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Geplant planlos, gleichsam Wildwuchs

Diesen Blog würde es in dieser Form nicht geben, wenn ich nicht irgendwann Michel de Montaigne für mich entdeckt hätte. Seine Vorstellungen, wie man das Leben schreibend bewältigt - der Nachwelt in seinen zurecht berühmten „Essais“ hinterlassen -, hat mich tief geprägt und meinen Wunsch gestärkt, selbst eine Sprache zu finden, wie man mit dem Wuchern des Wahnsinns auf dieser Welt umgehen kann. Während mir das essayistische Denken nicht eben zuletzt wegen Montaigne zum Vorbild für selbstbewusste Reflexion wurde, beeindruckte mich vor allem auch die in all seinen Schriften sichtbare Konzentration auf den Umstand, dass jedes noch so unschuldige Hinterfragen des eigenen Handelns nur zu einer Frage führen kann: „Wie soll ich leben?“ Die Schriftstellerin Sarah Blakewell hat sich dieser im Grunde in jedem der „Essais“ von Montaigne mitschwingenden Fragestellung angenommen und in einem scharfsinnigen, biographischen Büchlein („Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Fra...

Die Liebe einer Blondine

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Eine Industriesiedlung irgendwo bei Prag: Ein junges Mädchen, das in einer Schuhfabrik arbeitet, leidet an ihrem aufregungsbefreiten Leben und an der langweiligen Auswahl an Männern, die ihr den Hof machen. Nicht einmal die versprochene Aussicht auf einige ausgehungerte Rekruten, die das kleine Dorf beehren wollten, erfüllt sich. Stattdessen steigen zaghafte Jungsoldaten aus dem Zug und versagen auf einem eilig zum Austausch von Freundlichkeiten veranstalteten Ball daran, ihre schlaffen Körper in Bewegung und ihre amourösen und erotischen Wünsche in Wallung zu bringen. Ein junger Jazzpianist hat da weniger Skrupel. Er spricht die schüchterne Kindfrau, die von der großen Liebe träumt (und doch schon den einen oder anderen Mann mit ihrer melancholischen Unschlüssigkeit von sich gestoßen hat), an und überredet sie, bei ihm zu übernachten. Der ernüchternde Akt wird schnell abgehakt, wenngleich eine sich abrollende Markise selbst das noch fast verhindert hätte. Immerhin bleibt ihm...

Schwarzes Loch

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Das Gefängnis existiert gleich zweimal. Es gibt das dunkle, metallverhangene Verließ, in dem viele zu Recht verurteilte Verbrecher und einige wenige zu Unrecht inhaftierte Pechvögel einsitzen. Und es findet sich jene Strafkolonie als Dunkelwolkenschloss in den Gedanken der Menschen, die noch nie einen solchen Bau von innen gesehen haben - und sich vielleicht wünschen, dass sie ihn niemals sehen werden.  Für die einen ist es ein Ort ohne Ausgang, für die anderen ein Ort ohne Eingang. Natürlich hatte Foucault recht: Es sind die Armen und Verrückten, die eingesperrt werden. Aber in den Gefängnissen können sich die Geschundenen und Geschnittenen auch vor der Gesellschaft sicher fühlen, die sie erst ausschließen wollte und nun wegen ihrer frevelhaften Taten wegschließen konnte. Wahrscheinlich fliehen mehr Menschen in den Bunker, als dass sie aus ihm heraus entkommen. Manchmal, aber eher selten, befreit die Zeit im Gefängnis von den Sorgen des Alltags, denn hinter Gittern gibt...

Vorsatz

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Im Kino gewesen. Gelächelt.

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Eigentlich gibt es für Männer nur einen Grund, ins Kino zu gehen: Frauen zu beobachten, um sie dann stillschweigend anzubeten. Die Welt ist ein schlechterer Ort, seit die Menschen nicht mehr oft ins Lichtspielhaus gehen.

