Posts

Vom Leben eines Esels (7)

Bild
Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson Diese ungeheure Kühle, mit der sie miteinander sprechen. Die Unbarmherzigkeit, mit der sie miteinander umgehen. Marie liebt Gerard. Gerard begehrt Marie, und jagt sie wie ein Wolf seine Beute. Sie weint – um den Verlust ihrer Unschuld (und vor Schmerzen über den sadistischen Akt?) und gibt sich ihm hin. Jacques liebt seine Marie seit Kindertagen. Auf einer Parkbank hat er als Knabe ihre Namen mit Kreide verewigt. Doch als er ihr, erwachsen geworden, seine Liebe gesteht, antwortet sie düster: „Du begreifst die Realität nicht.“ Auch kaum ein Lachen, eigentlich gar keins, in diesem Film. Vielleicht lacht ja der Esel Balthazar in sich hinein, wer weiß das schon. Emotionen werden provoziert, in dem sie zunächst bekämpft werden. Nicht Menschen, sondern Marionetten sehen wir, deren leere Blicke wir verstehen und deuten lernen müssen. Der Zuschauer gestaltet die Figuren, in dem er für sie und deshalb mit ihnen fühlt....

Vom Leben eines Esels (6)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson Temps Mort . Die unerträgliche Zwangsläufigkeit der ablaufenden Zeit, die ein „Leben“ zu einem Schicksal macht. Mit Balthazar beobachten wir diese Zwangsläufigkeit.

Vom Leben eines Esels (5)

Bild
Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson Die reine, totale Verschränkung von Inhalt und Form führt in der Kunst erst zum Ausdruck, also zu einer Sprache, die dem Stoff gerecht wird, der für ein Werk bearbeitet wird, als auch dem Medium, mit dem gearbeitet wird. „Au Hasard Balthazar“ ist ein beeindruckendes Beispiel für die kaum ausgereizte Möglichkeit mittels bewegter Bilder eine Form zu finden, die einzigartig und so nur auf der Leinwand zu erleben ist. Filme wie dieser zwingen erst dazu, sich über die Ausdruckskraft des Kinos Gedanken zu machen. Aber nicht deshalb, weil in ihm möglichst viele Ausdrucksmöglichkeiten versammelt sind, sondern im Geiste einer radikalen Reduktion besonders wenige. In der Beschränkung entfaltet sich hier erst die Freiheit der filmischen Form.

Vom Leben eines Esels (4)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson    Warum ein Tier? Warum ein Esel? Ein Modell, keine Identifikation, kein erzwungenes (manipuliertes?) Mitgefühl. Wir müssen am Leben des Esels teilnehmen, nicht der Esel nimmt an unserem – von aufmerksamkeitheischender und mitleiderregender Kunst vollgestopften – Leben teil. Dieser Esel kann uns nicht belügen. Er kann nicht schauspielern, er kann nicht darstellen. Er ist – Esel.

Vom Leben eines Esels (3)

Bild
Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson Kinematograph statt Kino. Modelle statt Schauspieler. Die ejakulative Kraft des Auges. Natürliche Stimme. Stimme und Gesicht. Kontinuierlich glauben. Unvorhersehbare Empfindungen. Allmacht der Rhythmen. Die collocazione der Bilder und Töne.   Bresson über seine Filmkunst.   Balthazar wird angeschossen und stirbt auf einer Wiese im Angesicht einer Herde Schafe.

Vom Lebens eines Esels (2)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson  Da ist diese eine Szene: Der Esel Balthazar trägt Lasten über die Straße, da taucht Gerard, ein Kleinkrimineller, mit einigen Raufbolden auf. Sie sind auf Fahrrädern unterwegs und verspotten den Esel als Relikt einer vergangenen Zeit. Plötzlich fährt ein Auto vorbei, die Kamera folgt langsam dessen Weg und beobachtet, wie die Blicke der Jugendlichen dem motorisierten Gefährt staunend folgen.

