Who's Afraid Of The Superspreader?

Gedanken zu einer Welt im Zeichen von Corona



Schweigen oder Schreiben? Diese Frage stelle ich mir, seit das neuartige Coronavirus die Welt in kürzester Zeit zum Stillstand gezwungen hat.

Es gibt keine Worte für einen Zustand, der für sich selbst reklamiert, nur eine Ausnahme zu sein, gleichwohl aber keine Sicherheit zulässt, wann denn sein Ende gekommen sein könnte. Als die ersten Berichte über die rasche Verbreitung eines bislang unbekannten Erregers im chinesischen Wuhan die Runde machten, urteilten selbst die eilig konsultierten Experten, dass es sich um einen regionalen Schock handeln wird.

Etwas klammheimliche, verbotene Bewunderung gehörte wohl dazu, als dazu immer wieder die Schlussfolgerung gereicht wurde, dass das Land der aufgehenden Sonne mit seinen harschen, zum Teil menschenverachtenden Methoden einer Einparteiendiktatur das Virus schnell eingekreist haben würde.

Krankenhäuser mit Abertausenden Betten - in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft. Ganze Regionen - abgeriegelt. Der Feind ist unsichtbar, Wärmebildkameras und Smartphone-Tracking stehen aber überall zur Verfügung.

Nicht auszudenken, wenn das Virus unkontrolliert auf die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten durch die Abhängigkeit von globalisierter Wirtschaft und ausgehöhlten Gemeinschaftswerten entsetzlich müde gewordenen westlichen Staaten treffen würde. Eine Albtraumfantasie, die allerdings von Wissenschaftlern in naher Vergangenheit immer wieder ausführlich diskutiert wurde (zuletzt im Oktober 2019 von der Johns Hopkins Universität, dem Weltwirtschaftsforum und der Gates-Stiftung in New York gar mit all ihren kaum vorstellbaren Folgen simuliert).

Ein Unheil, das auch in Romanen (Dean Koontz, „Die Augen der Dunkelheit“, wenig hellsichtig, kaum mit Blick auf unsere Geschwindigkeitsgesellschaft) und Filmen („Contagion“ von Steven Soderbergh, erschreckend realistisch, vor allem in der in den letzten Sekunden enthüllten Pointe geradezu prophetisch) vorgedeutet wurde.

Und doch helfen weder Fiktionalisierungen noch faktenbasierte Simulationen, um die Unvorstellbarkeit einer lahmgelegten Welt, in der kaum einer von den Folgen verschont bleibt, in der geschlossene Grenzen kaum etwas nutzen (die Parallele zur Flüchtlingsbewegung, die allein schon wegen der sich nun schon seit einiger Zeit spürbar ändernden ökonomischen und klimatischen Verhältnisse so schnell kein Ende mehr kennen wird, ist schmerzhaft), in der keine Öffentlichkeit mehr stattfinden darf und die Menschen in ihre mit Ikea-Möbeln und Netflix-Zugängen ausgestatteten Kellerlöcher gezwungen werden, auch nur ansatzweise zu erfassen.

Ich habe noch nie die Augen vor (schlechten) Nachrichten verschlossen. Doch noch bevor das Coronavirus mit der Wucht eines auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigten Lasters, der vollbewusst in eine Menschenmenge rast, das für normal und gewöhnlich befundene Leben aus dem Weg gerammt hat, mochte ich nichts mehr zu dem Thema lesen und hören und sehen.

Es gibt kein Entrinnen vor der psychologischen Konsequenz der Diskussion über einen Erreger, der, wenn er auf die entsprechenden Bedingungen trifft, tödlich ist. In Frankreich sprach Staatspräsident Macron von einem „Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“. Bundeskanzlerin Angela Merkel verdeutlichte in der ersten krisenbedingten Fernsehansprache an die Nation seit dem Beginn ihrer Kanzlerschaft im Jahr 2005 von einer Herausforderung für Deutschland, Europa und die Welt, wie sie es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben hat.

