20. Februar 2006

»Besuch der alten Dame«

Liebe ZEIT! Heute feiern wir deinen Geburtstag. Deinen 60. Geburtstag. Und du sitzt dort so still an dem langen Tische, der so festlich gedeckt ist, und blickst reichlich perplex drein.

Du fühlest dich ja nicht annährend wie 60 hast du mir gesagt – es spränge mir doch ins Gesicht. Ich habe dann nicht nach einer Schönheitsoperation gefragt, die dir gut zu Gesichte stehen sollte, weil ich weiß, dass du – meine Liebe – so etwas rigoros ablehnen würdest. Es sei ja schließlich das Innere, das zähle. Ich möchte dir aber heute ein Kompliment machen, liebe ZEIT: Du bist hübsch, ja anmutig schön. Ich kann mich noch erinnern, als wir uns das erste Mal trafen. Meine Güte, dachte ich, ist die korpulent. Manche nannten dich fett. Und dann blickte ich dich erst mal gar nicht mehr an, so verschreckte mich deine Statur, dein so flappsiges Äußeres. Ich weiß gar nicht, aber um ehrlich zu sein habe ich dich erst kennengelernt, nachdem ein Freund mir gesagt hat, wie intellektuell, wie beflissen, wie tiefschürfend du wärest. (Dieser Freund hat sich nun mit einer Engländerin getröstet, die ihm mehr über Wirtschaft erzählen kann, weil du angeblich leicht Demenz würdest)
Da habe ich dich dann einmal die Woche getroffen und war doch recht angetan, ob deiner geistigen Tiefe. Ja regelrecht beeindruckt hat mich, wie du mir so elegant die Welt erklären konntest. Ich wusste ja immer, dass reife Frauen etwas zu bieten hätten. Irgendwann hatte ich gemerkt, dass es mehr wäre als eine lauwarme Affäre. Ich machte dir einen Heiratsantrag – und du nahmst an. Überglücklich freute ich mich auf den donnerstaglichen Besuch dieser so lieblichen alten Dame. Und du kamst immer. Beständig. Du wuchertest mit deiner Eloquenz und zeigtest dich oft ein wenig altklug (was mich ganz und gar nicht störte, im Gegenteil sogar faszinierte). Andere fanden dich immer ein wenig seltsam – aufgedunsen, verblasst, schlicht: zu alt. Ich pfiff auf die anderen und zeigte dich gerne, weil du ja auch so was wie ein Statussymbol bist. An deiner Seite war man belesen, klug, integer. Irgendwann wechselte dein Arbeitgeber und du kamst nach hause mit diesem Lächeln in den Augen und dem Liedchen auf den Lippen: Ich verändere mich. Hach, da staunte ich. Manches, was du infolgedessen so sagtest, war ja oft auch mal erschreckend. Da erkannte ich dich gar nicht wieder. Ich musste dich gar belehren, sonst wärest du obszön geworden. Lass mich, sagtest du, meine Verehrte, so bin ich halt – ich ändere mich, nicht zuletzt für dich!
Das akzeptierte ich, weil du dabei so lustvoll mit den Wimpern klimpertest.

Heute feierst du nun deinen sechzigsten Geburtstag, mit einem guten Schluck Wein und vielen Gästen. Und viele Verehrer sind darunter. Wenn all der Trubel vorbei sein wird, dann wirst du noch einmal an deine verstorbenen Eltern denken, vielleicht wirst du eine Träne lassen, aber dann blickst du wohlgemut in die Zukunft. Schließlich war ja Vielseitigkeit immer deine größte Stärke. Liberal, tolerant, manchmal schnippisch links, wie man es dir nachsagte. Du warst, was dein verlegenes Lächeln unterstreicht, immer stolz drauf.
Wie ist bloß die Zeit vergangen, frage ich mich.
Alles Gute zum Sechzigsten. Und auf weitere 60 Jahre lass' uns anstoßen!