29. Juni 2006

Jener Moment

Es gibt diese entscheidenden Tage im Leben, die über alles entscheiden. Zukunft wird gestaltet, Vergangenheit abgelegt; die Gegenwart wird in konzentrierter Pose besetzt. Jeder Mensch kennt diese Momente und er weiß um ihre Bedeutung, denn irgendwo im Neokortex scheint sich hinlänglich die Wichtigkeit eines solchen Ereignisses zu spiegeln. Tragik und Schönheit des Augenblicks ist, dass er alles aufzeigen kann: Leid und Freude. Eine Mutter umsorgt ihr Kind, bis sie es in die Freiheit entlässt (Kindergarten, Schule, Studium, Beruf – es gibt einige Formen der Freiheit, die früh auf das Kindlein warten). Da ist dieser Moment des Alleinseins. Und er geht schnell vorbei. Sekunden entscheiden über alles. Jahre der liebenden Vorbereitung zur schließlichen Trennung. Tragik. Schönheit. Leben!
Monate bereitet man die Klausur, das Abitur, das Examen vor, nur um den Augenblick zu erleben, wo sich alles in eines ergießt. Auf der Stelle alles zeigen, was man kann. Der Sportler, der es nun zeigen muss, was er kann, was man von ihm erwartet. Der Künstler, den man so sehr mit Vorschusslorbeeren versehen hat und nun beweisen muss, was er zu schöpfen imstande ist. Tag des Aufstiegs, Tag des Abstiegs (oder des stetigen Verweilens im Jetzt, das nie ein Weiterkommen garantiert). Und in 24 Stunden erlebt, welche Überleitung in eine schwelende Spannung, die in nur wenigen Stunden verlöscht sein wird, eine Fußballmannschaft aus Deutschland gerade diesen Moment. Siegen oder verlieren. Siegt sie, dann beweist sie, dass die Hoffnungen berechtigt waren, die man in sie steckt. Verliert sie, dann bleibt sie das, was sie seit Jahren ist. Dann gleitet der Fortschritt hinab ins Nichts. Tragik des Lebens. Was heißt schon gestern fit gewesen zu sein, wenn ich es nicht an dem Tage bin, wo man es verlangt. Viele begeisterte, euphorisch pochende Herzen werden mitzittern und den Aufstieg oder eben Fall eines Sterns erleben. Fußball als Metapher für die Dramatik des Lebens. Vielleicht auch ein Politikum, das ein Bild abgibt von den Freuden und Schmerzen des Lebens. Egal, was da noch kommt. Ausscheiden, Halbfinale, Finale – dieses Spiel ist der Schlüssel für alles. Eine Ideologie, die man kaum veräußern kann. Druck, Emotion, Konzentration. Es ist reine Magie und dazu eine seltene. Dies bedeutet, dass man den Moment (wie auch all die Augenblicke, wo es entscheidend ist, egal wie nervenzerreißend, genossen werden sollten; auch wenn es ein latenter Schmerz ist) auskosten muss. Als Spieler auf dem Feld. Als Trainer auf der Bank. Und als Fan im Stadion oder vor dem Fernseher. Ein großer Moment. Eine Metapher in sportlichem Antlitz.
Jener Moment!