27. Januar 2011

Das Gesetz der Begierde (2)

Das Sexuelle giert nach Details. Es fokussiert sich auf Augen, Füße, Haare, Bauchnäbel, Flüssigkeiten, Wunden, Kleidungsstoffe. Kurzum: Das Sexuelle sucht im Fetisch nach dem Höhepunkt. Aber noch einmal: ob es Mutters Brüste, Vaters Worte, die nackten Füße des Kindermädchens an Sommertagen oder die Gelüste am eigenen Stuhlgang sind – die Herkunft der Begierde verharrt im Nebulösen. Dieses Geheimnis ist die Stärke des Sexuellen.

Seine Stärke markiert aber auch die Schwäche ihres Trägers. Das Sexuelle will gleichzeitig verwirklicht und abgetötet werden. Warum? Es entspinnt verführerisch einen Leitfaden für die perfekte sexuelle Choreographie. Zugleich will es aber inszeniert werden, immer und immer wieder! Wird seine Traumdramaturgie auch nur ansatzweise erfüllt, zeigt sich, dass der Idee nur ein schwächliches Szenario folgen kann. Post coitum omne animal triste est. Das Verlangte zeigt keine Wirkung. Und wenn es Wirkung zeigt, dann will es sofort wiederholt werden. Aber je öfter die Wiederholung erfolgt und je geringer die Abstände der Wiederholungen sind, desto weniger Befriedung bleibt. So entsteht der Wunsch, das Sexuelle, diese stotternde, alte Maschine, endgültig abzuschalten.

Das Glück liegt im Einfachen, sagen die Alten. Das Glück ist Mitläufer der Varianz, sagen die Ratgeber. Dazwischen hat sich das Sexuelle eingerichtet. Es ist nicht eine, sondern die Wahrheit der eigenen Triebnatur. Es ist nicht ein Teil des aufgenommenen fremden Wunsches und ein Teil des selbst entwickelten Wünschens, sondern das Dazwischen. Das Sexuelle ist Trenn- und Marklinie zugleich. Man kann es nicht loswerden; es diktiert die Wünsche selbst dann noch, wenn die Werkzeuge für die Aufführung längst verrostet sind.