3. Februar 2010

Zeitenwende (3)

Innerhalb einer Kultur gewinnen bestimmte Institutionen, Medien und Künste eine gewisse Wirkung auf die Gesellschaft, so dass man sie gesellschaftsprägend nennen könnte. Sie sind sogar so prägend, dass sie nicht nur die Gewohnheiten und Vorlieben der Menschen verändern, sondern auch ihr Denken (und Fühlen!) massiv verformen. Man denke nur an die Funktion von Radio und Kino in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Für das 21. Jahrhundert gilt, dass der Sport eine solche gesellschaftsprägende Wirkung innehat.

Sport ist heute der bedeutendste Kulturfaktor. Und wenn man davon ausgeht, dass sich Kultur und Wirtschaft in einem kapitalistischen System wechselseitig bedingen, dann muss man nur die euphorischen Massen beobachten, wie sie Wochenende für Wochenende ihre Lieblingsmannschaft ob nun im Fußball, Football oder Eishockey, im Tennis, in der Leichtathletik oder in der Formel 1 nach vorne treiben und gleichzeitig Unsummen für Stadionbesuch, Fernseherlebnis, Trikot und Merchandising ausgeben.

Längst ist der Sport auch zur transzendentalen Metapher gereift. Man bedient sich seiner Wettkampfrhetorik auch im Alltag. Es ist Halbzeit in einer politischen Legislaturperiode, es gilt in Streitgesprächen den Ball flach zu halten, man steht im Beruf nicht gerne im Abseits usw. Dass für Deutschland vor allem Bilder aus dem Bereich des Fußballs genommen werden, dokumentiert die Beliebtheit dieses Sports. Dass die Fußballweltmeisterschaft 2006 die wichtigste gesellschaftliche Veranstaltung in Deutschland im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war, muss gar nicht erst erwähnt werden. Einem Sportturnier von 4 Wochen Länge wird zugetraut, einem angeblich wachsamen Ausland eine neue Sicht auf die Deutschen abzugewinnen. Ein Sommermärchen. Dass dieser kurze Zustand einer Dauerparty sogar eine größere Geburtenrate erwirkt hat, ist so bemerkenswert wie entlarvend. Der Sport hat es zum größten Kulturfaktor unserer Zeit geschafft, weil er ideale Zerstreuung bietet und perfekt medial vermarktet werden kann.

In keinem anderen Kulturbereich wird die Kraft eines globalisierten Wirtschaftssystems so deutlich wie im Sport, wo vor allem die Leistung zählt – und nichts anderes. Doch nicht nur die positiven Leistungen sind vermarktbar. Auch die erschütternden Niederlagen sind Grund für Tränen und Aufregung. Sie provozieren in einer grenzenlos säkularisierten Gesellschaft ein Glaubensbekenntnis an Fairness und Ruhm, an Revanche und Kampfgeist. Mit ihnen lässt sich auch Geld verdienen. Ohnehin steht der Kampf als Symbol im Mittelpunkt des Systems Sport. Nicht füreinander oder miteinander kämpft man (es sei denn in einer Mannschaft), sondern gegeneinander. Wer gewinnt, hat keine Zeit für Verlierer. Dieser Moral des Siegenmüssens wird alles untergeordnet. Sie diktiert unser wirtschaftliches Zusammenleben. Der Ruhm des Gewinners steht als Beispiel für die Wirksamkeit dieses Prinzips ein. Das Leben wird dem Kampf untergeordnet. Und wenn der Zuschauer im Stadion glaubt, die Körperkünstler auf dem Platz würden für ihn den Kampf übernehmen, dann irrt er sich. Der Sport unserer Zeiten ist kein Spiel mehr. Er ist knallharter Wirtschaftsfaktor mit Milliardenumsätzen. Er ist (die letzte) Hoffnung für jene, die an gesellschaftlichen Aufstieg glauben müssen, weil sie sich am unteren Rand der Gesellschaft wähnen. Er ist Angebot zur Assimilation. Er ist das größte Versprechen, das unsere Gesellschaft zu bieten hat. Im Sport lohnt sich Leistung noch.

