16. September 2008

2 oder 3 Dinge, die ich von K. weiß

„Niemand wird lesen, was ich hier schreibe“, notierte Franz Kafka 1917 in eines seiner Oktavhefte – und er hatte Unrecht. Kafka ist ein Symbol, eine literarische Instanz, unumgänglich und monolithisch-dominant. In jedem ungeraden Satz lugt er hervor, und es vollführen darin seine überpräzisen Sprachvolten noch einmal Kunststücke. Das Kafka-Zitat ist unvermeidbar, das Kafkaeske ist ein feststehender, gern genutzter Füllungsbegriff für unbeschreibbare Momente, die sich ans Unheimliche klammern. Trotz allem, dieser Prophet des Zauderns muss immer wieder erarbeitet, sogar erkämpft werden. Sich in Kafka zu vertiefen scheint unmöglich; sein Universum ist ein hermetisch abgeriegeltes Labyrinth, in dessen Zentrum ein weit geöffneter Käfig steht. Vielleicht saß darin einst ein Hungerkünstler. Heute sitzt darin der gierige Leser. Ein Fresskünstler.

Kafka näher zu kommen ist mir eine Aufgabe, die keinen Zeitraum besetzen kann. Prinzipiell ist es eine unendliche Suche nach dem Kern – der doch nie offensichtlich wird. „Ich bin Ende oder Anfang“, schrieb Kafka einst. Seine Romane sind keine Fragmente; sie haben nur kein Zentrum, oder zumindest keinen festen Grund. Aber Anfänge und Enden haben sie in einem grotesken Übermaß. Jeder Kafka-Satz ist zugleich Anfang und Ende, zugespitzt und irrwinklig. Ich scheitere daran, seine Präzision zu entschlüsseln. Dieses Scheitern des Lesers ist das Vermächtnis Franz Kafkas – denn er war ein Philosoph des Scheiterns, der zu keiner Lösung kommen konnte, weil er viel zu viele Lösungswege kannte. Darum windet sich jedes Wort in seiner Prosa vor einer Interpretation. Fast ängstlich verstecken sich die Fixpunkte in seinen Werken, die man Bedeutungen nennen könnte.

Eine treulose Wissenschafts-Mafia setzt alles daran, tief in die Seele des Dichters vorzudringen, um darin all die dunklen Momente herauszufiltern, die sich in Kafkas Werken zu schwarzen Löchern entwickelt haben könnten. Kein Detail mag noch so privat und versteckt sein, dass es nicht ans Licht gezerrt werden kann. Intimitäten versprechen Ruhm für die Literaturfetischisten. Selbst seine Porno-Sammlung wollen sie entdeckt haben. Literaturwissenschaftliche Mehrwerte.

Jeder Weg, den ich in die tiefe Schlucht des Prager Schriftstellers gefunden habe, erwies sich als Sackgasse. Zu verschlungen sind die Pfade, an deren Ende ich Wahrheiten suche. Ein Postmodernist avant la lettre, das muss er gewesen sein. Auch ein Maulwurf, der sich in mögliche Selbstrechtfertigungen seines Daseins hinein grub und diesen Ort ohne Licht nicht mehr verlassen konnte. Deshalb blieb ihm nur noch die Entscheidung zwischen der Suche nach dem Licht und resigniertem (Selbst-) Urteil zum Tode. Davon mögen alle seine Werke, davon mögen alle Worte handeln, die er jemals auf ein Blatt Papier gebracht hat.

Es gibt kein einzelnes Werk Kafkas, von dem ich sagen kann, dass es mich an ihn herangeführt hätte. Es war immer eine Ahnung, noch bevor ich auch nur eine Seite gelesen hatte, dass dort ein faszinierendes Universum existiert, zu dem ich mich magisch hingezogen fühle. Was mich deshalb tief berührt, ist vielmehr der Lebensentwurf dieses Melancholikers, der sein gesamtes Leben in den Dienst der Kontemplation und damit des Schreibens gestellt hat. Keine Ansichtspostkarte, die er schrieb, war frei von den tiefgründigsten Gedanken. Was ihm in seinem Leben tatsächlich eine unüberwindbare Last gewesen ist, das will ich gar nicht vermuten. Die Prüfungen des Lebens, seien sie auch noch so klein und unscheinbar, zu durchdenken und (literarisch) zu durchleben ist aber gerade die Lebensleistung eines wirklichen und stets selbstbewussten Künstlers.

Gerade darum ruft jede Zeile Franz Kafkas ein unermessliches Erstaunen in mir hervor. Ein Erstaunen, das dem Text nicht eingeflochten ist. Gerade das wusste der Autor nämlich immer zu vermeiden – dass die Worte sich selbst genügen und unaufhörlich von ihrer eigenen Macht dozieren. Dieser Schriftsteller verstand es als einer der wenigen, die Kraft der Worte zu beschwören, anstatt ihre Macht für seine Zwecke zu benutzen. Jeder Satz soll erobert und nochmals durchdacht werden. Man muss sich in den Räumen einleben, die Kafka durch Worte geschaffen hat. Das begründet seinen posthumen Ruhm und erklärt seine ungebrochene Bedeutung.

Wer mit Kafka beginnen will, muss zugleich eine Hürde überwinden, die durch seine Rezeption in gewaltiger Höhe ragt. Das ist der Preis, den der interessierte Leser für den Zugang zu diesem autarken kafkaschen Kosmos zu zahlen bereit sein muss. Zugang zu diesem Bau gewährt aber ein winziges Loch: Das Urteil, jene Erzählung, die Kafka im Jahre 1912 in einem Zuge schrieb. Selbstgewiss bemerkte er dazu – „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“
Nach dem Urteil war vielleicht jede Dichtung nur ein Ausdruck der Sehnsucht, zu diesem vollkommenen Schöpfungszustand zurückzukehren.

Wer Kafka entschlüsseln will, muss ihn studieren. Er muss seine Erzählungen, seine Romane, seine Geschichten entheddern, sie wieder neu zusammensetzen und in seinen unzähligen Briefen forschen, seine Tagebücher durchforsten und seine Aphorismen goutieren. Kafka verstehen heißt ihn lesen – wie ein Taldmud-Schüler den Talmud. Mit Geduld, Zuversicht, Hoffnung und dem Bewusstsein, daran zu scheitern.

Wer Kafka als Künstler verstehen will, der muss sich in die Gedankenwelt des Hungerkünstlers versetzen und dem Volk der Mäuse lauschen, das von ihrer großen Künstlerin Josefine berichtet. In diesen bemerkenswerten Erzählungen reflektiert Kafka höchstwahrscheinlich sowohl die Existenzbedingungen seines Künstlerdaseins als auch die eigene jüdische Identität, die von elementarer Bedeutung für sein Schaffen ist. Auf die Frage, warum der Hungerkünstler nicht anders konnte, als zu hungern, antwortet dieser:
„Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.“

Es sind diese Worte eines Künstlers, die unruhigste Gedanken auszulösen vermögen und das Leben für einen Moment zum Stillstand kommen lassen, um dann ein reges Staunen zu erwirken, das niemals wieder versiedet.