12. Januar 2010

Zeitenwende (2)

Die Kulturkritik ist dem Tode nahe. Und niemand schaut zu.
Kulturkritik verstehe ich weniger als medial konfiguriertes Produkt. Wäre es so einfach, dann würden ganz andere Theaterstücke aufgeführt und ganz andere Musikstücke im Radio gespielt werden. Kulturkritik ist ein Vorgang, ein Prozess, mit dem jeder, wirklich jeder Mensch Einfluss auf die Kultur ausüben kann, in der er lebt. Kultur ist Menschenwerk und muss auch von Menschen kritisch hinterfragt werden. Übernehmen erst einmal seelenlose technische Systeme diese Aufgabe – und das tun sie, wenn man nur an Google denkt –, dann verliert der einzelne Mensch immer mehr an Einfluss. Er wird zum hilflosen Konsumenten, der sich aber nicht hilflos fühlt. Ganz im Gegenteil. Er freut sich sogar über das immer größer werdende Angebot, das ihm so sehr zu entsprechen scheint. Kultur hat aber einen politischen Wert. Das gilt am meisten für die Kunst. Die oftmals als Kassandrarufe interpretierten Werke von Schriftstellern oder Malern sind in Wahrheit Teil der Aufgabe eines Künstlers. Auch in der glühenden Bejahung der Gegenwart findet sich im künstlerischen Werk noch ein aufrührerischer Impuls. Gerade die Bewusstwerdung eines alltagssprachlich nicht greifbaren gesellschaftlichen Status Quo ist die Leistung der so genannten Gegenwartskunst.

Degradiert man nun Kultur im ganz allgemeinen Sinn zu etwas, das man lediglich zu konsumieren habe, das also von einer Art Kulturindustrie hergestellt wird, dann stellt man das Wesen der Kultur selbst infrage. Einen größeren Fehler könnte man nicht machen.
Kultur kann man nicht konsumieren, man ist ja Teil von ihr.

Das Unbehagen in unserer Kultur wird hervorgerufen von einer solchen Destabilisierung kulturkritischer Fähigkeiten. Ein gestärktes Klassenbewusstsein, so wie es von Marx verstanden worden ist, entsteht auch erst durch diese gefährliche Missachtung bürgerlicher, ich möchte sogar sagen: menschlicher Pflichten. Sobald Kultur sich von sich selbst ernährt, sobald sie einem sich zwanghaft selbst erhaltenden Prozess entspringt, verliert sie an Relevanz für alle Menschen. Natürlich ist Kultur im Kern auch elitär. Sie schließt bestimmte Gesellschaftsgruppen aus. Nur wenige Mitglieder einer Gesellschaft evolutionieren kulturelle Standards und Werte. Die Verantwortung für ihre Durchsetzung und Absetzung obliegt aber jedem Bürger. Ohnehin ist die elitäre Dimension von Kultur Teil einer Gesellschaft, die in der Öffentlichkeit stattfindet. Mit dem Ende einer öffentlichen Gesellschaft aber, die sich ins Private zurückzieht, sind diese Grenzen neu justiert worden. Kulturelle Errungenschaften geraten so unter dem Druck persönlicher Wünsche und Lebenswege in eine Legitimationsfalle. Sie müssen sich vor den Interessen der Einzelnen verteidigen. Die Oper mag als Beispiel dienen, wie sich eine Institution und zugleich ein kultureller Code vor den Zeitläufen zu schützen vermag. Dass man sowohl von der Oper spricht, in die man geht, als auch von der Oper, die man rezipiert, enthüllt dieses vielleicht sogar anachronistische Kuriosum. In die Oper geht man auch heute noch, um gesehen zu werden. Und um Teil einer gesellschaftlichen Gruppe zu sein.

