30. Oktober 2012

Du bist nicht mehr da

Wie kann das sein? Eben hast du doch noch auf deiner Couch gesessen und ein Lied gepfiffen.


So oft hatten wir Pläne geschmiedet, wie wir gemeinsam durch die Stadt zögen, um zu fotografieren. Einfach darauf los. Um Sehen zu lernen. 

Als ich klein war und die Sonntage immer länger wurden und der Kuchen bereits verspeist war, hast du mir oft, damit mir die Zeit schneller verginge, Einblick in deinen Computer gewährt. Entweder spielte ich mit deinen Computerspielen (sie waren damals noch so herzzerreißend simpel; man konnte jeden Pixel auf dem schwarz-gelben Bildschirm einzeln zählen) oder fantasierte ein paar
Geschichten, die du dann, ohne von ihnen je müde oder gelangweilt gewesen zu sein, in die Tasten gehauen hast.

Du hast für mich geschrieben, bevor ich schreiben konnte. 

Du hast mir beigebracht, was es bedeutet zu lieben. Dabei hast du nicht von Erfahrungen gesprochen, die du selbst nicht gemacht hast, sondern du hast immer nur davon berichtet, was dich selbst bewegt hat. Du hast mich die Denker gelehrt, die von der Liebe künden, sie besingen und sie erklären. Dabei hast du kein Blatt vor den Mund genommen. – Du seist ein Mann, das sollte ich bedenken, als du mir gestattet hast, blind in deine Bibliothek zu greifen. Manche Gelehrte hattest du so weit oben ins Regal einsortiert, dass ich sie erst mit einem bestimmten Alter hätte erreichen können. 
Ich habe mich trotzdem früh auf die Zehenspitzen gestellt.

Von allen, die über die Seele schwadronieren, das hast du mir einmal gesagt, hat Sigmund Freud am ehesten das herbei geschrieben, was man Wahrheit nennen könnte. Jedenfalls, meintest du, sei es Freud gewesen, der dich am meisten zu überzeugen wusste. Dass ich nicht bei den ersten Schwierigkeiten im Studium der Psyche aufgegeben habe, ist nur dir zu verdanken – denn du hast mir geduldig zugehört und mein Interesse mit deinem Wissen unterstützt. 

Einmal hast du mich gescholten. Ich hatte mich über den blinden Glauben eines anderen Menschen lustig gemacht. Du hast gesagt, dass es sich nicht gehört, über den tiefen Glauben eines anderen Menschen zu urteilen. Wenn ein Glaube einen Menschen ganz und gar bestimmt, so hast du mir erklärt, dann ist dieser Mensch nicht ohne seinen Glauben vorstellbar. Im Übrigen, das hast du ergänzt, habe jeder seine eigene Esoterik. 

Nie bist du müde geworden, dich mit dem auseinanderzusetzen, was in deiner Kindheit und vor allem deiner Jugend geschehen ist. Den Blick zurück hast du zu kultivieren gewusst wie andere ihren Garten.

Dort, wo alles noch frisch und unschuldig war, hast du deinen Weg gefunden, das Leben mit all seinen Schwierigkeiten und traurigen Verstimmungen etwas besser zu verstehen. 

Die Lieder deiner Jugend, die du einst so stolz besungen hast, bestimmten immer noch, das sagtest du mir gern, dein Herz. Und auch wenn ich dir sagte, dass ich die Größe und die Euphorie, die in diesen Liedern anklingt, nie so recht verstehen konnte, stimmtest du sie leidenschaftlich an. Du hattest über die vielen Jahre keine Zeile vergessen. 

Wenn du an das Telefon gegangen bist, dann sagtest du stets deinen Namen und fügtest ein einfaches wie ehrliches „Bitteschön“ hinzu. Damit hast du die Menschen auch am Hörer eingeladen, sich dir anzuvertrauen, dir etwas zu erzählen. So hast du es auch umgekehrt mit all den vielen Menschen gehalten, denen du begegnet bist: Du hast dich ihnen immer anvertraut und für jeden eine Geschichte parat gehabt.