1. Mai 2017

Die Unfähigkeit zu trauern

Am 14. Oktober verschwinden von einem Moment auf den anderen 170 Millionen Menschen. Exakt zwei Prozent der Menschheit. Keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. Niemand weiß eine Antwort darauf, warum es die einen aus der Welt geworfen hat und die anderen nicht. In einigen Städten gibt es nicht eine Person, die vermisst wird, in anderen Orten werden ganze Familien radikal dezimiert.


 

Irgendwann einigen sich die Verbliebenen, die keine plausible Erklärung für das Ereignis finden, von einer plötzlichen Entrückung zu sprechen. Ein Forschungsinstitut wird gegründet, das statistisch erfassen soll, was all die Verschwundenen gemeinsam hatten. Viele wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer. Kommen ihre Lieben, ihre Freunde, ihre Nachbarn wieder zurück? Getrauert werden kann nur um Tote, nicht um Verschwundene…

Wie mit den Zweifeln umgehen?


Doch der Alltag muss für die Zurückgelassenen weitergehen. Arbeit muss getan werden, Kinder müssen erzogen werden, Einkäufe sollten erledigt werden. Irgendwann wachsen die Zweifel: Warum bin ich noch da? Verschwanden die Menschen, weil sie reineren Herzens waren und von Gott erlöst wurden? Oder wurden sie als Sünder in die Hölle geschickt? Warum aber entflohen auch Babys, manche gar als Säuglinge aus dem Mutterleib?

Die meisten versuchen das Leben zu nehmen wie es ist. Auch wenn das schwer fällt. Nach einiger Zeit fällt der Glaube daran, dass es irgendwie weitergehen kann, nicht mehr ganz so schwer wie zunächst. Doch nicht alle wollen sich dieser Vorstellung, trotz des Verlustes einfach so zu tun, als wäre nichts passiert, beugen. Die Kirchen erhalten nicht mehr, sondern weniger Zulauf. Obwohl sich doch mit der plötzlichen Entrückung jene christliche Lehre wie aus dem Nichts zu bewahrheiten scheint, dass vor der Wiederkunft von Jesus Christus die Gemeinde in den Himmel „abgeholt“ wird - und für die Hinterbliebenen Jahre der Trauer warten. Aber die Skepsis gegenüber Gott scheint, einmal in der Welt, nicht mehr rückgängig zu machen zu sein.

Schuldig Verbliebene


Stattdessen bilden sich (pseudo-)religiöse Gruppierungen. Manche ernennen sich selbst zu Erlösern, weil sie versprechen, die Last von den Schultern der Menschen zu nehmen. Einigen gelingt es sogar - und sie lassen sich dafür reichlich belohnen. Andere wollen partout nicht vergessen und schließen sich zu einer Vereinigung der „schuldig Verbliebenen“ zusammen. Sie tragen nur noch weiße Kleidung, sprechen nicht mehr, ernähren sich von geschmacklosem Brei und rauchen als Zeichen ihres Glaubens an die Kraft der ohnmächtigen Trauer pausenlos Zigaretten.

Was kümmert denn diese lebenden Toten noch ihre eigene Gesundheit? Diese Sekte hat es sich zum Ziel gesetzt, ihren Mitmenschen eine Warnung zu sein. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Die Mitglieder postieren sich in Kleingruppen vor Wohnhäusern und protokollieren das Leben der Anderen. Sie brechen in die Häuser ein und stehlen Fotos der Verschollenen. Und schließlich sorgen sie sogar dafür, dass sie in erstarrter Form noch einmal zurückkehren.




In einer Welt, in der plötzlich Millionen von Menschen verschwinden, kann es keine Sicherheit mehr geben. Was einmal ohne Grund passiert, kann es auch ein zweites Mal. Nicht wenige verlieren den Verstand - aber sind sie wirklich verrückt, wenn sie mit fremden Zungen sprechen, oder erhalten sie Botschaften aus der anderen Welt? Und dann sind auch noch die Hunde wild geworden. Sie vertrauen den Menschen nicht mehr, weil sie Zeugen der Entrückung wurden. Sie kehren in die Wildnis zurück. Nicht unmöglich, dass die verbliebenen Menschen ihnen folgen werden.

„The Leftovers“, als Roman von Tom Perrotta wie als HBO-Serie, liefert einen der hellsichtigsten Stoffe unserer Zeit. Es ist eine kluge Parabel auf die Erosion von Glaube und kulturellen wie psychologischen Gewissheiten sowie die Unfähigkeit zu trauern. Zugleich ist es eine durchaus schwer verträgliche, düstere Erzählung, als Fernsehserie stark besetzt, suggestiv inszeniert und mit der pointierten und schlicht unvergesslichen Musik von Max Richter unterlegt.

 

Ich kann mich dieser Geschichte schon deshalb nicht entziehen, weil sie geradezu furchtlos über die Melancholie (unserer Zeit) brütet - und weil der 14. Oktober mein Geburtstag ist.