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Prolog

In Honig getaucht

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Mein lieber Sohn,  ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich einst in der gleichen Situation war wie du jetzt. Diese freudige und zugleich spannungsreiche Erwartung. Das Bangen, ob alles genau so abläuft, wie es zuvor besprochen und erhofft wurde. Es kommt eh alles anders, als man denkt. Das ist jetzt aber nicht wirklich ein Ratschlag, sondern eine fürchterliche Binsenweisheit, höre ich dich sagen. Natürlich! Aber genau das bedeutet es ja, Mutter und Vater zu werden: sich auf etwas einzulassen, das nicht planbar ist. Du kamst auf den letzten Drücker auf die Welt, mein Sohn. Als hättest du gar keine Lust gehabt, aus deinem wonnig-warmen Nest zu schlüpfen. Warum auch? Im eisigkalten Winter fällt es doch viel schwerer, zum ersten Mal die Augen zu öffnen und nach Luft zu schnappen. Du hast es dann doch gewagt, auch wenn du deiner Mutter und mir erst einmal viel Angst eingejagt hast. Darauf musst du dich nun auch einstellen: Die Furcht wird zu deiner alltägli...

Kakerlaken glotzen

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Eine ganze Nation wärmt sich am Fernsehlagerfeuer, wenn RTL alljährlich „Ich bin ein Star - holt mich hier raus!“ sendet. Dass es sich um einen harmlosen Spaß ohne Folgen handelt, ist allerdings ein gefährlicher Irrtum. Warum nur berichten so viele geradezu ekstatisch vom RTL-Dschungelcamp - gibt es nicht wichtigere Themen, die dieses Land bewegen? Sicher gibt es die. Aber der Erfolg dieses eigenartigen Sendeformats ist, dass es trotz Medientamtams massiv unterschätzt wird. Eigentlich sollte man annehmen, dass es sich hier um einen weiteren Tiefpunkt in der nach unten offenen Skala des Selbstentwürdigungstheaters handelt, das die Privaten und besonders RTL seit Jahren kultivieren. Aber das wäre zu einfach. Längst wärmt sich eine ganze Nation an diesem Fernsehlagerfeuer. In der Spitze sehen bis zu 9 Millionen Menschen dem bunten Treiben im australischen Regenwald zu. Oder ist es doch nur ein gigantischer Container in Köln/Hürth? Jedenfalls bescheren die Zuschauer RTL vor a...

Schlüssellochperspektive

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Zoom, zoom

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Eisberg voraus!

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Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen

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Gerade einmal 428 Tage liegen zwischen der Erstausstrahlung des Pilotfilms von „Twin Peaks“ und der letzten Folge der (zunächst finalen) zweiten Staffel. Dann war 1991 auch schon Schluss, nach nicht einmal 30 Episoden.   Zwischen der tot in Plastikfolie eingewickelten Laura Palmer und FBI-Agent Cooper, dem im Spiegel das absolut Böse (BOB) entgegenlacht, schrieben David Lynch und Mark Frost Fernsehgeschichte. Die Serie wurde zum popkulturellen Phänomen, das selbst Queen Elizabeth II. brennend interessierte. Aber sie war dem ausstrahlenden Sender ABC nicht geheuer. Erst pochte man auf eine schnelle Auflösung, wer die Schulschönheit ermordet hat, schließlich empfand man die Mischung aus absurdem Drama und Kirschkuchen-Kitsch als zu ausufernd, um fortgesetzt zu werden.  Doch auch wenn „Twin Peaks“ vom Schirm verschwand, die Anhänger wollten nicht loslassen. Sie hielten das fiktive Städtchen mit angeblich 51.201 Bewohnern, deren faszinierendste Vertreter man einige Stunden la...

Schwindelfrei

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Auf dem Spielplatz habe ich es festgestellt: Es geht nicht mehr mit dem Schaukeln. Jedenfalls nicht mehr wie früher.  Rückblickend fühlt es sich an, als hätte ich fast meine gesamte Kindheit durchgeschaukelt. Welche Freiheit und Ruhe darin steckten, sich auf einen Schaukelstuhl im Grünen zu schwingen, ihn hin und her zu wippen. Der sanfte Wind um die Ohren, die Beine hoch und runter, die Hände fest an den Ketten (im Winter waren sie immer zu kalt, aber das war egal). Es ist pure Physik, und doch fühlte es sich gerade so an, als würde man für einen pendelnden Moment die Schwerkraft aus den Angeln heben.  Wenn ich einst so hoch wollte, wie es der Balken zuließ, so ist heute früh Schluss. Springe ich ab, ereilt mich ungelogen auf der Stelle ein Schwindel. Der lässt sich auch nicht so leicht abschütteln, ich muss regelrecht Stand suchen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der wippende Spaß, er ist dahin. Das Alter wird mir zentnerschwer bewusst.  Natürlich gibt ...

Chimärenauflösung

Aufklärung: Erkenntnis durch Desillusionierung, nicht Befreiung durch Ideen.

Blinder Fleck

Gewalt und Unglück entstehen oft nicht aus Bosheit, sondern aus Gleichgültigkeit und Erschöpfung.