Tatsächlich Liebe

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Aufgehängt

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Ins Netz gegangen

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The Revolution Will Not Be Televised

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Hauptsache Sitzplatz

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Regengezerr

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The Killing Joke (5)

Die wechselseitige Abhängigkeit und die ins Wanken geratene Sicherheit über die Eindeutigkeit zwischen Gutem und Bösem, geistiger Gesundheit und Krankheit wird nur zum Teil auf der erzählerischen und figurenpsychologischen Ebene in der Batman-Trilogie von Christopher Nolan demonstriert. Der Besetzungscoup, Christian Bale als Darsteller Bruce Waynes und damit Batmans zu gewinnen, ist nicht nur deshalb konsequent, weil den Schauspieler eine beispiellose mimische Kühle bei gleichzeitiger körperlicher Dominanz auszeichnet, sondern weil er auch die Hauptrolle in der Verfilmung des vielleicht erschreckendsten Serienkiller-Romans der letzten Jahrzehnte gespielt hat: „American Psycho“. Den blutgierigen Gewalttäter Patrick Bateman verkörperte Bale mit einer ebensolchen Kühle und Eleganz wie Bruce Wayne. Und die Unterschiede zwischen dem von Schein und Geltungssucht besessenen Bateman und Batman verschwimmen nicht nur mit dem einen verschwundenen Buchstaben, sondern sie sind auch mit de...

The Killing Joke (4)

So sehr es den Anschein hat, dass es sich bei der Figurencharakterisierung in Nolans „Batman“-Trilogie um eine offensichtliche Vertiefung im Vergleich zu den Comics handelt, unterliegt der Zuschauer hier einem Fehlurteil. Die Filme arbeiten ganz bewusst mit einer – allerdings klug gewählten – Oberflächenpsychologie, die Figuren ins Zentrum der Handlung stellt, die weder eine im Verlauf der Erzählung erörterte Vergangenheit haben, noch eine Persönlichkeitsentwicklung durchmachen, die nicht bezogen ist auf die Leidens- und Heldengeschichte Batmans. Sollten nicht Details der eigenen Biographie die Motivation eines Gegners des dunklen Ritters erklären, für Zerstörung zu sorgen (wie z.B. bei Bane in „The Dark Knight Rises“), so sind sie nicht von Belang und werden ausgespart. Auch die Verbündeten Batmans (der kauzige Butler und Ersatzvater Alfred Pennyworth, der ernste Commissioner James Gordon, die aufrechte Rachel Dawes, der loyale Lucius Fox) verfügen über keine eigenen nennens...

The Killing Joke (3)

Immer fand sich zwischen dem verzweifelten Bösen in den Batman-Comics und der nüchternen Realität einer Verbrecherwelt hinter den Spiegeln, die mit Gefängnis, Todesspritze oder Waffengewalt in Schach gehalten werden kann, eine Demarkationslinie, die nicht überschritten werden durfte. So düster dieser Fledermausmann auch sein mochte, seine Identität als (Super-)Held leuchtete trotz aller Zweifel genauso hell auf wie das Emblem auf der dunkelgrauen Brust seines Kostüms. Diese Sicherheit – die den Comics identitätsstiftenden Charakter verleiht – wird in der Batman-Trilogie von Christopher Nolan mit unterschiedlicher Gewichtung in den drei Filmen aufgegeben.  Die Mitternachtsvorstellung im Kino in Aurora war ausverkauft. Viele Menschen freuten sich darauf, einige der wenigen zu sein, die den neuen Batman-Film noch vor dem offiziellen Filmstart sehen können. Sie hatten sich mal schräg und mal ernsthaft verkleidet und imitierten ihre Helden. Viele trugen Batman-Capes oder hatten sich...

The Killing Joke (2)

Der frühe Tod Heath Ledgers, der „The Dark Knight“ mit großer spielerischer Leidenschaft seinen Stempel aufdrückt, sollte nicht dazu verführen, die eigentliche Meisterschaft des Films (nur) in der differenzierten Darstellung der allseits bekannten Charaktere zu sehen. Vielmehr fasziniert die Form des Films, die sich geheimnisvoll und konsequent an der gebrochenen Identität ihrer Helden orientiert und deshalb weit über all das hinausgeht, was es bisher in diesem Genre zu sehen gab. Aber es ist höchstwahrscheinlich Ledgers schauspielerisches Vermächtnis, das den Film berüchtigt machte. Man muss Jack Nicholson vor Augen haben, wenn man an Heath Ledgers Interpretation des Jokers denkt. Man muss an die irrsinnigen Verrenkungen denken, die dem Joker in den Comics ins Gesicht fahren. Der Wahn des Jokers entlädt sich in den bunten Bildern immer erst auf den zweiten Blick, wenn ihm schon nicht mehr abgenommen wird, dass er es bitterernst meint.  Dann ist er nicht nur einer der ...