Zunächst sind aber nicht nur Grenzen ein Problem. Es ist die Krankheit unserer Zeit, dass wir überall Mauern zum Einsturz bringen wollen, zugleich aber neu entstehende Mauern nicht zu erkennen in der Lage sind. Noch problematischer ist, dass wir ständig von Freiheiten sprechen, aber nicht frei handeln. Das liegt daran, dass Freiheit immer noch als Freiheit von etwas begriffen wird und nicht, wie es eigentlich richtig ist, als Freiheit zu etwas. Die zweite Bedeutung des Wortes enthüllt nämlich die Verantwortung, die mit einer freien Handlung einhergeht. Sie ist niemals erreicht, sondern muss immer wieder neu errungen werden. Während im ersten Fall die Freiheit theoretisch eintritt, wenn die Bedrohung der Freiheit beseitigt ist, gilt für den zweiten Fall, dass eine Freiheit solange nicht erreicht ist, wie ein produktives „Erringen“ der Freiheit aussteht. Der erste Fall ist ein Zustand, der zweite ein Prozess. Frei zu handeln bedeutet demnach auch, dass man etwas gerade nicht tut, obwohl man dazu in der Lage wäre. Der König, der die Möglichkeit hätte, einen Verbrecher zu richten, dies aber nicht tut, handelt wie ein freier Mensch.

Es gehört zu den Eigenarten der Freiheit, wie wir sie heute verstehen und wie sie im Zuge der französischen Revolution spätestens für Europa und die westliche Welt Gewicht erhalten hat, dass man sie schlechterdings immer mit großem Pathos beschwört. Dieser großen, allgemeinen Freiheit, vielleicht nichts anderes als ein esoterisches Konstrukt, wie einige törichte Neurobiologen urteilen, wird aber von all den kleinen Unfreiheiten in Schach gehalten, die unser Leben weit mehr bestimmen. Ebenso wie man in einer Diktatur im Sinne des Freiheitsbegriffes frei leben kann, und das nicht nur als Herrschender, ist es absolut möglich und tragischerweise viel wahrscheinlicher, dass man in einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern ein Höchstmaß an Freiheit zusichert, von der Furcht vor der Freiheit bezwungen wird. Unsere Freiheit beschaffen wir uns jeden Tag, wenn wir den Fuß vor die Haustür setzen.

Wir beschaffen uns sogar Freiheit, wenn wir nur eine Zeitung kaufen.

Wenn in Deutschland an vielen Bushaltestellen, Bibliotheken und Universitäten Zeitungen in Containern angeboten werden, die zwar aufrufen, einen gewissen Betrag für sie in den Container einzuwerfen, zugleich aber die Möglichkeit bieten, dies zu unterlassen (weil sich der Container einfach öffnen lässt und eine Zeitung auch kostenlos herausgenommen werden kann), dann könnte man zunächst von einer einfachen Freiheit im eben beschriebenen Sinne sprechen, wenn man diese Zeitungen nicht aus dem Container stiehlt, obwohl man es könnte und obwohl es die Mehrzahl der Menschen, die man vor diesem Container trifft, auch tut. Die Tatsache aber, dass diese Zeitungen so angeboten werden, verführt erst einmal zum Diebstahl. Dass es sich bei diesen Zeitungen um relativ günstige (das heißt auch: günstig zu produzierende) „Volksblätter“ wie BILD und Welt Kompakt handelt, wäre zunächst nebensächlich. Dass diese Zeitungen aber rigoros auf kostenlose, immer zugängliche Onlineinhalte verweisen und gerade durch diese Anbindung die Annahme verstärken, dass Informationen kosten- also auch wertlos seien oder zumindest sein können, machen sie zu einem Problem. Die Zeitungen werden zum viralen Marketing für Internetinhalte. Sie schränken die Freiheit der Konsumenten ein, weil sie ihnen weismachen, dass seriöser Journalismus zum Nulltarif möglich ist. Das ist aber nicht der Fall.

Die wirtschaftliche Dimension dieses simplen wie unendlich banalen Beispiels verdeutlicht den eigentlichen Irrsinn.

