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Posts mit dem Label "Kulturkritik" werden angezeigt.

Lob und Tadel

Die Unfähigkeit zum Lob ist auch Ausweis eines fehlenden Qualitätsbewusstseins. Nicht das Ansprechen von Mängeln macht eine kritische Haltung authentisch. Es ist vielmehr das Bewusstsein von dem, was in sich gut und produktiv ist.  Beobachtet ein solcher nach vorne gerichteter Geist eine Leistung, die seinem über lange Zeit gewachsenen Verständnis von etwas Positivem, Gehaltvollem, Andächtigem entspricht, so ist Lob die ganz natürliche Reaktion darauf. Sie platzt geradezu lachend aus ihm heraus. Dies ist völlig unabhängig von anderen Beweggründen oder dem Charakter des oder der Gelobten.  In diesem Prisma ist der zum Kritisieren angehaltene Mensch, ob nun in der Rolle eines Elternteils, als Oberhaupt eines Unternehmens oder als Zeit und Raum beobachtender Schreiberling, gleichsam Enthusiast und immerzu unzufrieden. Auch jede tadelnde Äußerung unterliegt diesem Impuls. Hier entspricht die Kritik nicht dem Wunsch, einer möge der eigenen Meinung folgen, sondern dem Beharren darau...

Der Apokalyptiker (1): Fragmentarische Versuchsanordnungen

Michael Haneke ist einer der letzten Vertreter eines aussterbenden europäischen Kinos, das seinen Zuschauern emotional und intellektuell alles abverlangt. Notizen zum Lebenswerk eines radikalen Denkers.  In einem Interview sagte Michael Haneke einmal, dass er sich nicht als glücklichen Menschen bezeichnen würde. Das dürfte die Zuschauer seiner Filme kaum überraschen. Sie haben keine Happy Ends (und trotzdem drehte der in München geborene Österreicher einen Film mit genau diesem Titel). Sie vermitteln vor allem im Frühwerk den Eindruck, kühl inszenierte Versuchsanordnungen zu sein und in der Regel kommen Menschen und Tiere auf grausame Art und Weise zu Schaden.  „Ich tendiere dazu, melancholisch zu sein“, fügte Haneke seiner Feststellung in dem Gespräch an. „Als Melancholiker kann man sich schon recht glücklich fühlen.“ Jene Dialektik, die der Filmemacher für seine eigene Lebensweise behauptet, prägt auch seine durchaus auf mehrere Arten persönlichen Werke, die stark...

Das letzte Tabu

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Zeitenwende (11)

Der amerikanische Traum baut nicht darauf auf, dass ein Mensch es in jedem möglichen Bereich zu etwas bringen und deshalb erfolgreich werden kann. Er verlockt stattdessen mit dem Angebot, dass jeder – wenn er fleißig und talentiert, aber vor allem auf der Suche nach dem wahren Glück ist – immer (wieder) erfolgreich sein kann. Das Märchen vom Tellerwäscher, der Millionär wird, ist dabei schon ein von fremdem Geist verstümmelter Ansatz. Denn es geht nicht darum, ganz unten anzufangen, um dann mit dem Geld in der Tasche aufzuhören. Der Millionär wäre nur eine andere Form des Arbeitslosen. Nein, der amerikanische Traum verlangt danach, immer weiter zu machen. Der Beruf ist nicht entscheidend, für die Berufung interessiert sich kein Mensch. Das Geldmachen ist entscheidend. Das Weitermachen ist das Ziel. Während der Begriff des Berufs aber vom starken Staat abhängt, der die existenzielle Verausgabung in einem Arbeitsbereich mit großen Geldflüssen unterstützt (z.B. durch die Kopplung von So...

Zeitenwende (8)

Die Suche nach Genuss ist etwas zutiefst Menschliches – und wird deshalb von allen Seiten pervertiert. Abermilliarden Lebensmittel werden wegen ihres besonderen Geschmack, ihrer hohen Qualität und ihrer besonderen Herstellung empfohlen. Es gibt tausende Schokoladensorten, unzählige Kaffee- und Teemarken, Joghurts mit Geschmacksrichtungen, die man sich nicht einmal im Traum ausmalen würde und Äpfel, deren Name pure Poesie ist. Die Käsetheke ist zum Treffpunkt des Genussdandys unserer Zeit geworden. Wer hier Geschmack beschreiben und Sorte richtig ausgesprochen nennen kann, ist im Genießerolymp angekommen. Aber es gibt nicht nur diese Seite des Genusses. Tütensuppen, Fertigprodukte und allerlei Modeprodukte erhalten ihren Geschmack erst durch eine Unzahl an Geschmacksverstärkern. Seit Jahrzehnten regiert das Fast-Food den hungrigen Verstand, wenn es darum geht, schnell und bequem, aber auch billig etwas zu essen zu bekommen. Die Tiefkühlpizza ist das Wunderprodukt des 21. Jahrhunderts...

