25. März 2013

Vom Anfang des Anfangs


Glücklich hielten wir unsere Abiturzeugnisse in den Händen und blätterten melancholisch durch die Jahrbücher. Ach wie fühlten wir uns frei, als wir wenig später entweder für ein wenig mehr Geld in unseren klammen Geldbeuteln arbeiteten oder verträumt auf den Sofas von Vater und Mutter die Zeit an uns vorbeistreichen ließen. Der eine oder andere hatte sich schon entschieden – in der siebten Klasse (Jura, Medizin), in der zehnten (irgendwas mit Medien) oder in der zwölften (Kulturwissenschaften, Nebenfächer: Orientalistik, Romanistik). Wiederum andere entwickelten gloriose Ideen in einem angestrengten Praktikumsversuch. 

Die Bewerbungen waren geschrieben; bürokratische Hürden wurden mit einem Lächeln überwunden, als könnte man noch optimistisch hoffen, dass alles so weiterginge wie einstmals. Irgendwann kam er dann, der Tag, als ein steriles Blättchen im Briefkasten lag. Tränen flossen („Greifswald??? Wo liegt das denn?“), wenn man sich mutig den Hürden der ZVS gestellt hatte. Behutsame Kenntnisnahme regierte, wenn man erfahren hatte, dass man auch noch weitere Jahre im wärmenden Kokon elterlicher Obhut verweilen durfte. Irgendwann erlebten wir ihn alle, diesen ersten Tag des Studiums. Einführungsveranstaltungen, die den Informationswert einer Neun Live Sendung um 23 Uhr besaßen, Fachschaftsstunden, in denen man sich die glühende rhetorische Strahlkraft großer Redner wünschte – und die Fähigkeit der Fachschaftsmitglieder ein fröhliches „Hallo“ in den Hörsaal zu schmettern, ohne dabei gleich eine Power-Point-Präsentation öffnen zu müssen. 

Diese verlorenen Anfangstage, getränkt von saurem Oktober-Regen, ließen uns alleine und verlassen zurück – in Wohnheimen, WGs oder bei neugierigen Eltern mit altklugen Ratschlägen. 

Mancher weinte vor Angst, freilich ohne es zu zeigen. Irgendwie fühlte man sich auf dem Campusgelände wie ein Fremder und geriet allmählich immer intensiver in eine Art kafkaesken Albtraum: ein Formular, noch eines, noch mehr Termine zum Notieren. Wo war der Mensch, der allwissend alles erklären konnte, mit dem honigsüßen Vibrieren in der Stimme, dass doch alles gut werden würde? 

So einige frische Studentenneulinge, als Erstis verspottet, ertränkten ihren Kummer in Alkohol. Und dann standen dort die Gestalten mit den scheinenden Silhouetten der Allwissenheit. Und sie waren keine Kapazitäten, keine großen Redner und obendrein wenig gesprächig. Nein, es waren ganz normale Menschen, die, wenn sie redeten und hilflos mit ihren Armen in der Luft ruderten, um zu erklären, was den studiengebührenzahlungswilligen Studenten bald erwarten sollte – oder vielmehr, was nicht – beinahe unangenehm deutlich an die Lehrerschaft erinnerte, die da vor ein paar Monaten noch auf kläglichem Niveau zum Mittagsschlaf angeregt hatte. 

Oh wie enttäuschend, die Uni, sie war kein Ort des fruchtbaren Wissensaustauschs. Schlimmer, sie war ein unübersichtlicher Ort, verdammt und verwesend, der all die idealistischen Erwartungen auf einem maroden Scheiterhaufen der humboldtschen Wissensideologie zu verbrennen drohte. Aber nachdem dieser gnadenlose Schock verarbeitet war, folgte der nächste:  

Das Wissen in Form von Vorlesungen und Seminaren drohte den wissenswilligen Studenten rüde zu vergewaltigen. Immer mehr zu lesen, immer mehr zu bearbeiten. Aber auch diese Wunden heilten.

Mit einem Tag erkannte der Leidgeplagte, warum er studieren wollte. Es war ein wohliger, illuminierender Moment. Da war dieses Lächeln. Es war möglicherweise ein gequältes, aber ein mitfühlendes. Da war das verbale Kuscheln in der Mensa (über Angst und Schmerz redet es sich besonders angeregt) und dann auch dieses wieder erkennende, liebevolle „Hallo“, „Grüßgott“ oder „Moin“ am nächsten verregneten Tag, das vermitteln wollte: Du bist nicht alleine. 

Das war der Weg, und all die einsamen Seelen, die einfach alles hinter sich gelassen hatten, was ihnen nur irgend lieb und teuer war, erkannten den verschwindend winzigen Sinn des universitären Alltages. Sanft glitt das schöne Gefühl des lieblichen Miteinanders über die aufgeregte Angst des Neuanfangs. Das Mensaessen verwandelte sich vom trockenen Fraß zum Fünf-Sterne-Menü, der langweilige Professor wurde zum Opfer dieses übelebenswichtigen Spottes über all das, was bekümmert. Man fand sich in Bibliotheken wieder oder am Schreibtisch vertieft in einen verstaubten Wälzer über mediävistische Phonetik. 

Es ist der universitäre Alltag, der Arbeit verlangt, aber auch Freuden des mitmenschlichen Umgangs prägt. Neben all den Anfangsschwierigkeiten und Anfangsbefürchtungen gewinnt die Freude über den Austausch von Wissen und Erkenntnissen. Und es bleibt die unerschütterliche Wahrheit, mit der wir auch schon das melancholisch stimmende Abiturjahrbuch betrachtet haben: Es geht nicht so sehr darum, sich von irgendwelchen Menschen etwas sagen zu lassen, die den einzigen wichtigen Gedanken, den sie je hatten, festhalten wollen und ihn deshalb mit egoistischer Präzision weitervermitteln, sondern um Freundschaft und Gemeinschaft. 

Es geht um den Menschen. 

(In Erinnerung an eine nun an die Vergangenheit übergebene Zeit, zur Tröstung vor vielen Jahren in Wohnheimen ausgehängt.)