So sehr der Sport als tragender Kulturfaktor unser Handeln prägt, entwirft er doch auch eine düstere Vision, die wir klaglos akzeptieren. Wer Leistung bringen will, benötigt große Kraft, Durchsetzungsvermögen, Aggressivität, einen gesunden Körper, einen vitalen Geist und vor allem Selbstbewusstsein. Für Zweifel ist im Sport kein Platz, für negative Gedanken sowieso nicht. Der Fußballspieler, der vor dem Torschuss über das Ziel nachdenkt, wird scheitern. Nur geistige und körperliche Fitness führt zum Ziel. Wer sich nun auf dem Weg ins Arbeitsleben befindet – und sei es nur auf der Suche nach einem kleinen Nebenverdienst –, der wird auf ähnliche Anforderungen stoßen. Im Callcenter wird belohnt, wer die meisten Kunden telefonisch von einem Produkt überzeugen konnte, das dieser überhaupt nicht benötigt. Im Klassenzimmer wird nur der Lehrer begrüßt, der anschaulichen Unterricht gestaltet. Für eine Hollywoodproduktion werden nur die Schauspieler engagiert, die ein überzeugendes Zeitschriftencoverprofil haben und gleichzeitig nach Drehplan arbeiten können. Die Leistungsethik des Sports verlangt von Körpern, dass sie funktionieren. Sie verlangt von Ideen, dass sie Erfolg versprechen. Sie verlangt nach Wettbewerb, auch da, wo er Kreativität eher hinderlich ist. Es geht um Win-Win-Situationen.

Aber vor allem hat der Sport keine gesellschaftliche Funktion, die mehr als Zerstreuung bietet. Für die Sportler bedeutet er in einem kurzen Lebenszeitraum, der mit den Anforderungen an den Körper von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sinkt, die Möglichkeit gesellschaftlicher Anerkennung und im besten Fall wirtschaftlichen Erfolg. Einen Großteil der Sportler, die ihr Leben einer Aufgabe, einem Verein (oder mehreren) gewidmet haben, wird man bald vergessen haben. Sie spielen keine Rolle mehr. Im schlechtesten Fall erblicken sie mit 40 Jahren im Spiegel einen vom Leistungssport zerschundenen Körper. Ihre gesellschaftliche Verantwortung konnten sie in dieser Zeit kaum wahrnehmen, denn sie haben unaufhörlich an ihrem Leib gearbeitet. Sie mussten fit sein. Die ruhmreichen Sportler, denen ein gesunder Körper Geld und Ansehen gebracht haben, werden als Ikonen gefeiert und von bunten Blättern ein weiteres Leben lang verfolgt. Sie gründen vielleicht Stiftungen und spenden viel Geld für hilfsbedürftige Menschen. Im Ring gaben sie den gnadenlosen Gladiator, nun dürfen sie, als Belohnung, den braven Samariter spielen. Der erfolgreiche Sportler, zu dem alle aufschauen, den alle beneiden, simuliert am wirkungsvollsten eine zeitgenössische Öffentlichkeit. Es ist eine Ersatz-Öffentlichkeit, die den meisten Menschen eine Teilhabe versagt. Es ist eine Öffentlichkeit, die man sich zu erkämpfen hat. Es ist eine Öffentlichkeit, deren Mitglieder keinen kulturkritischen Instinkt mehr mitbringen müssen, denn über den Erfolg – über den Sieg hinaus – gibt es keinen Grund mehr für Engagement.