The Killing Joke (1)

Vor sieben Jahren habe ich einen Essay begonnen, den ich nicht zu Ende geschrieben habe. Am 20. Juli 2012 machte sich der damals 24-jährige James Eagan Holmes in Aurora als Clown kostümiert auf den Weg zu einem der großen Cineplexe. Dort lief gerade die erste Vorstellung von „The Dark Knight Rises“, dem letzten Teil der drei von Christopher Nolan gedrehten Filme über den dunklen Ritter. Holmes hatte eine Flinte, ein Selbstladegewehr und eine Pistole dabei. Er verschaffte sich Zutritt zum Kino, zündete eine Tränengasgranate und schoss willkürlich auf die Menschen, die sich eigentlich auf einen unterhaltsamen Abend gefreut hatten. Sie bezahlten ihn mit ihrem Leben.  Diese erschreckende Bluttat korrespondierte mit dem Höhepunkt eines neu entflammten Batman-Fiebers. Ich habe mich damals gefragt, ob die hyperreale Darstellung der Comicwelt in Nolans Filmen möglicherweise ein Spiegelbild für einen gesellschaftlichen Wandel sein könnte, der sowohl auf ästhetischer wie auf politischer Eb...

Ikigai oder: Das, wofür es sich zu leben lohnt

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  Ikigai ist eine japanische Form der persönlichen Suche nach einem Grund, warum es sich lohnt, morgens aufzustehen. Übersetzt verbindet es die Begriffe „Freude“ und „Lebensziel“. Wer sein individuelles Ikigai irgendwann in seinem Leben gefunden hat, entwickelt - so die Theorie - eine Lebensfreude, die sich auch von dunklen Wolken nicht vertreiben lässt.  Natürlich bleibt offen, welche persönlich entwickelten und welche gesellschaftlich vorgegebenen Ideale idealerweise verschmelzen bzw. jeweils bis zu einem bestimmten Punkt an das andere angepasst werden müssen, um zu einem solchen Ikigai zu gelangen. Der Begriff bezeichnet sowohl jene Gegenstände, die zu einem Zustand führen, der so etwas wie einen Lebenssinn selbstverständlich macht, als auch das Erreichen dieses Ziels. Die konkrete Grundlage für dieses spezifisch japanische Phänomen der Selbstfindung, das bereits im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, aber sich erst in den letzten Jahrzehnten zu einem „phil...

Memento mori

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It's A Mad, Mad, Mad World

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  Es mag wie eine Kapitulation vor den immer mieser werdenden (ökonomischen) Umständen anmuten. Doch in Wahrheit hat sich „Mad“ nur den größten aller Jokes für den Schluss aufgehoben. In dem Moment, in dem die Welt exakt zu jener Parallelgalaxie des Schwachsinns geworden ist, die „Mad“ mit Spott und subversiver Verve gegen die unerträglichen politischen und kulturellen Zwänge des vergangenen Jahrhunderts herbei fantasiert hat, streckt es die Waffen.  In diesem Jahr wird in den USA wohl die letzte Ausgabe des legendären Satire-Magazins erscheinen. Ein langjähriger Mitarbeiter verriet es in einer privaten Facebook-Gruppe, ein Blogger las mit - und nun ist die Katze aus dem Sack. Das lange Zeit auf billigem Papier und ausschließlich in Schwarz-Weiß gedruckte Blättchen zelebrierte mehr als ein halbes Jahrhundert Zoten, delektierte sich an der Lust der Leser, nichts und niemanden zu Ernst zu nehmen. Das kam an. Mehrere Generationen wuchsen mit den skurrilen Onomatopoes...

Der Entscheidungsspieler

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Kaum ein Spieler beim FC Bayern München hat die erfolgreiche Ära der letzten Jahre so sehr geprägt wie Arjen Robben. Mit seinem unvergleichlichen Tempospiel und einem fast unheimlichen Ehrgeiz machte er mehr als einmal den Unterschied aus. Nun beendet der Niederländer seine Karriere. Man wird ihn vermissen. Denn Spieler mit seinem Temperament sind im Fußball rar geworden.  Es gibt Fußballspieler, die auch aus einer Entfernung von mehreren hundert Metern sofort wiedererkannt werden können. Sie bewegen sich auf eine ganz eigenständige, man möchte fast sagen magische Art und Weise über den Platz. Sie preschen druckvoll über den Rasen - wie Cristiano Ronaldo. Sie hüpfen von einem Gegner zum nächsten, den Ball am Fuß, als würde er von einem Magneten angezogen - wie Lionel Messi. Oder sie dribbeln wie ein ehrgeiziges Kind, das es jedes Mal als Kränkung empfindet, die Kugel zu verlieren, von einer Linie zur nächsten - wie Arjen Robben. Der niederländische Offensivspezialist ist ...