7. April 2006

Berlin II

Erste Semesterferien, eigentlich ja vorlesungsfreie Zeit. Was bleibt? Eine Zeit, in der sich Veränderungen offenbarten, das Wesentliche changierte und gerade Sicherheiten nicht aufgebrochen, sondern nur bestätigt wurden. Negative Sicherheiten, solche, die vom geradlienigen Chaos berichten, das nie verenden will, sondern gerade deshalb erst wieder aufersteht, weil es für tot erklärt worden ist. Schandhaft. Ein paar Texte lesen – und nicht viel Neues war dabei. Hoffmann, Eichendorff, Tieck, Schmales von Kafka, Zeitungen, ein bisschen Fromm. Und was bleibt? Erst Freude, welch Produktivität in kurzer Zeit, dann nur noch Lähmung und stotterndes Interesse und noch legasthenischere Arbeitsweise. Wie ein Blinder, der sehen könnte, wenn er nur wollte. Eine psychische Lähmung, verquollener Defekt im Kleinhirn. Sicher: Wärme, Geborgenheit, meinetwegen Sex – alles findet seinen Platz und doch bleibt da diese pochende Narbe, eine Lücke, die ins Auge zu springen droht. Gefährliches Zucken der Nerven betäubt schließlich die Sinne. Alles beim Alten könnte man sagen und nie – Schicksal des ins eigene Leben (hinab-) springenden Studentenlehrling – wärmt diese Annahme. Eher verbittert sie, denn sie erzählt vom Rückschritt, dem Mutterleib näher als dem fernen Horizont. Die Wiege der Depression ist ausgehöhlt und wirkt fremd, sie ist beizeiten ein Ruheplatz, der nicht besucht werden sollte. Und dann kriecht die Erkenntnis ins Heute: Es war schwer, hart – ein langer Winter, garstig, widerlich, unangenehm. Vorbei. Umstellung, neuer Lebensort, das Alte wieder und wieder annehmen. Es darf ja nicht verschwinden, es gehört ja dazu. Schwelgen in Nostalgie. Grämende Nostalgie, denn das Bekannte verschwimmt hinter dieser Schauerromantik, die sich im süßlich-klebrigen Gewand als Kostbarkeit gibt. Schmerzen folgen erst. Nein, es sind Widersprüche, die ans Tageslicht gelangen, ihren Weg aus der tiefsten Dunkelheit empor kommend aber nicht verheimlichen können. Dort alleine, hier unter eigen Blut. Doch was heißt in diesem Fall Nähe? Meine Heimatstadt, Geburtsort, vertrautes Terrain, was bedeutet es für mich? Immer neue Facetten gewinnt die Vergangenheit und allmählich stilisiert sie sich zu einer Gegenwart II. Wie das? Kaum erklärbar. Die Wurzeln müssen gepackt werden, verstanden werden, gelesen werden. Heute fühle ich mich elend, trotz Sonnenscheins und klarer Luft. Kleine Entscheidungen fallen schwer. Irgendetwas in der klammen Brust saugt am Depressiven, an einer unüberwiundbaren Traurigkeit. Nein, nichts Depressives – falsch. Melancholie? Ich weiß es nicht. Meine Hoffnung beruht darin, Worte zu finden, die meine Gefühle in Gewänder des Poetischen hüllen, auch wenn dahinter vermutlich das Dilletantische Regie führt. Ich will diesen immer steiler werdenden Gipfel meiner Möglichkeiten, die in meinem Innern schlummern, erklimmen. Irgendwann wird dieser Ritt auf den Gipfel zur Totenmission, wenn der Sauerstoff ausgeht, um die dünne Luft zu ertragen. Handeln also. Vielleicht ist das die Erkenntnis der Erkentnisse hinter diesem schmerzhaften Prozess der individualitischen Geschichtswerdung: Handeln. Dann fügt sich das eine zum anderen. Und insofern muss ich auch das Vertrauen zurückzahlen, das man in mich setzt. Dunkel glimmert das Schuldbewusstsein, hell leuchtet die Inspiration des Fortschritts. Es will angegangen werden. Nun denn!