Die Durchtherapierten


Blick in den Spiegel: Du bist es wert, dass man dich gut behandelt. Du bist stark. Du hast es verdient, dass die Menschen dir zuhören. Du musst keine Angst haben, es gibt keinen Grund dafür. Jetzt bist du mal dran.

Vor langer Zeit war es einmal anders. Da pumpte das Herz, stockten die Grübeleien das Leben aus. Ohne Hilfe wäre es nicht weitergegangen. Gesprächstermine. Es sind eigentlich keine Unterhaltungen auf Augenhöhe, aber es fühlt sich manchmal so an. Sitzungen. Endlich einmal sprechen und einer hört vorbehaltlos zu. Manchmal ist das anstrengend, insgesamt aber löst es den Druck vom Brustkorb. Vielleicht gibt es ein Beruhigungsmittel dazu, es muss nicht einmal hochdosiert sein. Irgendwann ist die Spurensuche nach den Problemen für die seelischen und körperlichen Eruptionen abgeschlossen. Der Diagnose folgt ein Therapieziel. Dem Therapieziel schließt sich eine Prognose an. Ist die Alltagsfähigkeit wiederhergestellt, dann besiegelt ein letzter Handschlag die Festigkeit der mentalen Prothesen. 

Der professionelle Zuhörer weiß meist: Das war keiner der härteren Fälle. Er hat viele von ihnen in seiner Praxis. In der Regel mehr, als es für jene gut wäre, die deswegen keinen Termin bekommen können, obwohl sie ihn viel dringender bräuchten. 

In Deutschland sind Therapieplätze rar gesät, die Fälle harter psychischer Erkrankungen, die lebensgefährliche Folgen haben können, steigen. Viele Psychotherapeuten arbeiten lieber in Kliniken. Die Wartezeiten sind lang. Die so genannten Kassensitze sind begrenzt, manche halten ihre bürokratisch gewollte Verknappung für bedenklich bis gefährlich. Vermeintlich einfache Fälle sind lukrativ. Zuweilen kommt es auch zu empfindlichen Zuzahlungen, die durchaus dazu führen können, dass eine Therapie abgebrochen wird. Mal abgesehen davon, dass nach Monaten des Wartens der Leidensdruck weiter gestiegen sein könnte und damit auch der Druck auf das Verhältnis zwischen Zuhörer und psychisch Belastetem. Das ist in vielen Fällen eine Herausforderung, die Frequenz muss erst einmal gefunden werden. 

Die Durchtherapierten interessieren sich für diese Probleme nicht mehr. Sie haben nun etwas bei der Hand. Meistens sind es Methoden, veränderte Verhaltensweisen, Erkenntnisse übers Fehlverhalten, das nun geändert werden kann, weil der Impuls dafür neu codiert, im besten Fall mit anderen Zielen und Motivationen überschrieben wurde. Die Durchtherapierten haben Glück gehabt, könnte man sagen, anders als die Austherapierten, denen sozusagen nicht mehr zu helfen ist und das sogar bescheinigt bekommen. Die meisten begleitet eine seelische Störung mehr als nur eine (kurze) Phase des Lebens. Die Durchtherapierten haben gelernt, dass sie sich darüber keine Gedanken machen sollten. Es wäre schon der Anfang eines Wiederholungsspiels. Ob sie wirklich erfolgreich therapiert wurden oder ob sie womöglich mit anderen Methoden ihre Schwierigkeiten auch in den Griff bekommen hätten, wird offen bleiben müssen. 

Tatsache ist, dass diese Menschen sich diese Form der talking cure suchten, weil sie ihr Leben, wie sie es lebten, nicht als angemessen oder glücklich empfanden. Psychosomatische Symptome. Meistens folgt diese Einsicht, für die es keinen Therapeuten brauchte und der hier nur als Bestätigungsinstanz herhält, schon in den ersten Therapiestunden. Nun könnte man spitzfindig behaupten, dass der Unterschied zwischen jenen, deren Seele ins Ungleichgewicht geraten ist und jenen, denen schon das Strukturieren eines Tages oder der Schritt aus dem Bett schwer fällt, darin liegt, dass die einen sich um die potentielle Gelungenheit ihres Lebens sorgen und die anderen bewusst vor Augen haben, überhaupt nicht leben zu können. 