Vom Leben eines Esels (1)

Bild
Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson Es gibt Lieblingsfilme, die muss man nicht erklären. Nennt man sie spontan oder aufgefordert, dann erntet man ein wissendes Nicken, meistens gefolgt von einer weiteren Liebeserklärung an den genannten Film. Es gibt aber auch Lieblingsfilme, für die man kämpfen muss, weil sie (leider) kaum ein Mensch kennt. Au Hasard Balthazar von Robert Bresson ist einer dieser Filme, um dessen Bekanntheitssteigerung gerungen werden muss. Au Hasard Balthazar handelt vom Leben und Sterben eines Esels. Es hätte, so suggeriert der Titel, auch ein anderer Esel, ein anderes Tier oder sonst wer sein können. Wir sehen den (jungen) Esel, wie er liebevoll mit zwei kleinen Kindern namens Marie und Jacques herumtobt. Schnell wird klar, dass Balthazar zwar im Zentrum der Geschichte steht, die Kamera aber präzise das Leben der Menschen umkreist, die mit dem Esel in Kontakt treten – ihn streicheln, ihn quälen, ihn arbeiten lassen. Er wechselt mehrmals den...

Danke, Lisa!

Lisa, ich mag dich. Lisa, ich brauche dich. Du warst immer Vorbild, wenn auch manchmal ein schräges. Noch viel mehr: Du warst mir immerzu Hoffnung, denn du hast bewiesen, dass selbst unter dem größten Schwachsinn Geniales wachsen kann. Oftmals erschienst du mir als bornierte Streberin, die mit guten Schulnoten ihr Außenseiterdasein zu überwinden versuchte. Da hatte ich aber noch nicht verstanden, wie mutig du bist. Wie schwer hat man es als mittleres Kind zwischen einem großen Bruder und einer kleinen Schwester; der eine ist ein Versager und hat nur Unsinn im Kopf, die andere robbt sich stillschweigend durch ihre eigene Welt. Du warst den Feministinnen dieser Welt, ohne damit auch nur eine Sekunde zu prahlen, ein größeres Vorbild als jede Frauenrechtlerin. Nicht einen Moment akzeptiertest du, nur weil dein Vater ein Trottel und deine Mutter Hausfrau ist, dass dies für dich ein Nachteil sein könnte. Nicht einmal depressive Lehrerinnen, denen dein strebsamer Furor auf den Wecker fiel...

Absurdität

Je absurder es auf der Bühne zugeht, umso natürlicher und verdaulicher erscheint uns die Wirklichkeit, was natürlich ein Vergnügen ist, man braucht sich mit der Wirklichkeit beispielsweise unserer politischen Verhältnisse gar nicht zu befassen. Wenn ich Diktator wäre, würde ich nur Ionesco spielen lassen.   Max Frisch

Extrablatt

Bild
Tageblätter in Zeiten des i-Pads Wahrscheinlich wird es in 50 Jahren keine Tageszeitung mehr geben. Oder wenn es sie noch geben wird, dann wird sie als nette Dreingabe für Nostalgiker verkauft.  Schon klar, es ist ganz wunderbar über das i-Pad und alle seine Gespielinnen zu streicheln, um den täglichen Ereignissen hinterher zu spüren. Es fühlt sich gut an, nicht ständig zum Kiosk rennen zu müssen, um informiert zu sein oder kein regendurchnässtes Zeitungspapier vor der Tür aufsammeln zu müssen. Jede unverstandene Textzeile sofort eigenhändig zu überprüfen oder jeden interessanten Inhalt mit Bildern, Klängen und so weiter aufgewertet zu bekommen ist wirklich fantastisch. Aber: Wie kann so ein hübsches elektronisches Gerät den erotischen Kitzel der täglichen Zeitungslektüre ersetzen? Allein der bittersüße Lesezwang, der unweigerlich Spuren hinterlässt, ist gleichzeitig Genuss und Qual. Zerknittert, auseinandergenommen, gefaltet und gewalzt verschwindet das gelesene Bla...

