Der Entscheidungsspieler

Kaum ein Spieler beim FC Bayern München hat die erfolgreiche Ära der letzten Jahre so sehr geprägt wie Arjen Robben. Mit seinem unvergleichlichen Tempospiel und einem fast unheimlichen Ehrgeiz machte er mehr als einmal den Unterschied aus. Nun beendet der Niederländer seine Karriere. Man wird ihn vermissen. Denn Spieler mit seinem Temperament sind im Fußball rar geworden. 


Es gibt Fußballspieler, die auch aus einer Entfernung von mehreren hundert Metern sofort wiedererkannt werden können. Sie bewegen sich auf eine ganz eigenständige, man möchte fast sagen magische Art und Weise über den Platz. Sie preschen druckvoll über den Rasen - wie Cristiano Ronaldo. Sie hüpfen von einem Gegner zum nächsten, den Ball am Fuß, als würde er von einem Magneten angezogen - wie Lionel Messi. Oder sie dribbeln wie ein ehrgeiziges Kind, das es jedes Mal als Kränkung empfindet, die Kugel zu verlieren, von einer Linie zur nächsten - wie Arjen Robben.

Der niederländische Offensivspezialist ist schlichtweg allein das Eintrittsgeld fürs Stadion wert. Nicht nur weil er auch mit weit mehr als 30 Jahren noch eine Jugendlichkeit ausstrahlt wie sie manche Nachwuchsspieler schon nach ihrer ersten Saison im Oberhaus des Fußballs vermissen lassen. Sondern weil er mit geradezu unheimlichem Antrieb, wild mit den Armen rundernd, dem Tor entgegenzischt, stets darauf bedacht, Abwehrspieler zu umkurven, Gegner auf sich zu ziehen und so Löcher im Strafraum zu provozieren. 

In Robbens Gesicht zeichnet sich etwas ab, das bitter wirkt: ein wenig Zorn, viel Konzentration und ein Quantum Überheblichkeit. 

Man hat Robben diese beunruhigende Emotion, die 90 Minuten lang anhält und sich gleich nach dem Abpfiff beim Interview mit den Fernsehreportern in ein kieksendes Lachen verwandelt, als lästige Pikiertheit vorgeworfen. Dieser Stürmer ist beleidigt und verstimmt, weil seine Kunst kaum gewürdigt wird. Oder weil die Mitspieler nicht mit ähnlicher Triebenergie über den Platz hetzen. Möglicherweise ist Robben aber auch seltener mit sich zufrieden als alle anderen, weil für ihn andere Ziele zählen als für die meisten Fußballer.

„Aleinikov“


Die hielten ihm - vor allem seit seiner erfolgsverwöhnten Zeit beim FC Bayern München - oft vor, egoistisch zu agieren, nur das eigene Spiel vor Augen zu haben. Der eher giftige Spitzname „Aleinikov“ fand seinen Weg aus der Kabine der Münchner an die Öffentlichkeit. Das ist insofern unfair, als dass der Niederländer mit seiner Technik und seinem Tempo oft erst die Räume für andere Mitspieler eröffnet und so viel zur Torgefahr des Rekordmeisters beiträgt. 

(Man erinnere sich nur, mit welchem Knalleffekt der Stürmer in München nach seiner Verpflichtung im Spätsommer 2009 einschlug: Gleich im ersten Bundesligaspiel gegen den Vfl Wolfsburg erzielte er zwei Tore, harmonierte nur Minuten nach seiner Einwechslung bereits mit dem anderen Weltstar im Team, Ribéry, als hätten beide schon ewig miteinander gespielt.

Trainer Louis Van Gaal gelang mit dem Transfer Robbens auch ein genialer Trick, denn das Team hatte zur damaligen Zeit sichtbare Schwächen in der Abwehr - ein Erbe aus der glücklosen Trainerzeit Jürgen Klinsmanns - und der exzentrische Holländer löste dieses Problem, in dem er im Verbund mit Ribéry mit einer Flügelzange, später treffend als Robbery getauft, den Schwerpunkt im Mittelfeld neu verlagerte, und das Spiel so schneller und variabler machte.)

