermeintliche Außenwelt gerichtet hast – eine für dich noch äußerere, geweitetere Außenwelt als sie es für andere Menschen ist – nur mit Hilfe von einigen Psychologen erstellt haben können. Sie vertrauen deiner Intelligenz nicht...
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Schmerzen Wie soll man es nennen, jenes Gefühl, das einen ergreift, wenn man im tiefsten Streite mit einem geliebten Menschen sich befindet und das Herz vor Erregung pumpt, hingegen der Verstand aber giftigste Bilder des Hasses provoziert und so die Seele in ihrer Ruhe deutlichst zum Wanken gebracht scheint – es also klar und klarer wird, dass dort eine Kraft vibriert, die ganz und gar nicht zu verstehen ist und allem Gewünschten zu widerstehen in der Lage ist –, Träume für den Moment erstickt worden wären und der Wunsch nach Friedlichkeit und innigster Liebe für einen Moment abgetötet sei?
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Jener Moment Es gibt diese entscheidenden Tage im Leben, die über alles entscheiden. Zukunft wird gestaltet, Vergangenheit abgelegt; die Gegenwart wird in konzentrierter Pose besetzt. Jeder Mensch kennt diese Momente und er weiß um ihre Bedeutung, denn irgendwo im Neokortex scheint sich hinlänglich die Wichtigkeit eines solchen Ereignisses zu spiegeln. Tragik und Schönheit des Augenblicks ist, dass er alles aufzeigen kann: Leid und Freude. Eine Mutter umsorgt ihr Kind, bis sie es in die Freiheit entlässt (Kindergarten, Schule, Studium, Beruf – es gibt einige Formen der Freiheit, die früh auf das Kindlein warten). Da ist dieser Moment des Alleinseins. Und er geht schnell vorbei. Sekunden entscheiden über alles. Jahre der liebenden Vorbereitung zur schließlichen Trennung. Tragik. Schönheit. Leben! Monate bereitet man die Klausur, das Abitur, das Examen vor, nur um den Augenblick zu erleben, wo sich alles in eines ergießt. Auf der Stelle alles zeigen, was man kann. Der Sportler, der es nu...
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Poesie der Melancholie (oder: Von der Einsamkeit des Herzens) Alles in den Händen habend, das Schöne in sich aufspüren könnend, angstlos gen Himmel blickend – Formeln des Glücks, die durchbrochen werden von einer sanften Schwermut. Der Melancholiker, er ist anscheinend ein Sterbender, der sich dessen bewusster ist, als jeder andere. Ein Angeschossener, der blutend auf dem Asphalt liegt und das Leben an ihm vorüberziehen sieht. Das Verbluten soll ein angenehmer Tod sein. So denn man dies vom Sterben behaupten kann. Was bedeutet unendliches Glück? Meister der Lebenskunst haben darauf über Jahrhunderte, Jahrtausende, vielleicht gar noch früher, sinniert und sind zu so beängstigend gleichen Ergebnissen gekommen, dass sich der moderne Weltgeist, der depressiv und entfremdet die Welt durch einen schmutzigen Spiegel betrachtet (vielmehr nur so beobachten kann), duckend fürchtet. Selbsterkenntnis, Selbstbesinnung, Selbstbestimmung – wie sehr bedeutend ist es, sich selbst zu finden; und der Nar...
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Back to the roots Die Sonne scheint – die Wolken, vereinzelt das Licht bedeckend, zieren sich, Wärme setzt sich über kühlen Wind hinweg. Alles wie bisher; der Frühling kriecht bedächtig in den Graben, der von einem kahlen Winter hinterlassen worden ist. Und das Studieren geht weiter und damit ein Erkennungs- und Erkenntnisprozess, der so schnell nicht zu einem Ziel führen wird, das allgemeine Befriedigung und Identität hinterlässt. Ich bin in gewohntem Terrain und sehe gewohnte, lieb gewonnene Menschen, die sich, so ich sie denn kenne, verhalten und gebärden, wie ich sie am ersten Tag kennengelernt habe. Ein gutes Zeichen. Ein warmes, angenehmes Gefühl, weil die Angst vor dem nicht Bekannten so sinkt und letztlich versiegt. Doch es bleibt ein Konflikt, der sich so schnell nicht verdrängen lassen wird: Intimität ist ein Prozess, der Zeit benötigt. Wo erkenne ich, was Zweckgemeinschaft ist und was echter Zusammenhalt? Angst alleine zu sein oder Kraft der Liebe? Ein stetiges Zaudern, aber...
