8. März 2012

Lob der Sensibilität

Verteidigung der Sensibilität vor den Tücken der Sentimentalität


Ich möchte in keiner Welt leben, in der Emotionen alles zählen, Gefühle aber nichts.
Gefühle bleiben im Verborgenen. Sie dringen nicht ans Tageslicht. Emotionen drücken hingegen Gefühle aus. Sie sind sichtbar. Sie können Gefühle ehrlich widergeben. Sie können aber auch gespielt und unecht sein. Gefühle selbst können nicht unwahr sein. Und wenn sie es sind, dann leidet die Seele Qualen. Sensibel zu sein, bedeutet, die Gefühle anderer erahnen zu können (denn mehr ist nicht möglich) und die eigenen Gefühle verstehen zu lernen (denn was prägt, muss verstanden werden wollen). 

In Wahrheit gibt es nur sehr wenige sensible Menschen. 
Die zu Sensibelchen erkorenen Exemplare sind es in der Regel nicht.

Was Sensibilität wirklich ist, steht in den Sternen. Es gibt keine Kriterien dafür, wann ein Mensch besonders einfühlsam ist und wann nicht. Anhaltspunkte für sensible Reaktionen gibt es hingegen schon. Nicht zuletzt kommt es oft auf die Situation an. Was ein unbeteiligter Zuschauer als harsche Reaktion einer Frau registriert, die ihren Mann zurechtweist, kann in Wahrheit eine von tiefer Einsicht und großer Empathie geprägte Warnung sein, die weit mehr Wert ist als ein verständnisloses Schmollen. Sensibilität treibt seltsame Blüten. Umgekehrt kann auch ein angeblich besorgtes Ermahnen auf den Außenstehenden den Eindruck machen, es handele sich um einen besonders einfühlsamen Schritt der Kritik – obwohl es sich nur um eine egoistische Zurechtstutzung handelte, deren einziges Ziel es war, weitere Kritik am Kritikführenden selbst im Keim zu ersticken, bevor sie evident wird.
Der Sensible kritisiert, weil er stärken will. Der Gefühlskalte kritisiert, weil er schwächen will.