Die Durchtherapierten folgen nun aber einem neuen Instinkt, der ihnen den Blick in den Spiegel verändert. Von dem Moment an beginnt das, was man eigentlich als Selbstfürsorge bezeichnen könnte (nach Lust und Freude zu streben und dabei das eigene Wohl im Auge zu behalten; mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen, indem man auf seine eigene Vernunft und Weisheit vertraut und dabei seine Emotionen und Begierden kontrolliert; Selbstreflexion zu pflegen, der Selbstakzeptanz und der Selbstliebe mehr Raum zu geben; Selbstachtung und Selbstentwicklung als Motor für ein selbstbestimmtes Leben zu nutzen - Konzepte also, die von Epikur bis Nietzsche bereits grundlegend bestimmt wurden, denen man nur pragmatisch folgen müsste). Aber es bleibt zumeist etwas anderes, das die Durchtherapierten - und das können auch all jene sein, die sich so genannten alternativen Heilverfahren der Seelenkunde ausgesetzt haben - antreibt: ein authentisches Leben. 

Die Durchtherapierten wollen nie mehr Opfer sein. Nie mehr Zurückgestellte. Nie mehr Betrogene. Nie mehr Verunsicherte. Nie mehr Angstgeschüttelte. Sie haben sich mit ihrem Therapeuten die Maxime erarbeitet, dass sie stets selbst Schmied ihres eigenes Glückes sind, Autoren ihrer eigenen Erzählung. Sie werden zu Schicksallosen, die sich selbst - womöglich zum ersten Mal in ihrem Leben - genug sein wollen.

Tag- und Nachtträume, die für seelisch Erkrankte in der Regel eine harte Ersatzrealität bereithalten, werden eingehegt, in dem sich die Durchtherapierten vorstellen, nun die Regisseure, mindestens aber so etwas wie die Drehbuchschreiber ihrer nicht immer produktiven Fantasien zu sein. Alle, die ihnen etwas anderes vermitteln, werden nun mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass man sich bestimmte Dinge nicht mehr gefallen lasse. Die Durchtherapierten wirken in solchen Situationen, die für sie nun zu Prüfsteinen für das eigene Selbst-Verständnis werden, hart und kühl, manchmal gar egoistisch. Sie selbst würden sagen, dass sie sich diesen Egoismus erlauben müssen, um gesund zu bleiben, und betonen dabei auch, wenn es später zu tieferen Gesprächen kommt, fast etwas vernebelt wirkend, den Erfolg ihrer persönlichen Weiterentwicklung. 


Manche Beziehungen werden beendet, weil sie nicht mehr in das neu gewonnene Schema passen. Auch Arbeitsplätze wechseln, Hobbys, Beschäftigungen. Es ist ein Pfad, aber er ist, daran lassen die Durchtherapierten keinen Zweifel, beschritten. Noch einmal will dieser Schmerzgang nicht genommen werden. Die Durchtherapierten haben sich den Schwierigkeiten, die das Leben wie Steine in den Weg legt, erfolgreich entzogen. Das geht aber nur zu einem hohen Preis: Sie bewerten nun alle Härten nur noch danach, ob sie selbst angemessen damit umgehen. Sie sind taub geworden für eine Sensibilität für Schmerzen, die nicht nur sie selbst betreffen und deren Lösung manchmal eben nicht nur darin besteht, dass man sie für sich selbst ausschließen kann. 

Kurz: Die Durchtherapierten wurden erfolgreich von jeder negativen Form der Melancholie geheilt. Sie haben nun aber auch keinen Zugang mehr zu deren positiven Seiten: Hellsichtigkeit, Achtsamkeit, tief empfundene Emotionen, Akzeptanz der Allgegenwärtigkeit von Leid und die Bereitschaft, sich in die Schwere anderer Existenzen hineinzuversetzen. Denn all das würde voraussetzen, dass sie sich in eine Position begeben, in der keine Sicherheit für das wankende Ich herrscht. 

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