Ich erschrecke mich nicht vor diesen Kriegsmetaphern. Sie sind sogar nötig, wenn man die Idee des Kriegs auch als Konfrontation begreift, der man ausgesetzt ist, der man nicht ausweichen kann (auch wenn man es versucht, in dem man alles tut, ihn nicht so zu nennen).

Die Furchtlosigkeit, mit der Politiker in diesen Tagen die sehr wahrscheinlich schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dieser nun längst unter dem Namen Corona-Krise in den Sprachgebrauch eingegangenen, ja: Naturkatastrophe benennen, ist kaum vergleichbar mit anderen (menschen- wie naturgemachten) Tragödien der letzten Jahrzehnte.

Das ist bewundernswert, denn es erweckt den Eindruck, als hätte die politische Klasse, nicht nur in Deutschland, schnell erkannt, dass die Zeit zum Handeln gekommen ist und keinen Aufschub zulässt. In Windeseile eroberten sich die Staaten das Heft des Handelns von den Megakonzernen zurück, die nun genauso umgestoßen und bevormundet werden wie jeder Kleinunternehmer oder Selbstständige.

Es ist keine Frage, ob es eine globale Wirtschaftskrise gibt, sondern nur, wie sie ausfällt und ob sie zugleich auch zu einer Finanzkrise hinüber gleitet. Es ist aber auch für jeden Menschen, der mit offenen Augen durchs Leben geht, bis ins Mark erschütternd, wie rasant das alles passiert, denn es bedeutet, dass die herbeigeredete Vision einer veränderten Welt nach dem Coronavirus nicht nur eine leere Drohung ist. Die Welt benötigte fast ein Jahrzehnt, um sich von der Großen Depression zu erholen, welche die Roaring Twenties schwer abwürgte.

Jedem, der sich mit dieser einer Atomkraftwerkexplosion ähnlichem Super-GAU beschäftigt, sei er oder sie Politiker, Journalist, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Finanzcontroller oder eben zur Risikogruppe erkorener Greis mit der von düsteren Schlagzeilen wuchernden Zeitung auf dem Schoß im von der Außenwelt abgeschotteten Altenheim, muss der Atem stocken.

Nein, es geht nicht nur um die Frage, wie mit der kommenden Rezession umgegangen werden muss. Vielleicht folgt nach einer herben Zeit der Verluste ein unerwarteter Boom, weil die Digitalisierung in nur einem Jahr mehr Fortschritte macht als für ein weiteres Jahrzehnt vorhergesagt - weil sich unter dem Eindruck einer neuen Öl-Krise und den Thunberg-Protesten der vergangenen Monate vielleicht wirklich ein (globaler?) Green Deal verwirklichen lässt.

Wie jede Krise birgt auch diese die Chance, Fortschritte zu erzielen, die ansonsten unter den Zwängen der Tagespolitik, der traurigen Abhängigkeit von Wutmeinungen, Wählerstimmen und Wasserstandsmeldungen, nicht vorankommen. Manche „Errungenschaften“ dieser Zeit bleiben vielleicht länger. Atemschutzmasken. Kein Händeschütteln mehr. Fünf Auswechslungen bei Fußballspielen.

Aber allzu viel Zumutungen erscheinen harmlos im Vergleich zu dem, was auf dem Spiel steht: Plötzlich müssen auch jene Kulturkreise und Wertegemeinschaften wieder mit der Angst vor einem gefürchteten Phantom leben, das selbst mit dem Einkreisen und Notmigrieren der Flüchtenden zum vorgeblich beherrschbaren „Elend“ erklärt wurde - es sterben ohne Krieg und ohne Terror unschuldige Menschen. Und weder Staat noch Technik noch Medizin noch irgendwelche anderen Entitäten der Hoffnung können es verhindern.

Auch hier greift wieder der Vergleich mit dem Krieg, mit dem Ausnahmezustand der maximalen rohen, vernichtenden Gewalt, der seit dem Ende des Zweiten Weltinfernos für viele Nationen nicht mehr existierte. Die spätmodernen kapitalistischen Gesellschaften hatten dem Tod ohne Grund im Namen des Fortschritts selbst den Krieg erklärt.

