2. September 2006

Liebe Natascha!

Vielleicht wunderst du dich, dass ein Mensch, den du nicht im entferntesten Sinne kennen kannst, einen Brief an dich richtet. Und doch tue ich dies, weil dein Schicksal mich berührt und deine Person, ich hoffe du erlaubst mir dies, mich fasziniert. Es ist schwer von dir zu reden, ohne dich von dem auszugrenzen, was man ansonsten menschlichen Umgang nennen würde. Denn deine Welt, sie ist zu einem Faszinosum für Millionen geworden. Und nun lässt du die Menschen um dich herum begreifen, dass all ihre Vorstellungen, genährt von Fernsehen, Zeitung und was auch immer, ins Leere greifen. Du zeigst, dafür bewundere ich dich, obwohl es dein tragisches Leid ist, Mut über alle Maßen. Deine eigenen Eltern glauben, du würdest die klugen Zeilen, die du an die vermeintliche Außenwelt gerichtet hast – eine für dich noch äußerere, geweitetere Außenwelt als sie es für andere Menschen ist – nur mit Hilfe von einigen Psychologen erstellt haben können. Sie vertrauen deiner Intelligenz nicht, weil sie an deiner Trauer teilhaben wollen. Doch du versagst sie ihnen – und damit den abermillionen voyeuristischen Blicken der ganzen Welt. Diese Konsequenz ist ergreifend, auch wenn sie für eine Welt wie diese unverständlich ist.

Dein Lebensweg erschüttert die Menschen, weil er von dir anders bewertet wird als von Wissenschaftlern und Zeitungsjournalisten. Und du hast Recht, wenn du sagst, dass es deine Intimität ist. Nur will dies niemand akzeptieren; die pervertierte Neugierde des Volkes ist tausendmal größer als der Wunsch eines Opfers nach Luft. Bitte, Natascha, glaube an dich – glaube an deine Fähigkeiten und Möglichkeiten und vertraue deiner Wahrnehmung. Du bist schwierig für eine Welt, die vorgefertigte Seinsschemata jeder irrationalenUnwahrscheinlichkeit ausschließt und so deine Welt nicht verstehen kann. Nun bist du aber im Hier und Jetzt angekommen und dich trifft eine Realität, die du so nicht kennst, nicht kennen kannst.

Ich hoffe und bete für dich, dass es Menschen gibt, die dich verstehen können, die dir in deine zarte Seele blicken können, ohne es mit Vorurteilen zu tun, denn du bist als etwas ganz Eigentümliches, Besonderes in unsere Welt getreten. Du bist in einem Kriminalfall zum ersten Mal als Opfer wichtiger als der Täter. Das alleine markiert die Unglaublichkeit deines Falles, ja deiner Wesenserscheinung schlechthin.