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Godard/Truffaut

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Jean-Luc Godard wollte das Kino von seinen Lügen befreien. François Truffaut wollte zeigen, warum Menschen diese Lügen brauchen.

Der entblößte Mensch

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Der ungarische Regisseur Béla Tarr hat nur wenige Filme gemacht, aber mit einem radikal asketischen Stil aus schwarz-weißen, überlangen Einstellungen mit einer Kamera als mitleidlosem Zeugen das europäische Kino tiefer geprägt als viele andere, die regelmäßig mit Preisen überschüttet werden. Er zeigte nicht nur im siebeneinhalbstündigen „Satanstango“, das auf keiner Liste der besten Filme fehlt und wie andere seiner Werke auf Grundlage von Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai entstand, eine Welt ohne Trost, in der wenig gesprochen wird und es sehr viel regnet.  Man kann Tarrs Filme als Zumutung empfinden – und das sind sie aufgrund ihrer formalen Strenge, noch mehr aber wegen ihrer existenzialistischen Brutalität. Aber in ihnen finden sich auch ungeheuerliche Momente der Schönheit und Gnade.  Konfrontation mit absoluter Wehrlosigkeit Eine Szene in „Die Werckmeisterschen Harmonien“ (nach dem Roman „Melancholie des Widerstands“ von Krasznahorkai) hat m...

Lust aufs Leben

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Wenn eines wirklich prägend ist für Mexiko, dann ist es neben der unheimlichen Bezogenheit zum Tod eine dazu im Gegensatz stehende und kaum erklärbare spirituelle Freude am Leben, an der Lust, an der Liebe, am Feiern, an der Gemeinschaft. Das und noch einiges mehr zeigt Alfonso Cuarón in seinem hinreißenden Jugendfilm „Y Tu Mamá También“.  Es ist ein Coming-Of-Age-Drama par excellence, mit unverbrauchten Gesichtern, satten Landschaftsaufnahmen und ungewellten Erotikszenen. 2001 wurde der Film zum unerwarteten Indie-Hit. Seinen Untertitel „Lust For Life“ bekam der Film nicht umsonst.  Für Cuarón war „Y Tu Mamá También“ nach der zu dem Zeitpunkt bereits in Vergessenheit geratenen Dickens-Adaption „Große Erwartungen“ (1998) der Weg zurück nach Hollywood, das sein Talent zwar erkannte, aber augenscheinlich nicht fördern wollte.  Nach „Amores Perros“ (2000) von Alejandro González Iñárritu, „The Devil’s Backbone“ (2001) von Guillermo del Toro und „Japón“ (2002) von Carlos Reyga...

Spurlos verschwunden

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Die meisten meiner Phantasmen neigen sich dem Unheimlichen zu: aus großer Höhe fallen (oder flügellos fliegen können), von einem Unbekannten verfolgt werden (und, erst einmal geschnappt, im Nahkampf kein Gefühl in den Knochen zu haben, während ich zurückschlage) oder plötzlich zu verschwinden.  Erzählungen über Menschen, die von einem Moment auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt erscheinen, berühren mich. Wurden sie entführt, gar getötet? Hatten sie einen Unfall - etwa der Fall in ein tiefes Loch während eines Waldspaziergangs? Haben sie ein neues Leben unter anderer Identität begonnen? Melden sie sich eines Tages vielleicht wieder; ein Anruf mitten in der Nacht? Warum hinterlassen sie keine Botschaft, wieso gibt es nicht einmal einen Hinweis auf ihren Weg hinfort?  Manchmal versteckt sich darin die Vorstellung von der Flucht aus einer Welt, die nicht mehr zu ertragen ist. Natürlich: auch eine Metapher für den letzten Handgriff.  Auszuschließen ist nicht, dass böse...

Albtraum Geburt

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„Eraserhead“ ist bis heute der erschreckendste Film von David Lynch geblieben. Das surrealistische Meisterstück ist nicht nur ein Höhepunkt des experimentellen Films, sondern liefert auch den Interpretationsschlüssel für alle späteren Werke des Regisseurs mit.  1977 probte das amerikanische Kino den Hypersprung und wagte sich zum ersten Mal in eine neue Galaxis vor. Mit „Krieg der Sterne“ von George Lucas wurde das Weltall nach Georges Méliès „Reise zum Mond“ und Stanley Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“ endgültig für die große Leinwand erobert - und mit Lichtschwert-Power und Sternenkreuzern zum Explosionsfeld aufgedreht. Doch in diesem fürs Kino beachtliche Jahr wagte sich auch ein anderer Regisseur auf einen fremden Planeten vor und schilderte mit alpdruckhaften, expressionistischen Bildern eine phantastische Reise in eine (Innen-)Welt, die möglicherweise noch wesentlich unerforschter ist als so mancher Lichtjahre entfernter Sternenhaufen. „Eraserhead“, David Lynch...