Als am 11. September 2001 die immer schon windschiefe Idee des Endes der Geschichte mit einem für alle Welt beispiellos sichtbaren Terrorangriff widerlegt wurde, sprach der französische Philosoph Jean Baudrillard von einem Jahrhundertereignis, das eine Wunde offenlegte: Unser System akzeptiert nicht mehr den Tod und vor allem keine Opfer an symbolischen Orten. Der streitlustige Denker musste dafür, wiewohl für einiges andere mehr, das er in seiner Karriere als Wissenschaftler von sich gab, viel Kritik einstecken. In Deutschland warf man ihm antihumanistische Argumentation vor, gleich jenem Verdikt von Karlheinz Stockhausen, der 9/11 zum größten Kunstwerk aller Zeiten erhob. Doch Baudrillards Schlussfolgerung lässt sich nun auch auf den Kampf mit dem Coronavirus übertragen.

Der entscheidende Impuls, der sich noch vor die für die meisten Menschen zunächst abstrakte Angst vor dem Corona-Tod schiebt, ist das Problem, eine radikal veränderte „Welt danach“ nicht als Perspektive akzeptieren zu können. Es gibt keinen Platz dafür in den von Freiheitsversprechen fit gestählten Gehirnen. Jetzt hämmert ihn in Eure Gedanken! Wann waren denn je Spielplätze geschlossen?

Der auch von Intellektuellen vorgetragene Angriff auf die Notstandsmaßnahmen („es ist eklatant, dass diese Einschränkungen in keinem Verhältnis zu der tatsächlichen Gefahr stehen“, Giorgio Agamben) lässt sich zusammenfassen als Warnung davor, den nackten, entwürdigenden Existenzkampf, das schnöde Überleben, und die Rückkehr des totalitären Staates (als wurde in den letzten Jahren nicht zu genüge aufgedeckt, dass es vor allem die Konzerne sind, die totalitäre Strukturen zu ihrem eigenen Vorteil errichtet haben; selbst die rabiaten staatlichen Maßnahmen der chinesischen Regierung, das Coronavirus abzudrängen und so schnell wie möglich wieder zur Normalität überzugehen, sichern nur die wirtschaftlichen Interessen des Landes, das - hier beginnt das Metapherngeflecht des Seuchennarrativs unheimlich zu werden - selbst einem Wirtstier für den kapitalistischen Supervirus gleicht) zurückkehren zu lassen.

Müsste nun nicht eigentlich die Stunde der Einigkeitsstrategen schlagen, also der Erfüllungsgehilfen einer schon so lange röhrenden und brummenden Globalisierung, die doch angeblich die Wohlstandsmehrung auf dem ganzen Planeten sichert?

Stattdessen blicken wir auf die Zahlen der Infizierten und der Menschen, die an den Folgen der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben sind, wie auf den Medaillenspiegel bei den Olympischen Spielen. Welches Land hat die Pandemie besser unter Kontrolle? Welches Gesundheitssystem offenbart sich als fragil (natürlich aus Gründen, die zuvor schon bekannt waren)?

Doch wie immer bei Ereignissen, die an den Zeit- und Gesellschaftsverhältnissen rütteln, gibt es eine konkrete und eine symbolische Ebene. Es ist für die Bedeutung dieses Ereignisses nicht entscheidend, wie viele Menschen erkranken und sterben, die destruktive Energie geht eher von der nicht zu vertreibenden Bedrohung durch Krankheit und Tod aus. Vor ihr gibt es selbst mit Zynismus und Skeptizismus kein Entrinnen. Und schon gar nicht mit emotional gefärbtem „positive journalism“, also Geschichten des Zusammenhalts einer sich auch im Abstand von 1,5 Metern neu findenden Nachbarschaft, um die Ecke als Bringdienst für Risikogruppen und in der Telefonkonferenz der Politiker einzelner betroffener Staaten.

