15. Dezember 2010

Zeitenwende (11)

Der amerikanische Traum baut nicht darauf auf, dass ein Mensch es in jedem möglichen Bereich zu etwas bringen und deshalb erfolgreich werden kann. Er verlockt stattdessen mit dem Angebot, dass jeder – wenn er fleißig und talentiert, aber vor allem auf der Suche nach dem wahren Glück ist – immer (wieder) erfolgreich sein kann. Das Märchen vom Tellerwäscher, der Millionär wird, ist dabei schon ein von fremdem Geist verstümmelter Ansatz. Denn es geht nicht darum, ganz unten anzufangen, um dann mit dem Geld in der Tasche aufzuhören. Der Millionär wäre nur eine andere Form des Arbeitslosen. Nein, der amerikanische Traum verlangt danach, immer weiter zu machen. Der Beruf ist nicht entscheidend, für die Berufung interessiert sich kein Mensch. Das Geldmachen ist entscheidend. Das Weitermachen ist das Ziel.
Während der Begriff des Berufs aber vom starken Staat abhängt, der die existenzielle Verausgabung in einem Arbeitsbereich mit großen Geldflüssen unterstützt (z.B. durch die Kopplung von Sozialversicherungsbeiträgen an den Arbeitgeber), hängt das Arbeitsbild gemäß dem amerikanischen Traum vom Markt ab, der unerschütterlich immer wieder die Chance bereithält, so viel zu arbeiten und so viel Geld zu machen, wie es die eigenen Hände zulassen.

Ganz anders sieht der europäische Traum aus. Er subsumiert den Beruf unter der verführerischen Vorstellung einer Daseinsvorsorge. Wer arbeitet, tut dies nicht, um weiterzumachen, sondern um irgendwann aufzuhören. Man arbeitet für den Lebensabend. Ein aufwändiges Versicherungsnetz soll all die Lebensrisiken abfangen, zugleich ist dieses System gebunden an die Voraussetzung, dass tatsächlich eine Arbeit eine sehr lange Zeit ausgeführt wird. Wer ohne Arbeit ist, verliert mit jedem Tag die Möglichkeit, vorzusorgen.

Das heutige Arbeitsbild hat sich von diesen beiden „Träumen“ weit entfernt. (Verringerung der Arbeitslosenquote ist die zentrale Aufgabe jeder Regierung. Daran wird sie gemessen.)

Hinzu kommt auf dem globalisierten Arbeitsmarkt ein dritter Traum: der asiatische Traum. Mit jedem Tag, da die asiatischen Märkte die Arbeitsbedingungen anderer Nationen mitbestimmen, gewinnt dieser asiatische Traum an Wertigkeit. Hier wird Arbeit nicht als lebensstützender Prozess verstanden. Vielmehr bestimmt die Arbeit weitaus mehr als in den europäischen und amerikanischen Gesellschaften das eigene Dasein. Erfolgreich ist, wer intensiv und körperlich wie geistig auf hohem Niveau arbeitet. Erfolgreich ist nicht, wer viel Geld verdient oder besonders viel Freizeit hat, sondern wer besonders viel arbeitet. Nicht die Berufsklassifikation (z.B. Arzt) bestimmt den Status, sondern die energetisch anspruchsvolle Ausfüllung des Berufs.

Wer glaubt, dass diese Träume still koexistieren könnten, der unterschätzt die Bedingungen für das Funktionieren einer globalisierten Arbeitswelt. Träume konkurrieren miteinander. Man müsste sich ein Konglomerat dieser Arbeitsbilder vorstellen: Gewinnmaximierte, zweckgebundene, sozialstaatlich unterstützte (und den Sozialstaat stützende), zugleich Körper und Geist strapazierende Arbeit. Ein Albtraum? Wer hat behauptet, dass die Konkurrenz von Ideologien einen Sieger finden muss, der sich durchsetzt?

Je durchlässiger die Wirtschaftsstruktur eines Landes (je globalisierter ihre Ökonomie), desto mehr Einfluss haben die Arbeitsbedingungen, die in den Ländern herrschen, mit denen kooperiert wird. Der kontinuierlichen Steigerung der Arbeitszeiten – ideologisch begleitet von Strategien der angeblichen Arbeitserleichterung durch die Vereinfachung und Beschleunigung von Kommunikations- und Datenströmen, die tatsächlich das Arbeitsleben von der öffentlichen Sphäre des Arbeitsplatzes auf die private Sphäre der Heimarbeit verlagern – ist kaum mit Arbeitszeitbegrenzungsmaßnamen per Gesetz beizukommen. Man kann keinem Arbeitnehmer verbieten, die Mail vom Chef noch vor dem Heimbildschirm zu öffnen. In den Köpfen wird weitergearbeitet, auch wenn die Hände ruhen.