Posts

Posts mit dem Label "Bibliothek" werden angezeigt.

Lehrbücher des Gefühls

Bild
Millionen von Liebesromanen werden Jahr für Jahr verschlungen - weil die Menschen danach dürsten, die Liebe zu verstehen. Die besseren Antworten gibt aber nicht die Belletristik. Die Liebe ist ein Hauch: Filmszene aus „Lost in Translation“ Natürlich gibt es in der Literatur von Shakespeare über Goethe bis hin zu Murakami viele Beispiele für weise Werke über die Liebe. Wer sich darin hineingräbt, wird nicht zwangsläufig zum unverbesserlichen Romantiker, denn viele der größten Liebesgeschichten enden nicht sehr glücklich. Vielleicht liegt es daran, dass die Liebe erst einmal verstanden werden will, bevor sie gelebt wird. Uns so gibt es ein Glück auch einige theoretische Auseinandersetzungen mit diesem wohl wichtigsten aller menschlichen Themen, die keine Sekunde trocken und für die eigene Herzensbildung und Persönlichkeitsentwicklung wohl genauso von Bedeutung sind wie „Stolz und Vorurteil“ oder die „Die Leiden des jungen Werthers“. Wer die Liebe verstehen will, sollte ...

Du bist nicht mehr da

Wie kann das sein? Eben hast du doch noch auf deiner Couch gesessen und ein Lied gepfiffen. So oft hatten wir Pläne geschmiedet, wie wir gemeinsam durch die Stadt zögen, um zu fotografieren. Einfach darauf los. Um Sehen zu lernen.  Als ich klein war und die Sonntage immer länger wurden und der Kuchen bereits verspeist war, hast du mir oft, damit mir die Zeit schneller verginge, Einblick in deinen Computer gewährt. Entweder spielte ich mit deinen Computerspielen (sie waren damals noch so herzzerreißend simpel; man konnte jeden Pixel auf dem schwarz-gelben Bildschirm einzeln zählen) oder fantasierte ein paar Geschichten, die du dann, ohne von ihnen je müde oder gelangweilt gewesen zu sein, in die Tasten gehauen hast. Du hast für mich geschrieben, bevor ich schreiben konnte.  Du hast mir beigebracht, was es bedeutet zu lieben. Dabei hast du nicht von Erfahrungen gesprochen, die du selbst nicht gemacht hast, sondern du hast immer nur davon berichtet, was dich ...

Kleines Walter-Benjamin-Glossar (2)

Moderne ist als Allegorie der zerstörten Antike und zugleich der kommenden Katastrophe zu denken. Allegorie hält immer an den Trümmern fest. Zugleich steht die Moderne im Zeichen des Selbstmords. Selbstmord ist aber nicht Verzicht, sondern heroische Passion. Er ist Antwort auf die Niederlage des Willens  Der Lumpensammler   In Anlehnung an Baudelaire sind Lumpensammler und Poet vergleichbar: beide geht der Abfall an. Der moderne Heros arbeitet im Müll als seinem Medium Der Flaneur  Er lässt sich durch die Stadt treiben; er ist ein Spurenleser, der keine Spuren hinterlässt und widersetzt sich den administrativen Kontrollprozessen durch Müßiggang  Über der Stadt liegt immer Drohung (sie steht als surrealistisches Gebilde in der Nachfolge des barocken Bühnenbildes – als metaphysische Landschaft, in der die Menschen eine kurze, schattenähnliche Existenz führen). Deshalb verwandeln sich dem modernen Allegoriker die Bauten zu Trümmern, die Dinge zu Müll un...

Kleines Walter-Benjamin-Glossar

„Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod“ Die Kindheit ist Ursprung der Kunst Es gibt eine Kunst des Verirrens Einsamkeit ist die einzige dem Menschen gemäße Existenzform Das Leben der Gedanken ist eine Existenz unter der Herrschaft des reinen Geistes , so wie die Prostitution eine Existenz unter der Herrschaft der puren Sexualität ist Der Melancholiker , als durch den Einfluss des Saturn langsamer und bedächtiger Mensch, ist ein Willensheld und ein Süchtiger – das Denken und Arbeiten wird ihm zum Zwang, das Leben steht ihm im Zeichen einer endgültigen Strategie Ich ist ein Text. Er muss entziffert werden. Das Ich ist ein Entwurf, etwas das geplant werden will. Der Aufbau des Ich geht immer zu langsam voran. Man ist sich gegenüber immer im Rückstand Jede Gedächtnisarbeit ist vorwärtsweisend (sich selbst rückwärts lesen) Verkleinerung als Technik : Man entzieht etwas (ein D...

Ich packe meine Bibliothek aus

Ich packe meine Bibliothek aus. Noch sind sie, jeder Ordnung enthoben, in Kisten eingemummt. Wenn ich umziehe, dann schleppe ich vor allem Bücher. Liebgewonnenes, Unverzichtbares, Oftgelesenes, Ungelesenes, Schund und vieles mehr, das ich in all den Jahren angesammelt habe. Es ist viel mehr als ich je lesen könnte, und wenn ich das Sammelsurium an gedruckten Worten in seiner unpersönlichen, fein säuberlich in Kartons verpackten Staffelei betrachte, dann kann ich mir kaum vorstellen, überhaupt so viele Erinnerungen und Bilder daraus entnommen zu haben. Angefangen hat es mit Comic-Heften. Meine Mutter brachte mir stets die Micky Maus mit, deren Inhalt ich regelrecht verschlang. Wenn ich mich so recht zurückerinnere, musste man mir schon ein Buch schenken, damit ich es in die Hand nahm. Kalle Blomquist war dann mein erster Begleiter; zuvor hatte mich aber schon Micky Maus, der nebenberuflich, wie man weiß, Detektiv ist, in das Sujet eingeführt. So bündelte ich also die Disneycomics, sa...