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Berlin II Erste Semesterferien, eigentlich ja vorlesungsfreie Zeit. Was bleibt? Eine Zeit, in der sich Veränderungen offenbarten, das Wesentliche changierte und gerade Sicherheiten nicht aufgebrochen, sondern nur bestätigt wurden. Negative Sicherheiten, solche, die vom geradlienigen Chaos berichten, das nie verenden will, sondern gerade deshalb erst wieder aufersteht, weil es für tot erklärt worden ist. Schandhaft. Ein paar Texte lesen – und nicht viel Neues war dabei. Hoffmann, Eichendorff, Tieck, Schmales von Kafka, Zeitungen, ein bisschen Fromm. Und was bleibt? Erst Freude, welch Produktivität in kurzer Zeit, dann nur noch Lähmung und stotterndes Interesse und noch legasthenischere Arbeitsweise. Wie ein Blinder, der sehen könnte, wenn er nur wollte. Eine psychische Lähmung, verquollener Defekt im Kleinhirn. Sicher: Wärme, Geborgenheit, meinetwegen Sex – alles findet seinen Platz und doch bleibt da diese pochende Narbe, eine Lücke, die ins Auge zu springen droht. Gefährliches Zucken ...
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Echt Horrorshow! Was soll das alles? Bis zum heutigen Tage habe ich immer gedacht, mich wird so schnell nichts Künstliches negativ beeindrucken, schocken, bedrücken. Ich habe mich geirrt. Was habe ich schon alles gesehen? Grauenhafte Bilder, suggestive Pamphlete, Hardcore hie und da. Aber was konnte schon wirklich die Seele beflecken? Immer kam der abgeklärte Mensch zuvor, der alle Bilder nur als Schauspiel entlarvte. Nun, was diskutiert wird, ist nicht mehr erschreckend. Verbal zerfleischt ist die visuelle Gewalt nur noch ein Zitat der innerlichen Erregung. Das Adrenalin verstummt; die gewaltsame Überraschung verkommt zum ironischen Kommentar. Der Film hat der Literatur in Bereichen der Subversion den Schneid abkaufen können. Dann kam das Fernsehen. Nun ist es das Internet. Aber was kann schon erregen in einer Welt der Bilder, die auf das Äußerste die Gefühle korrumpiert und so keine äußerliche Angst mehr zulassen will. Die Subversion im Kinofilm ist nichts Neuartiges. Kein Medi...
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"Misunderstood" When you're back in your old neighborhood The cigarettes taste so good But you're so misunderstood You're so misunderstood There's something there that you can't find Honest when you're tellin' a lie You hurt her but you don't know why You love her but you don't know why (Wilco, Misunderstood) Die Rückkehr in diesen Kokon aus vermeintlicher Liebe und Wärme ist eine beschwerliche und aber auch eine verlogene. Gefühle rattern durch den Geist, uralte Empfindungen werden durch den Gefühlsapparat gepustet und eine entsetzliche Schwermut formt schon Tage vorher den Blick zurück zu einem nostalgischen Event, das Tränen provozieren soll, Enttäuschung und ehrliche Trauer aber evoziert. Man sitzt nun so da, im Sessel, den man noch so sehr als Hort der Ruhe vermisst hat und träumt davon, dass alles so wäre wie damals. Und man beginnt schon zu lügen, sich selbst eine illustre Geschichte zu erzählen, die so niemals der Realität entstammt...
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»Besuch der alten Dame« Liebe ZEIT! Heute feiern wir deinen Geburtstag. Deinen 60. Geburtstag. Und du sitzt dort so still an dem langen Tische, der so festlich gedeckt ist, und blickst reichlich perplex drein. Du fühlest dich ja nicht annährend wie 60 hast du mir gesagt – es spränge mir doch ins Gesicht. Ich habe dann nicht nach einer Schönheitsoperation gefragt, die dir gut zu Gesichte stehen sollte, weil ich weiß, dass du – meine Liebe – so etwas rigoros ablehnen würdest. Es sei ja schließlich das Innere, das zähle. Ich möchte dir aber heute ein Kompliment machen, liebe ZEIT: Du bist hübsch, ja anmutig schön. Ich kann mich noch erinnern, als wir uns das erste Mal trafen. Meine Güte, dachte ich, ist die korpulent. Manche nannten dich fett. Und dann blickte ich dich erst mal gar nicht mehr an, so verschreckte mich deine Statur, dein so flappsiges Äußeres. Ich weiß gar nicht, aber um ehrlich zu sein habe ich dich erst kennengelernt, nachdem ein Freund mir gesagt hat, wie intellektuell, ...