Wie schon erwähnt werden viele Gelder der Werbeindustrie zunehmend in Online-Inhalte investiert. Es sind aber nicht zusätzliche Mittel, die investiert werden. Es handelt sich nur um einen Verteilungsprozess. Den Zeitungen gehen diese Einnahmen verloren. Da sie ohnehin schon auf Auflagenwerte angewiesen sind, die ihnen diese Werbeerlöse ermöglichen, müssen sie andere Wege der Vermarktung erschließen. Wenn möglichst viele Zeitungen auf den Markt gebracht werden, z.B. durch den Verkauf mit Containern, dann steigert sich die Auflage. Ob diese nun verkauft werden, und hier wird es entscheidend, ist nicht von Belang. Die künstlich hochgehaltene Auflage steigert die Werbeeinnahmen und fängt die Verluste durch den Verkauf wieder auf. Der Diebstahl der Zeitung wird also in Kauf genommen, lässt den Leser in dem Glauben, dass auch Gratisnachrichten möglich sind, und bleibt letztlich ein Gewinn für die Verlage. Diese perverse Marktsituation ist ein Beispiel für eine empfundene Freiheit (nämlich kostenlose Nachrichten), die in Wahrheit eine Unfreiheit des Bürgers erwirkt und letztlich auch demokratiefeindlich ist. Das Aussterben der Kulturkritik, Grundpfeiler der demokratischen Idee, wird mit solchen Maßnahmen, die ja nichts anderes sind als wirtschaftliche Hilfeschreie, nur beschleunigt. Zentralmedium eines kulturkritischen Bewusstseins waren nämlich einst die Zeitungen und Zeitschriften.

Eine Zeitung wie die Welt Kompakt, die nicht nur auf Vertriebswegen eine radikale Verknappung (von journalistischen Inhalten) zum Ziel ihrer Agenda gemacht hat, ist die Zeitung der Zukunft.

Sie ist ein Produkt, das nur aus den Müllresten anderer journalistischer Arbeit zusammengeschustert wird, zugleich aber auf Informationen aus dem Internet verweist, die auch wieder nur zusammengesammelt worden sind. Diese Zeitung ist ein seelenloses Industrieprodukt, scheinbar etabliert zur Förderung ihrer ewig defizitären journalistischen Schwester, der Welt, in Wahrheit aber Produkt eines angeblichen Paktes mit dem erfundenen „Durchschnittsleser“. Ich gebe dir, was dich interessiert, was dich unterhält und zerstreut. Das ist das Versprechen der Welt Kompakt. Sie wirbt damit, dass der Informationsprozess (eigentlich ein aktiver Prozess) schon nebenbei bzw. nebenher ablaufen kann. Er steht nicht mehr im Zentrum der Lektüre. Zur Rechtfertigung bedient man sich der erdachten Bedürfnisse seiner Konsumenten, die angeblich viele Medien wie Fernsehen, Internet, Zeitschriften, Handy nebeneinander, miteinander, durcheinander konsumieren und so trotzdem noch zum Zeitungslesen verführt werden sollen. Über ein literarisches Werk wird nicht mehr kritisch berichtet, sondern begleitend im Sinne einer Werbeanzeige für oder gegen einen Konsum geworben. Das ist das Gegenteil von Kulturkritik. Politik wird zum dramatischen Schauspiel befördert, das reißerisch dokumentiert werden kann. Die debilen Alltagsbeobachtungen irgendwelcher gelangweilten Twitter-Nutzer finden genauso ihren Platz auf der knallbunten Titelseite wie Paparazzi-Bilder irgendwelcher B-Prominenter im Gesellschaftsteil. Die Welt Kompakt ist das Erzeugnis einer antiintellektuellen Gesinnung, die ihren Marktwert einzig und allein aus der armseligen Sicht ihrer Werbekunden herleitet, für die das Geld junger Menschen heilig ist. Wenn es eines Beweises bedürfte, welche Macht die Internetideologen auf den freien Nachrichtenmarkt ausüben, dann wäre die Welt Kompakt das grell-schimmerndste Beispiel. Wer sie am Kiosk kauft oder gratis aus dem Container fischt, kann dem sich wandelnden Bildungsdiskurs, der sich zum Wissensdiskurs verkleinert hat, beim Wirken zuschauen.

Wissen für zwischendurch.