Gleichzeitig - das macht das Wirklichkeitserleben gerade aus den geschützten vier Wänden, an die nun jeder geklammert ist - so perfide, findet das Kranksein und Sterben nicht öffentlich statt. Bis auf wissenschaftliche Details über den Verlauf der Infektion, die Entwicklung von Covid-19, die genetische Beschaffenheit des Virus und die Weiterverbreitung durch ihre Wirte, wird den Menschen das Elend ganz bewusst erspart.

Sicher, es tauchen auch Schauderbilder auf, etwa jene wie Spionageschnappschüsse anmutenden Fotos von todkranken Patienten in der Lombardei, die in einem intensivmedizinischen Niemandsland an Beatmungsgeräte angeschlossen sind und von vermummten Ärzten betreut werden, oder Drohnen-Bilder von in New York angeblich in einem Massengrab verscharrten Leichen (tatsächlich nur eine übergangsweise genutzte Kühlfläche), aber größtenteils bleibt das Grauen virtuell, die wenigen Bilder, die über Dokumentationen des Hamsterns und der Hygienemaßnahmen hinausgehen, sind maximal suggestiv.

Vielleicht existiert dieses Bildverbot auch deshalb, weil es zu einem nicht unempfindlichen statistischen Anteil vor allem Menschen trifft, die bereits vom Tod verfolgt werden. Covid-19 ist nur eine Bedrohung für Alte und Schwache. Heißt es. Dieser Geist ist aus der Flasche. Ein Diskurs, der herb schmeckt. Weil er nicht der Wahrheit entspricht (die Mortalitätsrate ist das eine, schwere Verläufe und Folgeerkrankungen vor allem auch bei Jüngeren sind das andere). Weil er die von allen Seiten zurecht geforderte Kohäsion der Gesellschaft unterminiert.

Es wäre nichts gewonnen, wenn nach dem ersten Lockdown - wann wird der zweite folgen, wann kommt die von Virologen aus empirischen Beobachtungen der Vergangenheit als gewisses Ereignis abgeleitete zweite Welle? - die Risikogruppen weggesperrt würden. Im Gegenteil: Das Virus hätte gerade dann freie Bahn. Die Berichte über Seniorenheime als Todeszellen sollten das deutlich machen. Da braucht es also nicht einmal einen Anruf beim Verfassungsrichter.

Würde das Szenario genau so umgesetzt und die vermeintlich Gesunden ziehen wieder in den Alltag, um zu arbeiten, dann bricht die Zeit der Superspreader an, also der Infizierten, die mit einem Augenaufschlag Hunderte anstecken. Und wenn es nicht mehr das Virus ist, dann könnte es auch die Angst sein, die sich schlagartig verbreitet. Denkt man einmal daran, wie bedrohlich die Zahlen der diagnostizierten Angststörungen und Depressionen in den letzten Jahren gestiegen sind, dann ist das Wuchern des Erregers nur ein Symptom für den Blick in eine unbestimmte Zukunft, die letztlich nur Abbau und Erosion des Erreichten verspricht.

Mehrere Generationen kannten nur den Konfliktherd am anderen Ende der Welt aus der „Tagesschau“. Ein Jahrgang, manche nennen sie die Generation Z, lebt nun mit fallenden Türmen, Tsunamis, Weihnachtsmarktanschlägen, Finanzkrisen und einer Pandemie, die Reaktionen erzwingt wie zuletzt die unheilvolle „Spanische Grippe“.

Und wenn das Coronavirus aus einem Labor in Wuhan entwich? Wenn es mit Wucht die Entwicklungsländer trifft? Oder Flüchtlingscamps? Jede Seuche verläuft in Phasen, auch bei den Erregungskurven. Dann müssen banale Fragen - etwa ob „Homeschooling“ (die Corona-Krise produziert am Fließband Sprachmüll; man wird das Gefühl nicht los, dass jeder eingebrachte Anglizismus die Idiotie der damit rhetorisch umrissenen Situation nur noch mehr verdeutlicht) einer verwöhnten Elitejugend den Schulabschlussschnitt für das Turbostudium zur Eignung für die gut bezahlten bürgerlichen Berufe versaut - einmal hintan stehen.