Zeitenwende (6)

Kein Geburtstagsständchen, keine Weihnachtsbotschaft und schon gar kein Neujahrsgruß ohne den Wunsch nach guter Gesundheit. Nie hatte die Gesundheit einen solchen Stellenwert wie heute. Nie war sie ein solch begehrenswertes Gut. Denn nie waren die Menschen in der westlichen Welt so gesund wie heute. Sie sind so gesund, dass sie über die Vorstellung nicht mehr gesund zu sein, krank werden. Seit Robert Koch die Gesundheitsindustrie aus der Taufe hob, entwickelte sich die Medizin rasendschnell. Sie entwickelte sich so schnell, dass ihr Wunschtraum heute längst nicht mehr in der Bekämpfung, sondern in der Prävention von Krankheiten liegt. Die großen Unbekannten heißen Krebs, AIDS und Depression – an ihrer Widerlegung arbeiten Millionen von Wissenschaftlern. Die kleinen Malaisen aber, von Diabetes bis zum grauen Star, werden zur Bagatelle herunterstilisiert. Sie spielen keine Rolle mehr. Man kann sie verhindern. Genetische Faktoren hin oder her – das Mantra der modernen Gesundheitsprophe...

Zeitenwende (5)

Während Krebs radikal den Umgang mit dem Tod in Frage stellt, stellt die Depression entscheidende Fragen zum Leben. Die Urangst vor dem Tod wandelt sich zur Urangst vor dem Sterben. Eine Krebserkrankung mag therapierbar sein. Doch die Sorge, dass der Krebs wieder ausbrechen könnte – dass er zurückkehren könnte wie ein Dämon, der nur für kurze Zeit vertrieben scheint – wird den einmal erkrankten Patienten nie wieder loslassen. Krebs kommt von innen, er ist Teil des Körpers. Anstatt ein Verfallssymptom zu sein ist er ein Wachstumssymptom. Falsch programmiertes, fehlgeleitetes Wachstum. Über Krebs kann man nicht sprechen, nur über seine Zerstörung, seine Heilung. So reihen sich Geschichten an Geschichten von der großen Lebensenergie, die Krebspatienten aufbringen mussten, um ihren Krebs zu besiegen. Manche geben ihrem Tumor einen Namen. Mit dem Krebs zu sterben bedeutet zweierlei: Entweder schlägt die Behandlung an und schenkt dem Erkrankten scheinbar ein zweites Leben, führt dann ...

Zeitenwende (3)

Innerhalb einer Kultur gewinnen bestimmte Institutionen, Medien und Künste eine gewisse Wirkung auf die Gesellschaft, so dass man sie gesellschaftsprägend nennen könnte. Sie sind sogar so prägend, dass sie nicht nur die Gewohnheiten und Vorlieben der Menschen verändern, sondern auch ihr Denken (und Fühlen!) massiv verformen. Man denke nur an die Funktion von Radio und Kino in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Für das 21. Jahrhundert gilt, dass der Sport eine solche gesellschaftsprägende Wirkung innehat. Sport ist heute der bedeutendste Kulturfaktor. Und wenn man davon ausgeht, dass sich Kultur und Wirtschaft in einem kapitalistischen System wechselseitig bedingen, dann muss man nur die euphorischen Massen beobachten, wie sie Wochenende für Wochenende ihre Lieblingsmannschaft ob nun im Fußball, Football oder Eishockey, im Tennis, in der Leichtathletik oder in der Formel 1 nach vorne treiben und gleichzeitig Unsummen für Stadionbesuch, Fernseherlebnis, Trikot und Merc...

Zeitenwende (2)

Die Kulturkritik ist dem Tode nahe. Und niemand schaut zu. Kulturkritik verstehe ich weniger als medial konfiguriertes Produkt. Wäre es so einfach, dann würden ganz andere Theaterstücke aufgeführt und ganz andere Musikstücke im Radio gespielt werden. Kulturkritik ist ein Vorgang, ein Prozess, mit dem jeder, wirklich jeder Mensch Einfluss auf die Kultur ausüben kann, in der er lebt. Kultur ist Menschenwerk und muss auch von Menschen kritisch hinterfragt werden. Übernehmen erst einmal seelenlose technische Systeme diese Aufgabe – und das tun sie, wenn man nur an Google denkt –, dann verliert der einzelne Mensch immer mehr an Einfluss. Er wird zum hilflosen Konsumenten, der sich aber nicht hilflos fühlt. Ganz im Gegenteil. Er freut sich sogar über das immer größer werdende Angebot, das ihm so sehr zu entsprechen scheint. Kultur hat aber einen politischen Wert. Das gilt am meisten für die Kunst. Die oftmals als Kassandrarufe interpretierten Werke von Schriftstellern oder Malern sind in W...

Zeitenwende (1)

Das Jahr 2009 neigt sich dem Ende zu, und wenn man sich auf die merkwürdige Gepflogenheit einlässt, die der Sprung ins neue Millenium mit sich brachte – nämlich die Nuller-Jahre auch zum jeweils neuen Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend hinzuzuaddieren –, dann endet am 31. Dezember auch das erste Jahrzehnt dieses neuen Jahrhunderts. War es ein gutes oder ein schlechtes Jahrzehnt? Kann man das im Dezember 2009 schon sagen, oder begibt man sich in die Falle der Medienauguren, die zuverlässig den Jahresverlauf schon viel zu früh verklären und den Blick auf die Zukunft möglichst rasch und symbolträchtig erklären wollen? Wenn man Geschichte nicht als Diskurskonstrukt sieht, dann muss uns das dräuende fin de millénaire etwas erzählen. Es müsste von Bewegung und Veränderung sprechen, weil wir nicht nur unserer Zeitrechnung gemäß am Anfang einer neuen (geistigen, wissenschaftlichen, ja sogar künstlerischen) Epoche stehen. Hatten einige schon vom Ende der Geschichte gesprochen – und nicht...