Der entblößte Mensch

Der ungarische Regisseur Béla Tarr hat nur wenige Filme gemacht, aber mit einem radikal asketischen Stil aus schwarz-weißen, langen, abstrakten Einstellungen mit einer Kamera als mitleidlosem Zeugen das europäische Kino tiefer geprägt als viele andere, die regelmäßig mit Preisen überschüttet werden.

Er zeigte nicht nur im siebeneinhalbstündigen „Satanstango“, das auf keiner Liste der besten Filme fehlt und wie andere seiner Werke auf Grundlage von Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai entstand, eine Welt ohne Trost, in der wenig gesprochen wird und es sehr viel regnet. 

Man kann Tarrs Filme als Zumutung empfinden – und das sind sie aufgrund ihrer formalen Strenge, noch mehr aber wegen ihrer existenzialistischen Brutalität. Aber in ihnen finden sich auch ungeheuerliche Momente der Schönheit und Gnade. 

Konfrontation mit absoluter Wehrlosigkeit


Eine Szene in „Die Werckmeisterschen Harmonien“ (nach dem Roman „Melancholie des Widerstands“ von Krasznahorkai) hat mich nie wieder losgelassen. In dem Film wird ein abgeschiedenes Dorf von einem geheimnisvollen Zirkus besucht, mit dabei ist auch ein riesiger Walkadaver. 

Nicht nur dieser stumme Koloss wühlt die von der Agonie ihres stumpfen Alltags an Sinnlosigkeit leidenden Menschen auf, sondern auch der aufrührerische Zirkusdirektor, der sich „Herzog“ nennt. In einem apokalyptisch anmutenden Moment steigert sich die Unruhe in der Kleinstadt zu offener Gewalt. 

Die aufgebrachte, mit Knüppeln bewaffnete Menge stürmt eine Heilanstalt, in der bedürftige Patienten liegen. Sie zerren sie aus ihren Betten, schlagen besinnungslos auf sie ein. Doch dann fällt ihr Blick auf einen alten, entkräfteten, fast schon gespenstisch wirkenden Mann, der nackt im Badezimmer steht. 

Erschüttert von der Verletzlichkeit und absoluten Wehrlosigkeit des Mannes verliert die destruktive Dynamik für einen entscheidenden Moment an Kraft und bringt die Gewalttäter dazu, innezuhalten und sich wortlos zurückzuziehen.


So surreal der aufgewühlte Zorn dargestellt wird, so anmutig wird seine Auflösung inszeniert – mit einem in grelles Licht getauchten Greis, begleitet von der wie ein Hieb einsetzenden Musik von Mihály Víg und stumm abgehenden, von jeder Emotion befreiten Menschen. 

Entlarvt wird hier eine Gewalt, die sich als Folge eines als diffuse Kränkung erlebten Lebens ohne Entwicklung und ohne Zukunft gegen das Schwächste und Unschuldige richtet und nicht gegen echte Ursachen von Ungerechtigkeit. 

Die Zerstörung hatte keine politischen Gründe, und sie verstummt nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Überforderung. Es ist eine Gnade, die keine Erlösung schenkt, aber den Blick auf das entblößte, unverhandelbare Menschsein freilegt.

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