Es hat aber durchaus seine Berechtigung, weil Robbens Virtuosität sehr stark davon lebt, dass pausenlos, bis zum Verlust aller Leibeskräfte, der Weg zum Tor gesucht wird. Bedingungslos und im Vollsprint. Robben ist schneller als seine Gegner, immer. Auch wenn die Beine inzwischen schwerer geworden sind. 

Dabei gelingt ihm auf nahezu unglaubliche Art immer wieder ein Narrenstreich, den längst die halbe Fußballwelt kennt. 

Der Linksfüßer, der von Louis Van Gaal nach seinem Transfer aus Madrid bei den Bayern auf der rechten Seite als Amalgam aus Offensivantreiber und Flügelstürmer fest installiert wurde, dribbelt die Linie entlang, lässt seine Gegner aussteigen, rückt scharf nach links ein und zieht - oft ins linke Eck - ab. Die Tore, die ihm auf diese Weise gelangen, kann man nicht mehr zählen.


Obwohl also jeder Verteidiger längst die Finte kennt, bleibt den meisten nur das Nachsehen. Man könnte zu dem Eindruck gelangen, dass Robben nur Glück hat, wenn er diesen signature move vollführt, oder dass er als Spieler wegen der Repetition dieser Ballstafette technisch eigentlich eher limitiert ist, gerade im Vergleich zu Rasenzauberern wie Neymar oder Mbappé. Doch das wäre eine plumpe Beobachtung.

Höchstmaß an Adrenalin


Die Kunst dieses Ehrgeizlings ist es, seine Fähigkeiten optimal und auf den Punkt einsetzen zu können, Wiederholungschleifen mit kaum sichtbaren Variationen zu produzieren und zu brennen für den Sieg wie kein anderer. Eine erst auf den zweiten Blick melancholisch stimmende Form des rasiermesserscharfen Minimalismus.

Robben begreift den Fußball scheinbar als Kampfzone, die nicht nur mit dem Kopf und mittels Taktiktafel, sondern vor allem auch durch Herz und Hornhaut an den Füßen entschieden wird. Dem Stürmer gelangen so in seiner Karriere, vor allem auch beim FC Bayern München, entscheidende Tore in Situationen, bei denen anderen Spielern die Nerven mürbe und der Körper schlaff geworden waren.

Robben lauert nicht wie andere auf den richtigen Moment oder die Lücke zum Torschuss, er hört nur einfach nicht auf zu laufen - wie zum Beispiel bei seinem schier unglaublichen Bayern-Siegtor im Pokalhalbfinale 2010 gegen Schalke 04, als er in der Verlängerung in der 112. Minute mehr als 80 Meter über den Platz sprintete, vier Gegner ausspielte und nach einer wendigen Drehung im Strafraum schließlich  mit purer Willenskraft den Ball im Netz versenkte.



Es muss kaum mehr betont werden, wie wichtig Robben für den FC Bayern München war, und dass es tatsächlich eine Frage des Respekts ist, dass der Verein ihm auf den letzten Metern in München noch einmal die Chance gibt, außer Konkurrenz zu spielen.

Seine spielentscheidenden Tore haben sich eingebrannt im Gedächtnis der Fußballfeinschmecker. Zum Beispiel das 2:1 im Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund im Jahr 2013, als er fast in der letzten Spielminute über zwei Verteidigerbeine schwebte und den Ball am herauseilenden Torwart Weidenfeller mit dem Hauch einer Fußspitze vorbeizirkelte. Oder der glückliche Anschlusstreffer im Champions-League-Viertelfinale gegen Manchester United 2010, als die Münchener schon nach wenigen Minuten rettungslos mit 0:3 zurücklagen und Robben nach einer passgenauen Ecke von seinem kongenialen Partner Ribéry mit einem rustikalen und doch artistischen Volleyschuss das Weiterkommen sicherte.