Stattdessen steht die Zuwendung zu anderen, zum Anderen, so sehr im Mittelpunkt wie noch nie, eben weil alle Menschen betroffen sind und die weniger Privilegierten und vor allem die Schutzlosen nun alle Sicherheitsnetze schwinden sehen. Mal wieder trifft es die Armen und Schwachen, nicht nur die Alten. Armut zerstört auf Dauer das Immunsystem, es greift den Geist an, zersetzt die Körperzellen, führt schneller zu schweren psychischen Erkrankungen, Süchten, unkontrollierbaren Ängsten, Fettleibigkeit, Aggressionen, Stumpfsinn. Die Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Erregers trifft vor allem jene, die kaum Rücklagen haben. Viele Todesfälle nach dem Virus, zum Beispiel nach überstandener, aber gesundheitsgefährdender Infektion, aber auch nach traumaartigen Erfahrungen in der Isolation, könnten mit ihm in einem Zusammenhang stehen.

Es geht deshalb auch darum, wie wir jetzt von den Leidgeprüften, den Erkrankten und Gestorbenen sprechen, „Wie wir jetzt leben“. Das ist auch der Titel einer Kurzgeschichte von Susan Sontag, die darin - adaptiv zu ihrem Essay „Krankheit als Metapher“ - am Beispiel der Aids-Krise beschreibt, was es bedeutet, wenn der Gedanke bleibt, dass nur eine bestimmte Gruppe von einer Geißel betroffen ist. In den 80ern traf AIDS die Menschen, die sich damit ansteckten, weil die Krankheit tödlich war und kein Gegenmittel zur Verfügung stand. Aber es traf auch zunächst eine Gruppe von Menschen, in diesem Fall Homosexuelle, die entweder nach stupider Vereinfachungslogik verantwortlich gemacht wurden für die Existenz des HI-Virus oder die als einzige Risikogruppe fälschlich ausgemacht wurden. Das Virus verändert die Kommunikation, zeigt sich in dieser Erzählung. Es macht die Erkrankten und die Risikogruppen zu Objekten, zu Kennziffern. Man spricht über sie, als wären sie nicht mehr da oder als könnte es ihnen jederzeit an den Kragen gehen. Über allem eine Frage: Wie geht man mit der Angst um, wenn sie begründet ist?

Es ist schwierig, zwischen all diesen wunden Ausblicken Ich zu sagen. Wir alle sind dem Kampf gegen den Erreger unterworfen. Von der Arbeit abgeschnitten. Allein oder mit der Familie in oft viel zu kleine Wohnungen gepfercht. Sorgen um die Liebsten. 

Im Gefecht mit Wahnvorstellungen: kaum Luft zum Atmen; Einkaufen als Spießrutenlauf; zerschrubbte Hände; keine Zeit, produktiv zu arbeiten; kein kulturelles Amüsement zur Ablenkung (nur elendes Gestreame); besondere Anlässe - Hochzeiten, Geburtstage, Geburten - nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen oder gar nicht mehr; nicht einmal Sterbebegleitung oder gemeinsame Trauer, geschweige denn eine würdige Form der Bestattung in Covid-19-Fällen.

Kollateralschäden, kleinere und entsetzlich große, gewiss. Am Horizont stehen diesen Bedingungen zwei Gefahrenvisionen gegenüber: Abermillionen Tote nach mehreren Seuchenphasen und/oder eine globale Rezession die selbst die Weltwirtschaftskrise der 30er in den Schatten stellen könnte, die maßgeblicher Antreiber fataler politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen war.