Spannung kommt von Spannen

Ein Kino, das sich für seine Blickgewalt schämt, ist wie Literatur, die ihre Gedankenschärfe begrenzt, oder wie Musik, die ihr Rhythmusdiktat zersetzt.

Perlen vom Meeresgrund

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Manchmal, aber nur selten, öffnet sich im Kino eines bestimmten Landes ein Spalt für Außergewöhnliches. Dann entwickelt sich mitunter, von mutigen Experimenten angetrieben, eine ganz eigene, neue Filmsprache. So strahlten der deutsche Expressionismus oder der italienische Neorealismus weit über die Grenzen der heimischen Lichtspielhäuser hinweg. Denkt man an solche Neuen Wellen, fällt der Blick immer noch auf Frankreich in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren – auf Godard, Truffaut und Rivette. Mit der französischen Nouvelle Vague wuchs das Verständnis dafür, dass eine kleine Elite von Filmemachern in der Lage sein konnte, den Blick auf das, was Filmkunst ist, für immer zu verändern.  Zu jenen zahlreichen Bewegungen, die in den Sechzigern das Kino aufrüttelten, gehört aber auch die Tschechoslowakische Neue Welle. Sie ist ein wundersames, aber viel zu wenig beachtetes Beispiel dafür, was Künstler in einer repressiven Gesellschaft anstellen können, wenn für einen kurzen Zeitraum d...

OmU

Es gibt sie seit dem Beginn des Streaming-Zeitalters viel häufiger als früher: Diese Typen, die behaupten, sie würden sich alles, was sie sehen, nur im Original-Ton anhören. Sie meinen damit oft, dass sie, weil sie dieser Sprache mächtig sind, alles in Englisch verfolgen, weil es sich ohne Synchronisation völlig anders anhörte.  Damit haben sie natürlich recht, denn der Übertragungsprozess in eine andere Sprache bringt Kürzungen und emotionale Verschiebungen mit sich. Man hört es am schönsten, wenn etwa deutsche Schauspieler, die in Hollywood reüssieren, ihre eigenen Filme synchronisieren. Manche kokettieren möglicherweise sogar mit diesem Fremdheitseffekt, jedenfalls sollte man das für die launigen Übersetzungssprachleistungen von Christoph Waltz als Ironievariante nicht ausschließen.  Trotz dieses natürlich auch als Distinktionsgewinn zu verstehenden Rezeptionsverhaltens - man hört es immerhin manchmal noch bei französischen, italienischen oder spanischen Filmen und Serien, ...

Ausgeschnitten

Das Leben wiegt schwer in der Krise, egal wie sie beschaffen ist. Ein Ausweg findet sich nur im Marsch Richtung Komplexität (alles wird endlich einmal in Frage gestellt, neue Lösungen erscheinen am Horizont) - oder eben im Taubengang hin zur Banalität (Verweigerung, Einigelung, Zerstreuung, back to the roots ). Von den schwierigen Dingen spricht es sich zu manchen Zeiten einfach schlechter. Dann also das Triviale: Die Fernsehzeitschrift meiner Wahl wird zugrunde gerichtet. Ich lese sie seit 20 Jahren. Sie verspricht schon seit langer Zeit die meisten Filmbesprechungen - und oftmals waren sie auch richtig gut. Daumen hoch! Selbstverständlich wurde - anders als bei anderen Blättern ähnlichen Zuschnitts - auch auf sperrige Kunstfilme aus Bulgarien hingewiesen. Nicht ohne natürlich zu erwähnen, dass man dafür Zeit und Muße mitbringen möge. Schund wurde als das bezeichnet, was er ist, wenngleich auch manchmal zum Glück mit schambehafteter Liebe zum Detail vor dem Vergessen bewahrt. Daumen r...

Der letzte Kinobesucher

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