Suche dich nicht zu Tode!

Es gibt Menschen, die verlieren ständig etwas. Oder haben zumindest das Gefühl, dass es so wäre. Sie sind immerzu damit beschäftigt, etwas zu suchen. Die Brille ist verschwunden. Im Kleiderschrank lässt sich das geliebte T-Shirt nicht finden. Der Brief vom Finanzamt scheint verloren. Unabhängig davon, ob sich die vermissten Gegenstände schnell wieder auffinden lassen, kann dies zu einem ungeheuren Leidensdruck führen, der in Familien oder anderen Partnerschaftskonstellationen Wellen schlägt. Denn wer etwas als verschollen annimmt, wird mit in seiner Angst nicht allein bleiben wollen und sucht entsprechend mit grimmig-verzweifeltem Gesicht nach Hilfe. 

Das ist für manche, so scheint es, eine nackte, geradezu archaische Panik. Als wäre es tatsächlich zu vergleichen mit der Steinzeitflucht vor einem Mammut, wenn der Autoschlüssel futsch ist. Das ist es natürlich nicht! Und dann kommt der drollige Faktor hinzu, dass diese Sucheritis vor allem jene befällt, die sich um Ordnung bemühen, denen jede Form von Chaos gehörig gegen den Strich geht. Weswegen – die Psyche ist nun mal ein Spiegelkabinett – diese Voraussetzung zu einem weiteren Verletzungsstich führt: Eigentlich dürfte mir das doch gar nicht passieren, ich bin doch so penibel. 

Wie immer in solchen Fällen, wenn das Herz von einem Moment auf den anderen verzweifelt doppelpocht und ein kalter Schauer durch die Glieder fährt, ist da etwas, das augenblicklich nicht mehr lähmend wäre, wenn es mit einem Witz oder wenigstens einem Lächeln heruntergestuft würde. Die profane Wahrheit ist nämlich, dass so gut wie alle Sachen, die man auffinden muss, weil sie vom Erdboden verschluckt erscheinen, wieder auftauchen. Nur ein Fliegenschiss von (wichtigen) Gegenständen oder Dokumenten geht verschütt, meistens aus Gründen, die eher mit dem Zufall oder großem Pech zusammenhängen, für die man beide in der Regel nichts kann. 

Und warum suchen die Liederlichen so viel seltener? Ganz einfach: Wer bis zur neurotischen Reinlichkeit alles im Griff und beieinander haben will, katalogisiert seinen Alltag deutlich mehr. Statt wenigen Anlaufpunkten für Krempel und Korrespondenzen gibt es für jede Kategorie einen eigenen Stapel, eine eigene Sonderzone. Lieber etwas mehr haben, um vorbereitet zu sein, ist dann meist die Devise – und so gibt es auch ganz simpel mehr zu verlieren. 

Und es kommt zu Inkohärenzen, weil das Gehirn sich zwar sehr viele verschiedene Rubriken und Gattungen ausdenken und Dinge zuordnen kann, aber bei schnellen Entscheidungen eben nur sehr wenige Schubladen geöffnet werden können. Und meistens geht das Suchen ja in Situationen los, in denen plötzlich etwas gebraucht wird. Dabei wird ex abrupto so gut wie nichts benötigt. Allerdings schüttelt die Aufrechten und Strukturierten der Gedanke, dass alles rechtzeitig, also besser gestern als heute, erledigt werden muss. Eine versäumte Frist ist ihnen ein Graus, einen Bus statt das Auto zu nehmen, nur weil der Schlüssel nicht dort abgelegt ist, wo er es eigentlich sollte, und nun in der tödlichen Hatz einfach nicht gefunden werden kann, kommt nicht in Frage - und wenn doch, dann nur unter Schamesröte. 

Auch hier ist die Sache geradezu irritierend einfach: In den meisten Fällen denken wir überhaupt nicht mehr darüber nach, dass wir Gegenstände an ihren von uns ausgesuchten Ort platzieren. Das ist ja der Sinn der Sache, sonst müssten wir uns ja jeden Tag neu darum bemühen, einen Platz für alles zu finden. Man denke an das Gefühl, die Kaffeemaschine nicht ausgeschaltet oder die Haustür nicht abgeschlossen zu haben. Im Vergleich zu der Verunsicherung, dass dies passiert sein könnte, kommt es so verschwindend selten vor, dass man darüber nicht mal eine Statistik führen könnte, wenn man wollte. Meistens durchschlug eine Ablenkung das wohlige Glück, einfach alles so wie immer zu machen. Und schon ist etwas falsch drapiert, ist die Befürchtung in der Welt, dass etwas versäumt wurde. 

Konzentriert man sich nun einmal nur auf die Dinge, die entfleucht anmuten, dann hilft zunächst die Entkrampfung, dass ein in Unruhe versetzter Geist schlicht nicht in der Lage ist, etwas zu finden. Selbst in den Bezirken der Wohnung nicht, von denen man sicher weiß, dass sie dieses oder jenes beherbergen. 

Es ist genau wie beim verzweifelten Fahnden nach einem Namen, den man sich wie einen Parfümduft vorstellt, der aber einfach keine Resonanz erzeugt – je länger versucht wird, ihn zu umkreisen, desto weiter rückt er hinfort. Nach etwas Entspannung kommt der Name oft von selbst auf die Zunge gerutscht. Genau so ist es auch beim Suchen! Nachdem die Sicherheit umfasst ist, dass etwas nicht entflohen sein kann, dass es nur woanders als sonst aufgehoben, irgendwo heruntergefallen oder von jemand anderem genutzt wurde (das kommt in den allermeisten Fällen kaum vor; wenn etwas verschwindet, ist man fast immer selbst beteiligt), vor Augen steht, fällt der Lupenblick viel einfacher. 

Hernach wirkt ein Perspektivwechsel wie ein Bad in taufrischem Wasser an schwülen Sommertagen. Wir gucken in den meisten Fällen konsequenterweise nur dort, wo wir annehmen, dass etwas dort sein MÜSSTE. Aber in aller Regel wird uns nur deshalb aufgetragen, es zu suchen, weil es sich in einem Bereich eingenistet hat, dort verloren oder falsch abgelegt wurde, weil etwas dazwischen kam. 

Also einfach einmal auf die Knie gehen, oder auf die Couch steigen. Den eigenen so selbstverständlich hergerichteten Kosmos mit anderen Augen betrachten. 

Kurz die Gedanken schweifen lassen und sich nicht darauf konzentrieren, wo etwas sein könnte oder sein müsste, sondern kontraintuitiv darüber nachdenken, wo es auf jeden Fall nicht sein wird. Dann eröffnen sich sprunghaft neue Räume. 

Das Sprichwort Ordnung ist das halbe Leben verzieht sich bei mangelnder Fähigkeit zum bewussten Beruhigen der Nerven in solchen Situationen und bei entsprechendem Unwillen, den Betrachtungswinkel zu korrigieren zu der Drohung, dass das halbe Leben mit Suchen verbracht wird. Derlei Unglücksraben sind jedenfalls nicht nur auf der Suche nach verlorenen Autoschlüsseln.

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