Robben und die Elfmeter


Es bleiben aber auch seine zuweilen sinnlosen Sololäufe in Erinnerung, wenn Robben sich ein ums andere Mal wieder im Dribbling um Kopf und Kragen spielte. Zudem reizte der robuste Spieler seine Gegner schon mehr als einmal zur Weißglut, wenn er nach einem kleinen Zupfer im Strafraum theatralisch, mit schmerzverzerrtem Gesicht und hilflosem Blick zum Schiedsrichter zu Boden fällt. Wie viele Elfmeter hat der Niederländer so schon geschunden? Und die meisten davon, das belegen die Fernsehbilder, sind gerechtfertigt - weil Robbens Bewegungsradius dynamischer, unberechenbarer ist als die hilflosen Defensivaktionen seiner Widersacher. 

Der Elfmeterpunkt hätte allerdings vor mehreren Jahren auch für einen tiefen Bruch in der Beziehung zwischen dem bajuwarischen Erfolgsverein und dem selbstsicheren Robben führen können. Unter Jupp Heynkes, der ihn mit vielen Gesprächen und dem richtigen taktischen Gespür dazu brachte, auch in der Defensive konsequenter mitzuarbeiten (wovon die Mannschaft noch unter Pep Guardiola profitierte), verschoss er gleich zwei bedeutende Elfmeter, einmal folgenlos im Champions-League-Halbfinale in Madrid 2012 und dann auch noch folgenschwer im Finale gegen Chelsea London in der Allianz Arena. Die Bayern verpassten denkbar knapp den historischen Triumph im eigenen Stadion und Robben wurde fortan ausgebuht von den eigenen Fans, die ihm zuvor stehenden Beifall spendeten.

Der Beleidigte zeigte sich störrisch, blickte sich auf dem Transfermarkt um - und blieb trotzdem. Ein Glücksfall für Robben, weil er beim FC Bayern alle Möglichkeiten für sein kraftraubendes, enervierendes Spiel vorfand und das Spielsystem mit einem Stürmer und einer eher defensiv agierenden Sechserkette perfekt auf ihn zugeschnitten ist. Aber auch ein Glücksfall für den Verein, weil Robben mit Leistung und Willensbereitschaft zurückzahlte.

Verletzungspech


Wenn da nicht die Verletzungen wären. Noch bevor Robben 2009 nach München wechselte, wurde ihm die Fragilität seiner Muskeln und Bänder bei seinen Stationen in Eindhoven, Chelsea London und Real Madrid zum Verhängnis. Immer wieder folgten längere Pausen, Knie und Waden schienen schon in jungen Jahren in Mitleidenschaft gezogen.

Robben wurde zum glass man getauft. Kaum einer wollte ihm eine Karriere als Weltklassespieler voraussagen, zu sehr drohte die Gefahr, dass die Knochen ihren Dienst versagen. Der Niederländer hat diese Verletzungsanfälligkeit, die in der Zwischenzeit bei den Bayern kaum noch zu sehen war, inzwischen aber wieder häufiger kontinuierliche Platzaktivitäten einschränkt, nie schwermütig hingenommen.

Im Gegenteil: Robben kam nach jeder nervenaufreibenden Blessur nur noch gestärkter auf den Platz zurück, erlebte sichtbar für die Fernsehkameras jeden Einsatz als Geschenk und jeden Spielzug als richtungsweisenden Schritt auf dem Weg zum Erfolg. So sehr Robben vom Erfolg verwöhnt worden ist, so tragisch muten manche Momente seiner Laufbahn an, etwa als er freistehend vor dem spanischen Torwart Casillas in der Verlängerung des WM-Finales 2010 in Südafrika vergab und so den sicher verdienten Sieg für Oranje verspielte. 

Eigentlich könnte Robben zu den ganz Großen gehören - und doch wird seine Lust am Spiel, die einen Schauwert über das Match hinaus besitzt, eher belächelt. 

Weltmeister mit Holland wird der unnachgiebige Stürmer nun nicht mehr werden. Robbens Stärke aber, die viel zu viele Gegenspieler und Konkurrenten um einen Stammplatz lange unterschätzten, ist sein nahezu unheimlicher Wille, voranzugehen, zu laufen, zu dribbeln, nach innen zu ziehen und irgendwie den Ball ins Eck zu schießen. Das muss ihm nun, da er seine Karriere beendet hat, erst einmal einer auf dem Niveau nachmachen. 

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