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David Lynch von A-Z: Unheimlich

Ein blauer Samtvorhang, die dramatischen Klänge von Angelo Badalamenti. Dann plötzlich ein blauer Himmel, rote Rosen, „Blue Velvet“ von Bobby Vinton, ein Feuerwehrwagen, winkende Feuerwehrmänner, sich im Wind wiegende gelbe Blumen, Kinder überqueren eine Hauptverkehrsstraße, von einem Lotsen sicher geleitet. Dann eines dieser typischen amerikanischen Vorstadthäuser, ein Mann sprengt den Rasen, eine Frau sitzt auf dem Sofa, sieht fern, trinkt einen Kaffee dazu, auf dem Bildschirm sieht man eine Pistole, vielleicht sieht die Frau einen Krimi.  Im Garten: Plötzlich verfängt sich der Wasserschlauch in einem Gewächs, gleich könnte die Wasserzufuhr durchbrochen werden. Doch stattdessen fasst sich der Mann an den Hals, gestikuliert wild vor sich hin. Er hat wohl einen Schlaganfall. Er fällt auf den Boden. Das Wasser spritzt unkontrolliert aus dem Schlauch, ein Hund labt sich daran, ein Kleinkind tappst herbei. Noch immer „Blue Velvet“ von Bobby Vinton, aber das Geräusch des zähnef...

David Lynch von A-Z: Metamorphosen

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David Lynch hatte sich vor vielen Jahren die Filmrechte für „Die Verwandlung“ von Franz Kafka gesichert. Es kam nie zu einer filmischen Realisation dieses einzigartigen literarischen Stoffes – weil der Regisseur Kafka wirklich verehrte („Der eine Künstler, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, er könnte mein Bruder sein“) und weil er wohl nicht so naiv war, die gewaltigen Assoziationen, die der Autor in seinen Texten weckt, mit seinen eigenen kühnen Bildvisionen zu verrechnen.  Aber „Die Verwandlung“ passte auch deshalb, weil Lynch in all seinen Filmen Metamorphosen in den unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Seine Figuren puppen und enthäuten sich, verwandeln sich vom spießigen Familienvater in ein mordendes Monstrum, von der Blondine zur Brünetten (und umgekehrt) oder von einem Saxophonisten in einen Mechaniker.

David Lynch von A-Z: Inspiration

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Lynchs filmische Methode könnte man noch am ehesten mit der écriture automatique der Surrealisten beschreiben. In unzähligen Interviews hat der Filmemacher erklärt, dass er kaum eine nachvollziehbare Methode habe, zu seinen Erzählungen vorzudringen. Sie seien einfach da, wie Bilder vor den Augen, wenn man sich in einen Sessel setzt und seinen Tagträumen hinterher schaut. Lynchesk   So hinterlassen seine Filme bei den Zuschauern auch den Eindruck, sie seien einzigartig, könnten in der Form nur von Lynch und von sonst niemandem stammen. In diesem Zusammenhang spricht man deshalb auch von 'lynchesk' oder 'lynchig' (die Verwandtschaft mit dem Begriff des Kafkaesken ist durchaus kein Zufall, Lynch fühlt sich nach eigenen Angaben dem Prager Schriftsteller seelenverwandt) – als würde es ein spezielles Gefühl geben, das Lynchs Kinofilme, seine Musik, seine Bilder sofort auslösten.    Dabei ist der Universalkünstler kein Solipsist, sondern ein aufmerksamer Beobach...

Der Apokalyptiker (2): Frontalangriff auf die Zerstreuung

Spätestens mit der metanarrativen Zumutung „Funny Games“, der von vielen Zuschauern zumindest skeptisch betrachteten Mediensatire, die Haneke mit großen Stars in Hollywood noch einmal inszenierte, hatte sich der Regisseur als unerbittlicher Gesellschaftskritiker etabliert. Sein subversiver Angriff galt aber immer schon weniger den sozialen Zuständen, als viel mehr den Bildern, die sich die westliche Welt zu Selbstvergewisserung auf die Kinoleinwände und inzwischen auf die Smartphones holt. Darin erkannte er die Lust am Skandal, an der Gewalt, an der Verdummung – am grenzenlosen Konsum von Narrativen, die jede moralischen Reflexion über Sinn und Unsinn des Daseins obsolet macht.  Für Haneke ist diese Form der Unterhaltung lediglich Zerstreuung, die er mit seinen ernsthaften Meditationen über die obskuren Begierden und gewissenlosen Fehlurteile des Bürgertums in Frage stellt. Und in seinen Filmen geht es vor allem um die gut Betuchten, die ihre Schuldgefühle mit teurem Rotwein ...

Von einem gewissen Punkt an…

… gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.  Franz Kafka

2 oder 3 Dinge, die ich von K. weiß

„Niemand wird lesen, was ich hier schreibe“, notierte Franz Kafka 1917 in eines seiner Oktavhefte – und er hatte Unrecht. Kafka ist ein Symbol, eine literarische Instanz, unumgänglich und monolithisch-dominant. In jedem ungeraden Satz lugt er hervor, und es vollführen darin seine überpräzisen Sprachvolten noch einmal Kunststücke. Das Kafka-Zitat ist unvermeidbar, das Kafkaeske ist ein feststehender, gern genutzter Füllungsbegriff für unbeschreibbare Momente, die sich ans Unheimliche klammern. Trotz allem, dieser Prophet des Zauderns muss immer wieder erarbeitet, sogar erkämpft werden. Sich in Kafka zu vertiefen scheint unmöglich; sein Universum ist ein hermetisch abgeriegeltes Labyrinth, in dessen Zentrum ein weit geöffneter Käfig steht. Vielleicht saß darin einst ein Hungerkünstler. Heute sitzt darin der gierige Leser. Ein Fresskünstler. Kafka näher zu kommen ist mir eine Aufgabe, die keinen Zeitraum besetzen kann. Prinzipiell ist es eine unendliche Suche nach dem Kern – der doch ...

Ein Käfig ging einen Vogel suchen

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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Man ist sich der eigenen Rückständigkeit ja durchaus bewusst. Wir leben wohl in Zeiten, die es kaum verzeihen, wenn nicht ständig alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, jeder Winkel vermessen und zudem noch jeder Gedanke über die Schmerzgrenze hinaus zu einem Ende gedacht worden ist. Wie schön wäre es also, mehr, deutlicher, tiefgreifender zu schreiben und den eigenen Ideen nachforschen zu können. Aber mir gelingt das zu selten. Vieles bleibt brach liegen. Manches darf sich an der klammen Hoffnung erfreuen, in Notizbüchlein für eine unbekannte Zukunft hinterlegt zu werden. Vielleicht wäre es besser, dass man sich nicht über das definierte, was man tut, hofft, glaubt und was auch immer, sondern was man tun wollte, hoffen würde, glauben könnte. Und so sind vielleicht die verschütteten Werke, die wir nicht sehen können - aber manchmal zu erahnen glauben - bedeutsamer, als zunächst geglaubt. Vieles wollte ich in der letzten Zeit auf Papier niederschreiben, aber ich habe nicht die Z...