Genau deshalb ist es schwer, Ich zu sagen. Was bedeuten schon Tage im fremdgewählten Exil, in Ermangelung von Toilettenpapier und (nutzlosen) Viroziden im Vergleich zu solchen Alpdrücken? Wer nicht krank im Bett liegt, nach Luft und Leben jappsend, ist verschont. Natürlich ist es schon so: Dieser Ausnahmezustand fühlt sich für die Menschen, die nun aus dem Gewohnten gerissen sind, nicht wie ein Sonderfall an, sondern wie eine murmeltiertaghafte Dauerschleife eines absurd gewordenen Alltagsgeflecht, das irgendwann dazu führt, dass man den Blick für Zeit und Raum verliert. Der Zusammenhang von Pest und Karneval ist nicht nur Heinsberg-Realität, sondern historische und literarische Monströsität. Man lese nicht nur Camus „Die Pest“, sondern Defoe und Pepys und vielleicht auch Poes „Die Maske des roten Todes“.

Dieses Virus ist ein Gräuel, aber auch ein veritables Comedyprogramm. Es zwingt zur Maskierung (noch einmal Karneval!), es widerlegt den Segen der Nähe in der Krise, schließlich drückt es seine fauligen Finger in alle notdürftig verpflasterten Wunden unseres beschleunigten Daseins.

Keine Flugzeuge mehr am Himmel, die CO2-Werte fallen. Keine Restaurants mehr offen, die Menschen fressen nur noch Dosenfutter. Plötzlich ist Zeit da, um mit den eigenen Kindern im Garten zu toben, ohne dass der Blick auf Dienstmails notwendig wäre.

Dennoch: Staatliche Zuschüsse für die Darbenden nur für einen Moment, stattdessen Fantasiesummen für Kreditprogramme, Staatsanleihen und Soforthilfen für Schlüsselindustrien. Jetzt zeigt sich einmal wieder, dass es durchaus Methode hat, die Masse ganz bewusst nicht über ökonomische Gesetze und Theorien aufzuklären, obwohl es Wohlmeinende gerne in die Curricula aufgenommen sähen. Sie könnten ja verstehen lernen, welches Spiel das Geld mit uns treibt.

Indes raunen einige schon dunkelromantisch und linksverklärt, dass nach der Coronaphase endlich die richtigen Schlüsse gezogen werden könnten: Grüne Wende! Sieg der Medizintechnik! Hoffnung durch staatliche Finanzspritzen sowie Konzernübernahmen und natürlich Zentralbank-Subventionen! Ein Impfstoff von allen für alle! Das Virus macht endlich alle gleich (weil alle gleich bedroht sind?) Utopie und Dystopie liegen in diesen Tagen, das ist nur eine Erkenntnisstufe dieses skrupolösen Humorprogramms aus der Albtraumfabrik, so nah beieinander wie nie. Dabei waren beide zuvor unmöglich. Die eine wurde totgesagt, die andere in Horrorstoffen zu Tode geritten. Man sitzt im Bunker und zittert. Oder langweilt sich.

Und wo stehe ICH nun? Ich arbeite von Zuhause, am Schreibtisch, mit dem Schreibgerät. Ein paar Tage im Monat fahre ich in die Redaktion. Es sind auch befreiende Augenblicke. Aber die Arbeit fühlt sich so fahl an wie nie, obwohl sie seltsamerweise leichter von der Hand geht. Entfremdet von der gemeinsamen Produktion, immer mit dem Gefühl, dass bald noch weniger möglich ist. Gesund, auch oft munter. Ich genieße die Zeit mit meiner Frau und meinem Sohn und denke mir oft, dass es glückliche Momente sind. Ein Geschenk, weil es Zeit ist, die von jeder Alltagshast befreit ist. Geminsam essen. Gemeinsam schlafen. Gemeinsam lesen. Der Kleine lernt zu sprechen und ich kann dabei sein, kann stolz sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich kann mit ihm Janosch entdecken und Steine in den See werfen und der Frühling ist auch schon da.

Und dann ist da doch der Spagat zwischen der Arbeit, der Betreuung, dem Haushalt, der Selbstversorgung, Familie und Freunden, die man nicht sehen darf (Videotelefonie wird das Telefonieren nun schneller ablösen, als man das je für möglich gehalten hätte - wie trist das Lachen im Pixelmodus ist), der Organisation aller Kleinigkeiten. Ständig Reibereien. Man erinnert sich länger an die lauten Worte und hat so viel häufiger Kopfschmerzen. Frische Luft ist eben doch entscheidend.

