Wilde Erdbeeren

Heute vor 60 Jahren kam „Wilde Erdbeeren“ ins Kino. Als ich diesen schonungslosen Film zum ersten Mal gesehen habe, hat er mich tief beeindruckt und wohl auch verändert. So sehr wie nur wenige Filme davor und danach. Er ist, wie ich finde, Ingmar Bergmans bedeutendster Beitrag zum europäischen Kino. 

Was dieses psychologische Drama mit surrealistischen Zügen aber vor allem auszeichnet, sind gar nicht so sehr ästhetische Kriterien. Dieses Traumspiel um Leben, Tod, Liebe, Gott, Familie, Kindheit, Reifung, Verfall, Freundschaft, Vertrauen, Verbitterung, Gemeinschaft, Einsamkeit und ein paar Erdbeeren, die mehr sind als nur eine banale Metapher, legt es darauf an, Menschen zu verändern, ihnen den Spiegel vorzuhalten, sie gar radikal in Frage zu stellen. Und deshalb bin ich mit meiner Vorstellung des Films auch ganz gewiss nicht alleine. 



Die Ernsthaftigkeit der hier vorgeführten existenziellen Fragen wird nie zum Selbstzweck. Stellvertretend dafür stehen eindrucksvoll inszenierte Traum-Sequenzen (neben der Todesahnung, die ihre vulgärpsychoanalytische Volte vor allem durch perfekte Kameraperspektiven und präzisen Schnitt überstrahlt, erinnere ich mich mit Schaudern an die natürlich bei Freud abgeschaute Schulfolterimagination) und jene Dialoge voller seelischer Grausamkeit, für die Bergman zurecht berühmt ist. Hier aber sind sie nicht nur brillant geschrieben und gespielt, sie dienen allesamt, ob sie nun drastisch sind oder zärtlich, nur der Enthüllung dieser taumelnden Marionetten - und vor allem der beispielhaften Darstellung eines entfremdeten Individuums.

Kurz gesagt geht es darum, dass ein Mensch noch mit den letzten Atemzügen seines Lebens die Möglichkeit bekommt, Einsicht zu finden. Wenn er auf sich und seine Träume hört. Und wenn er den Menschen in die Augen blickt, die ihn umgeben. 

Derart sensibilisiert für das Sosein (oder viel mehr das Sogewordensein) gibt es sogar die Chance, das zumindest legt  der schwedische Regisseur mit seinem zutiefst humanistischen Werk nahe, um Vergebung für die eigenen Fehler zu bitten. Das ist ein großer Trost. Möglicherweise der größte, der sich vorstellen lässt.

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