Der Sportzuschauer ist im besten Sinne vielleicht zum Hobbysportler gereift. Er joggt, um seine Pfunde zu verlieren und kickt mit Freunden auf dem Kunstrasen. Er genießt im Privaten den Aufregungszustand des Sports und lobt sich selbst für seinen großzügigen Adrenalinausstoß. Im schlechtesten Sinne ist der Sportzuschauer aber ein passiver Couch-Potatoe, der den Sportlern auf dem Bildschirm oder im Stadion das Kämpfen überlässt. Er empfindet den Sport als großartige Ablenkung vor den wirklichen Belangen des Lebens und glaubt, dass er eigentlich vom Kampf verschont bleibt, der auf dem Spielfeld ausgetragen wird. Er subventioniert die Stadionschlachten, weil er Geld in seine Zerstreuung investiert. Obwohl der faule Zuschauer glaubt, er sei alle Sorgen seines Lebens für wenige Minuten gemeinsam mit Tausenden anderen Gleichgesinnten los, produziert er durch seinen Beitrag erst die Kampfästhetik, die jedem wirtschaftlichen Streben zur Grundlage gereicht. Er produziert seine Sorgen, in dem er vor ihnen zu flüchten versucht.

Es gibt über das Gewinnstreben hinaus nur einen kulturkritischen Ansatz, der sich mit dem Sport verbinden lässt. Wir verlangen von den Wettkämpfern eine formvollendete Ästhetik. Die ästhetischen Vorstellungen der Antike finden heute nur noch einen einzigen Weg in den Alltag der Menschen: über die grazilen Bewegungen der Athleten. Es benötigt nicht einmal die Bilder einer Leni Riefenstahl, um dieses Verlangen in der Masse zu etablieren. Das Bildungsbürgertum hat seine Ansprüche, die es einst an Theater, Literatur und Kunst gestellt hat, längst auf die Sportarenen übertragen. Nicht zuletzt ist es die größte Aufgabe für einen Architekten, ein neues Stadion für die Olympischen Spiele zu entwerfen. Hinter den ästhetischen Bemühungen der Wettkämpfenden lässt sich aber keine Wahrheit (um genau zu sein: keine Wahrhaftigkeit) mehr finden. Der ästhetisierte Kampf kreist nur noch um sich selbst. Die Schönheit der Bewegung hat sich verändert. Von den kitschigen Zeitlupenaufnahmen der geölten Körper bei Riefenstahl ist man zu den fürchterlich-hyperrealistischen Bildern der superslowmotion übergegangen. Rasanz hat Grazilität ersetzt. Kraft hat Körperbewusstsein geschlagen. Die Superstars des Sports werden nicht mehr wegen ihrer ästhetischen Qualitäten geliebt (es sei denn, sie taugen zur Posterfigur), sondern wegen ihres unbedingten Wollens. Man spricht nicht selten vom Siegergen.

Es gibt keine Ansprüche über diese Kriterien hinaus, die man an die Sportler stellen kann. Gewinnt ein Fußballteam mit hässlichem, einförmigem Defensivfußball, dann lobt man es für seine Effizienz. Verliert man mit aufregendem Offensivspiel, dann wird zumindest gestaunt – bis die mangelnde Effizienz beklagt wird. Eine andere Logik ist nicht möglich. Die Machbarkeit des Siegens steht hinter allen Bemühungen des Sports. Der Wettkampfgedanke, der sich einst mit Ehre verband, wird medial allerhöchstens missbraucht, um die großen Verlierer würdelos vorzuführen. Man denke an den Schwimmer aus Äquatorialguinea, der bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney für den Vorlauf des 100 Meter Freistils 112,72 Sekunden benötigte – und damit eine inakzeptable Zeit. Unnötig zu erwähnen, dass er vom Publikum gefeiert wurde, als hätte er eine Goldmedaille gewonnen.

Solche Extremfälle – genauso wie die großen, unerklärlichen Siege und Siegesserien eines Lance Armstrong, Usain Bolt oder Roger Federer – machen einen Riss im Gefüge einer Kultur und Gesellschaft sichtbar. Diese Risse zu suchen, sie zu beschreiben und zu erklären wäre die Aufgabe von Kulturkritik. Dass aber über die Ungeheuerlichkeit solcher Leistungen hinaus keine weiteren Gedanken fließen wollen (es sei denn über die Wirksamkeit von Dopingmitteln), beweist, welche Einseitigkeit dem Sport zumindest als kulturprägender Instanz innewohnt. Oder es zeugt davon, dass die Kulturkritik an den Bedingungen des Wettbewerbs, wenn er nur Sieg und Niederlage kennt, nichts ausrichten kann.