Pubertät

Bild

Angstblüten: Computer

Abécédaire der Albtraumgewächse C omputer Die Furcht vor dem schwarzen Bildschirm. Wenn nichts mehr geht. Alles eingefroren scheint. Alles Geschriebene hinfort ist. Entsorgt. Im Nichts verschwunden. Nicht mehr zurückzuholen. Computer werden nicht bedient. Das ist ein Irrtum. Sie bedienen uns. Sie sollten uns dienen. Sie können nur sein, wie man sie uns erfindet. Sie irren nicht. Sie funktionieren logisch. (Anders als wir Menschen, denn wir funktionieren eben nicht logisch, werden es auch nie.) Der Computer verlangt nach Tastenkombinationen. Sensomotorische Kommunikation. Alt Plus. Nichtsende Sprache, die, in sich selbst versunken, über sich selbst hinaus stumpf bleibt. Der Systemabsturz dämmert immer schon am Horizont. Was, wenn es keinen Neustart mehr gibt? Was, wenn die Rettung ausbleibt?

Mauern

I'm building a wall  a fine wall  not so much to keep you out  more to keep me in

Gelungenes Leben

Ein gelungenes Leben: Dreiklang aus Arbeit, Gemeinsamsein und Alleinzeit

Spaß

Bild

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Teil 2)

All jene Texte, die noch nicht geschrieben sind...  Etwas darüber erzählen, was es bedeutet, vorn zu stehen (ob vor der Schulklasse, vor einer Fußballmannschaft, vor leeren Rängen, vor Studenten, vor Publikum).  Über wütende Menschen schimpfen - und dabei die Lächerlichkeit der Zornigen bloßstellen.  Vom Computerspielen berichten (von größter Simplizität der Automaten über komplexe, filmähnliche Virtualwelten bis hin zurück zur quatschblöden Smartphonedaddelei).  Endlich einmal die kommunikative Unsitte der ... (drei Punkte) anprangern.  Still und heimlich erklären, warum es möglich ist, Fan des FC Bayern München zu sein.  Schnappschüsse aus dem Glutofen der Pubertät machen (schade, vorbei).  Der femme fragile eine Liebeserklärung machen.  Denkmalpflege für die großartige, sensibelste TV-Serie aller Zeiten betreiben: "Six Feet Under" (und dann auch gleich die beispiellose Komplexität von "In Treatment" beschreiben).  Den stil...

Verliebtseinwollen

Bild

Stärker als Worte

Das Bild hat immer das letzte Wort.

Freiheit der Liebe

Your Love Will Set You Free

Vereint gegen die Angst

Bild
Der schockierende Terroranschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" und die ergreifende Reaktion der Europäer, solidarisch an der Seite Frankreichs zu stehen, markieren eine historische Zäsur. Vielleicht ist nun endgültig deutlich geworden, dass die Grundprinzipien demokratischer Gesellschaften bedroht sind. Die Aufgabe des Journalismus ist es nun, auch in Zeiten der eigenen Krise Flagge zu zeigen. Es dauerte nur Minuten, dann hatten die Menschen nach dem ersten Entsetzen über die Bilder des Terrors in Paris eine Antwort gefunden. Sie verbreitete sich zunächst rasant  in der virtuellen Welt, um dann auch auf Plakaten in den Händen der vielen Trauernden zu landen, die nur Stunden nach der Tat auf die Straße gingen: "Je Suis Charlie" .  Der 07. Januar 2014 wird in die Geschichte eingehen, nicht weil Frankreich sein 9/11 erlebt hat, wie es nach dem grauenhaften Anschlag auf die bis zu diesem Tag eigentlich nur Franzosen bekannte Satirezeitung...