Spielverderber

Vielleicht ist die Geschichte vom großen technischen Fortschritt, der die Menschen auf eine neue Stufe der Evolution hebt, doch großer Unsinn. Man denke nur einmal an die Entwicklung der Videospiele. Nach dem Tic-Tac-Toe-Programm „OXO“ in den 50er-Jahren ging es technisch, ästhetisch und vor allem narrativ immer weiter bergauf. Die Grenzen schienen lange Zeit nach oben offen. Der Fokus lag dabei stets darauf, das Leben oder die Künste zu imitieren und playable zu machen.



Videospiele sind DAS Medium einer Welt, in der die Simulation der Realität gleichwertig gegenübersteht oder sie, die Poststrukturalisten haben es natürlich als erste geahnt, sogar überholt hat. Open World. Virtual Reality. Unendliche Spielzeit. Games werden mit Geldsummen produziert, die jeden Hollywood-Film in den Schatten stellen. Auch bei den erzielten Gewinnen. Sie sind, nüchtern und ökonomisch betrachtet, das relevanteste Kulturgut unserer Zeit.

Aber: Wie lässt sich erklären, dass viele keine Lust mehr haben, sich hakelige Gamepad-Kombinationen anzugewöhnen oder stundenlange Tutorials über sich ergehen zu lassen, bis es endlich mit dem eigentlichen Spiel losgeht? Schließlich hat die gesteigerte Komplexität auch für den Spieler einen Preis. Und der hat inzwischen zu einer Gegenbewegung geführt.

Erfolg muss man sich zusätzlich erkaufen 


Millionen von Menschen spielen auf dem Smartphone radikal simple, graphisch unterirdische Minispiele, die kein Ende kennen, dem Spieler für größere Erfolge Items zu Mikrobeträgen verkaufen und permanent mit Social-Rankings daran erinnern, dass andere (befreundete) User bereits häufiger und zielsicherer unterwegs sind.

Das große Versprechen der kreativen Kaste der Videospieleindustrie, dass gegen einen bestimmten Obolus eine einzigartige Welt betreten werden kann und erst dann verblasst, wenn irgendwann der Spieler den Stromkreis schließt, wird von solchen sinnlosen Abzockereien ad absurdum geführt. Chancengleichheit gibt es nur noch gegen Bares. Vielschichtigkeit wird ganz bewusst reduziert, um die Nutzer bei der Stange zu halten und vor allem auch sehr junge Neuspieler anzuziehen, die dann nach dem Casino-Prinzip abhängig gemacht und (deren Eltern) ausgebeutet werden.



Ein Videospiel kann eigentlich nur dann eine Kunstform genannt werden, wenn es ein Ende kennt und wenn es dem Homo Ludens die Möglichkeit anbietet, gleiche Chancen zu haben, dieses Ende auch zu erreichen. Game Over und Mission Accomplished sind die technischen Äquivalente der letzten Buchseite, des fallenden Vorhangs im Theater und des Abspanns im Kino.

Wenn aber nur zum Zeitvertreib gedaddelt werden soll, welchen Sinn verfolgt das Spiel? Wenn ein Game kostenlos ist, aber Werbeeinblendungen das Spielerlebnis stören, welchen Genuss vermittelt es damit über die Zerstreuung hinaus? Und ist es nicht so, dass schon allein die Größe eines Smartphones gegen den erstaunlichen Sog in eine andere Welt spricht?

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bergkäse-Walnüsse-Trauben

Der väterliche Freund

Coldplay: Geschichte einer enttäuschten Liebe