Und wann bleibt Zeit zum Denken? Vielleicht entwickeln sich ein paar Dinge einfach nebenbei, weil alles andere untersagt ist. Keine Kunst ohne Krise, auch wenn das wenig freudvoll klingt. Ich ziehe jedenfalls vieles aus der Vergangenheit zurate, was mich einst beruhigt und aufgerichtet hat.

Vielleicht wird es keine zweite Welle geben, gerade weil die Schutzmaßnahmen von Peking bis Perth so überdimensional, so unverhältnismäßig waren. Vielleicht wird SARS-CoV-2 einfach vergehen, wie andere Viren auch schon entschwunden sind, ohne dass man es hätte nachverfolgen können. Vielleicht wird die rasante Beschleunigung des Wirtschaftslebens nach dem ökonomischen Shutdown zum Konjunkturprogramm, das Europa gebraucht hat. Vielleicht finden China und die USA ausgerechnet in diesem Konflikt zu einer neuen Einigkeit, die auch weltpolitisch mit Blick auf all die notleidenden Flecken Erde mehr Freiraum lässt für Führungsstärke. Vielleicht bleibt über das Gefühl der staatlichen Entmündigung hinaus ein neues Pathos für mehr gegenseitige Rücksicht. Vielleicht erhalten Menschen, die für ihre harte, systemrelevante Arbeit nur schäbig entlohnt werden, weil sie austauschbar scheinen und etwas tun, was vielen widerstrebt, endlich mehr als nur Applaus auf dem Balkon (nämlich Wertschätzung im Alltag und einen gerechten Lohn). Vielleicht zeigt sich, dass viele Opfer hätten vermieden werden können, wenn das Leben für manche Ältere ein würdevolleres und allgemein geschützteres wäre. Vielleicht spricht sich herum, dass Krankenhauspersonal Überlastungssituationen kennt, die Menschenleben kosten kann (jetzt weiß jeder, was eine Triage ist) und dass Kliniken lieber doch nicht Gewinne eintreibende Unternehmen sein sollten. Vielleicht entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, dass die unteren Zehntausend der Gesellschaft die ersten sind, die bei einer Pandemie den trockenen Husten des Todes zu spüren bekommen, weil sie hilflos sind, obwohl es mit nur wenig mehr Anstrengung aller (und existenzangstvertreibenden Maßnahmen wie etwa einem bedingungslosen Grundeinkommen) keiner Soforthilfen des Staates bedürfte. Vielleicht finden Introvertierte in Zukunft in einer immer lauter werdenden Welt geeignetere Mittel, sich auch über das Homeoffice und digitale Kommunikationsmittel besser bemerkbar zu machen. Vielleicht werden Kunst und Kultur wieder mehr wertgeschätzt und nicht nur als wertloses Konsumgut behandelt, weil sie eben vor allem in Zeiten der (geistigen, seelischen) Beschränkung Zuversicht, mehr noch aber Gedankenanregung bieten. Vielleicht bleibt im Angesicht eines globalen Wendepunkts die Ehrfurcht vor dem Nichtwissen oder dem Nochnichtwissen als intellektueller Klimmzug zu einer neuen geistigen Fitness bestehen - auch weil Wissenschaftler, Juristen, Mediziner und Politiker in diesen Zeiten als skeptische Impulsgeber auftreten, nicht als Entscheidungsträger. Man berät sich gegenseitig. Man ist füreinander da.

Vielleicht gelingt einem Virus, was den klügsten Menschenmahnern nicht gelingen mag: die Mehrheit davon zu überzeugen, dass ein Wandel notwendig und die Zeitenwende bereits gekommen ist.

Diese Text entstand in vielen Etappen. Er ist noch nicht fertig und wächst mit den Umständen.

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