The Killing Joke (3)

Immer fand sich zwischen dem verzweifelten Bösen in den Batman-Comics und der nüchternen Realität einer Verbrecherwelt hinter den Spiegeln, die mit Gefängnis, Todesspritze oder Waffengewalt in Schach gehalten werden kann, eine Demarkationslinie, die nicht überschritten werden durfte.

So düster dieser Fledermausmann auch sein mochte, seine Identität als (Super-)Held leuchtete trotz aller Zweifel genauso hell auf wie das Emblem auf der dunkelgrauen Brust seines Kostüms. Diese Sicherheit – die den Comics identitätsstiftenden Charakter verleiht – wird in der Batman-Trilogie von Christopher Nolan mit unterschiedlicher Gewichtung in den drei Filmen aufgegeben. 

Die Mitternachtsvorstellung im Kino in Aurora war ausverkauft. Viele Menschen freuten sich darauf, einige der wenigen zu sein, die den neuen Batman-Film noch vor dem offiziellen Filmstart sehen können. Sie hatten sich mal schräg und mal ernsthaft verkleidet und imitierten ihre Helden. Viele trugen Batman-Capes oder hatten sich T-Shirts mit dem Batman-Logo darauf übergezogen. Manche hatten sich auch zuhause vor den Spiegel gestellt und ihr Gesicht mit Makeup und Lippenstift zur Fratze entstellt. Sie imitierten den Joker.

Die Filmvorführung lief bereits, als James Eagan Holmes sich Zutritt zum Kino verschaffte. Man kann sich gut vorstellen, dass das Kino-Foyer völlig verlassen war, denn auch das Personal hatte bestimmt einen Blick auf das angekündigte Ende Batmans werfen wollen. So hatte der Attentäter freies Spiel. Er drang in den Kinosaal ein, eröffnete das Feuer und schoss mit großer Konzentration in die Dunkelheit hinein.

Die Batman-Filme von Christopher Nolan haben viele krachlaute Momente, in der die druckvollen Bässe von Hans Zimmers Filmmusik über laute Motoren-, Waffen- oder Kampfgeräusche gelegt sind. Einer dieser Momente muss das Publikum gerade gefesselt haben, als Holmes mit seinem Amoklauf begann, jedenfalls interpretierten sie die ersten Schüsse als besonders gelungene Soundeffekte des Kinofilms.

Als die Kinobesucher den von einer Maske verhüllten Holmes mit der Waffe in der Hand sahen, glaubten sie zunächst, dass er einer von ihnen sei, genauso närrisch verkleidet, von der gleichen cineastischen Leidenschaft beseelt. Sie irrten sich darin gewaltig. 

Die Batman-Trilogie des neuen Jahrtausends ist geprägt von einem geschickt konstruierten Hyperrealismus, der die Bedrohung auf alle Ebenen der Inszenierung vergrößert. Waren bisher die meisten Comic-Verfilmungen von einem besonderen Modus der Realitätsverklärung geprägt – sei es durch Überzeichnung, Simplifizierung oder parodistische Elemente –, kennzeichnet die Batman-Filme von Christopher Nolan eine Aura der strengen Lebenswirklichkeit.

Die Bad Guys sind längst keine irr gewordenen Einzeltäter mehr, sondern Vorsteher eines mächtigen Verbunds an Großkriminellen, die nicht nur pekuniäre Vorteile suchen, sondern mithilfe terroristischer Methoden möglichst viele Opfer erzielen wollen. High Score! Die Batman-Filme orientieren sich an einem nach 9/11 ins amerikanische Bewusstsein gedrängten Gefühl der Angst vor einem anarchistischen Terror, der zwar islamistisch geprägt sein kann, aber nicht muss. Mit gezielten Hinweisen und bildstarken Verweisen wird diese Angst im Rahmen einer sie rechtfertigenden politischen Metaphorik verstärkt ins Gedächtnis gerufen.

In „Batman Begins“ erinnert die Vergiftung der Wasserversorgung Gotham Citys überdeutlich an die Furcht vor Bio-Terror, in der von Anthrax verseuchte Briefe nur das geringste Übel darstellen. „The Dark Knight“ spielt mit Folterszenarien, die im Großen und Kleinen so sehr übertrieben werden, dass ihr zweifelhaftes Potential, Gutes mit moralisch verwerflichen Mitteln notfalls erzwingen zu können, von vornherein ins Absurde verzerrt wird. Abu Grhaib und Guantanamo-Bay werden ins Herzzentrum Amerikas verlagert.

Der Kampf gegen den Terror, so deutet es der Film über die gebrochene Identität Batmans an, ist schon verloren, weil er nur gewonnen werden kann, wenn er mit ähnlichen terroristischen Mitteln gegen den Terror geführt wird. Batman muss selbst zum Terroristen werden, um den Terror zu besiegen. 

Ein zum Töten bereiter Rächer, der schließlich aus der Stadt gejagt werden muss, damit ein alles beherrschender Stadtapparat und eine übermächtige Justiz für Zucht und Ordnung sorgen können.

Schließlich spielt „Dark Knight Rises“ mit Fantasievorstellungen von einem wütenden Mob, der sich gewaltsam Zutritt zur Börse verschafft und im Handstreich die Umwälzung finanzieller Weltverhältnisse vom Kapitalismus zum Kommunismus – quasi als simple Umbuchung – erreichen will. Auch wenn es nicht erwähnt wird: Ihr (symbolischer) Held ist der Joker. Lieber unberechenbares, von Menschenhand gemachtes Chaos als staatlich geschützte und von Algorithmen forcierte Anarchie der Finanzmärkte.

Ob man nun die hehren Ziele der Occupy-Bewegung unterstützt oder nicht, in  dem Film wird die zunächst einmal friedliche Kundgebung in eine revolutionäre Vernichtungseinheit des Volkes gegen ihre angeblichen Unterdrücker fantasievoll hochgerechnet.

Keine Frage, Nolans Filme spielen mit politischen Chiffren, mit Aufregungspotentialen. Diese werden aber anders eingesetzt, als das bisher in den Comic-Vorlagen der Fall war. Die politische Realität wird (z.B. als radikalisierte Dystopie) nicht auf die Fantasieebene hinübergeschoben, sondern andersherum wird der Comic-Kosmos in den erlebten Alltag hineingedrängt. Als hätten die Zeichen, mit denen wir der Welt begegnen wollen, um ihre Komplexität in den Griff zu kriegen (daher Superhelden, daher Schurken), die Seite getauscht und als hätten sie sich nun gewaltsam in unsere Realität eingeschrieben.

Das Leben wird zum Comic. Ein gewaltiges Simulakrum, dessen Zustand man optimistisch - im Sinne einer produktiven subversiven Bewegung gegen die Verknechtung durch eine spätrömisch dekadente intellektuelle Elite - oder pessimistisch - im Sinne einer gefährlichen Traummaschine, die soziale und psychologische Pole schlicht nach Belieben vertauscht - deuten kann.

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